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Corona-Pandemie Irland verhängt als erstes EU-Land den zweiten Lockdown

Eine Frau geht an einem Wandbild im Stadtzentrum von Dublin vorbei, das den Bürgern in der Corona-Zeit Mut machen soll.
Ein Wandbild in Dublin soll den Bürgern im zweiten Corona-Lockdown Mut machen.
© Niall Carson / DPA
Der irische Ministerpräsident warnt vor einem harten Winter. Mit einer Ausgangssperre und anderen strikten Lockdown-Regeln will die Regierung die steigenden Corona-Zahlen in den Griff bekommen. Andere EU-Länder könnten bald folgen.

Die zweite Welle ist endgültig in Europa angekommen - und macht auch vor den Inselstaaten nicht Halt. Als strikte Maßnahme kehrt Irland als erstes EU-Land zurück in den Corona-Lockdown. Am Mittwoch tritt die höchste von fünf Stufen in Kraft, wie die irische Regierung mitteilte. Ministerpräsident Micheál Martin ordnete am Montag erneut eine Ausgangssperre für die Bevölkerung an. Der Winter werde hart, warnte der Premier. "Jeder im Land wird gebeten, zu Hause zu bleiben", sagte Martin in einer nationalen Fernsehansprache.

Irlands neue Regeln

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag beginnt der zweite Lockdown in Irland, der zunächst auf sechs Wochen angesetzt ist. Menschen dürfen sich demnach nur noch im Umkreis von fünf Kilometern von ihrem Wohnort bewegen oder Sport treiben. Innerhalb dieses Limits dürfen sich maximal zwei Haushalte im Freien treffen. In den Innenräumen sind Besucher fremder Haushalte hingegen nicht mehr gestattet. Der öffentliche Nahverkehr wird auf 25 Prozent runtergefahren. Wer kann, muss bis zum 1. Dezember von zu Hause aus arbeiten.

Nur für das tägliche Leben unverzichtbare Geschäfte wie Supermärkte dürfen noch geöffnet bleiben. Der Einzelhandel wird bis auf das Baugewerbe geschlossen, ebenso wie Friseurläden, Schönheitssalons, Fitnessstudios, Freizeitzentren und kulturelle Einrichtungen. Hochzeiten sind nur noch mit bis zu 25 Gästen gestattet. Pubs, Cafés und Restaurants dürfen Essen nur als Lieferservice anbieten - ein verheerender Schlag für die bereits geschwächte Gastronomie.

Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen sollen jedoch offen bleiben, "weil wir nicht zulassen können und wollen, dass die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen ein weiteres Opfer dieser Krankheit wird“, sagte Regierungschef Martin. Die irische Lehrergewerkschaft forderte mit Blick auf den Schulunterricht im Winter deutlich mehr Corona-Tests. Die Regierung hofft, die Corona-Maßnahmen am 1. Dezember auf die dritte von fünf Stufen zurückfahren zu können.

"Die Reise wird nicht einfach, aber die Zukunft liegt in unseren Händen"

Aus Angst vor den verheerenden ökonomischen und sozialen Folgen eines zweiten Lockdowns hatte die irische Regierung die höchste Warnstufe bisher vermieden. Bereits der erste Lockdown im April und Mai hatte das Land erstmalig seit 2009 zurück in die Rezession geführt. Durch die Corona-Krise steckt Irland bereits in einer tiefen Rezession: Das Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni diesen Jahres sank laut dem irischem Statistikamt um 6,1 Prozent. Damit wurde selbst der Spitzenwert von 4,7 Prozent während der Finanzkrise 2008 noch übertroffen. 

Der Ministerpräsident sagte, er verstehe, dass es Enttäuschung, Einsamkeit und Verzweiflung geben würde, aber dass es auch Hoffnung geben würde. "Wenn wir uns in den nächsten sechs Wochen zusammenreißen, können wir Weihnachten auf sinnvolle Weise feiern. Die Reise wird nicht einfach, aber die Zukunft liegt in unseren Händen", so Martin.

Ziel der neuen Maßnahmen sei es, den Reproduktionswert R wieder auf unter eins zu senken. Aktuell steht der Wert in Irland bei 1,4. Nach Angaben des irischen Gesundheitsministeriums hatten sich zuletzt 1031 Personen innerhalb von 24 Stunden mit dem Corona-Virus infiziert. Insgesamt sind bislang circa 51.000 Ansteckungen auf die knapp fünf Millionen Einwohner Irlands registriert worden.

Auch der Brexit macht den Iren Sorgen

Erschwerend zu den ökonomischen Schäden durch Corona, kommt die enge Verflechtung von Irlands Wirtschaft mit Großbritannien hinzu. Im kommenden Jahr ist die Marktentwicklung des Landes demnach nicht nur von der Pandemie, sondern auch vom Brexit-Deal abhängig.

Das Problem: Im heftigen Streit um den geplanten Brexit-Handelspakt pochen Großbritannien und die Europäische Union auf Bewegung der jeweils anderen Seite. Dabei geht es um einen umfassenden Handelsvertrag vom kommenden Jahr an. Die Wirtschaft fürchtet schwere Schäden: Ohne Vertrag drohen Zölle und hohe Handelshürden. London spricht von einem Sicherheitsnetz", Brüssel von Vertragsbruch. 

Die in Dublin erscheinende "Irish Times" kommentiert am Montag "Die Zeit für Effekthascherei ist abgelaufen". Es wäre eine riesige Torheit, wenn Großbritannien im Angesicht der schwersten wirtschaftlichen Herausforderung seit der Großen Depression die EU ohne ein Handelsabkommen verlässt. Das geplante Gesetz könnte Sonderregeln für Nordirland im Brexit-Abkommen zunichte machen, die eine harte Grenze zum EU-Staat Irland und neue Feindseligkeiten dort verhindern sollen.

Andere EU-Länder folgen Irlands Maßnahmen

In fast allen EU-Ländern gelten mittlerweile wieder striktere Corona-Regeln als noch im Sommer. Wie in Irland, sehen viele Regierungen keinen anderen Ausweg, als wieder härtere und tiefgreifende Maßnahmen einzuführen um die steigenden Infektionszahlen in den Griff zu bekommen.

Im von der Corona-Pandemie besonders schwer geplagten Belgien gilt bereits seit Montag eine Ausgangssperre von Mitternacht bis 5 Uhr morgens. Restaurants und Gaststätten mussten komplett schließen. Nach Angaben der belgischen Regierung sollen die neuen Maßnahmen für vier Wochen gelten.

Auch in Slowenien gilt ab Dienstag eine Ausgangssperre, und zwar von 21 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Zusätzlich gilt ein Verbot von Reisen von Region zu Region sowie von Treffen von mehr als sechs Menschen. Slowenien war das erste Land in Europa, das im Mai das Ende der Epidemie verkündet hatte.

In Wales will die Regierung ab Freitag für zwei Wochen einen Lockdown veranlassen. Es wird "jeder dazu verpflichtet sein, zu Hause zu bleiben", sagte der Regierungschef des britischen Landesteils, Mark Drakeford. Die meisten Geschäfte müssten schließen. Ausgenommen von der Ausgangssperre seien nur Mitarbeiter absolut notwendiger Einrichtungen.

Weitere Quellen: "The Guardian"

les / tkr DPA AFP

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