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stern-Analyse "Die Welt verstehen": Ist der Krieg in der Ukraine jetzt vorbei?

Nach dem ukrainischen Abzug aus Debalzewe könnte der Krieg in der Ostukraine eigentlich zu Ende sein. Doch die Separatistenarmee dürfte noch eine weitere Stadt ins Visier nehmen.

Von Bettina Sengling

Ein Panzer der ukrainischen Armee schützt am Straßenrand den Truppenabzug aus Debalzewe

Ein Panzer der ukrainischen Armee schützt am Straßenrand den Truppenabzug aus Debalzewe

Die Bewohner des Dorfes Mironowskij trauen sich seit Wochen kaum noch auf die Straße: Seit dem 22. Januar liegt der Ort im Gebiet um Donezk unter dem Artilleriefeuer und Raketenbeschuss der Separatisten. Derzeit wird er von der ukrainischen Armee kontrolliert. Der Waffenstillstand, ausgerufen am vergangenen Samstag um Mitternacht, änderte gar nichts daran. "Die meisten Leute leben in Kellern", sagte Natalja Filajewa, Lehrerin aus Mironowskij, zu einer Reporterin der "Kyiv Post". "Wir haben keinen Strom mehr, kein Wasser, kein Gas oder Heizung." Wer noch nicht geflohen ist, sucht seit Wochen in den Kellern Schutz. In den Feuerpausen kochen sie draußen. Lebensmittel gibt es nur noch aus Hilfspaketen des Roten Kreuzes.

Mironowskij, das auf der Straße ins umkämpfte Debalzewe liegt, ist nicht der einzige Ort, an dem das Minsker Abkommen scheinbar längst Makulatur geworden ist. Schon am Montag wurde um den Flughafen in Donezk geschossen, auch das Wohnviertel Kiewskij geriet unter Beschuss. In Schirokowo bei Mariupol, der strategisch wichtigen Hafenstadt am Asowschen Meer, kämpfen heute pro-russische Separatisten gegen ukrainische Soldaten und Freiwilligenverbände. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko musste heute zugeben, dass die Schlacht um den Eisenbahnkreuzpunkt Debalzewe verloren ist: Dort hatten Separatisten Tage lang gegen eingekesselte Ukrainer gekämpft.

Nach einem langfristigen Frieden sieht es also nicht aus. Nichts deutet daran hin, dass die von Russland kontrollierte Separatisten-Armee nun schwere Waffen abzieht. In ihrem Interesse dürfte es sein, langfristig Mariupol zu erobern, erster Schritt, um einen Landzugang zur annektierten Krim zu schaffen. Außerdem haben sie Oberwasser: Die sowieso schon verarmte ukrainische Armee wird schwächer und schwächer, viele Soldaten starben, Waffen und Technik waren schon vor dem Krieg veraltet. Immer weniger Männer lassen sich mobilisieren aus Angst vor den brutalen Kämpfen an der Front.

Krieg in den Köpfen bricht aus

Doch nicht nur deshalb hat die Ukraine schon jetzt verloren: Die selbsternannten Volksrepubliken um Donezk und Luhansk versinken in Armut, viele Dörfer und Stadtteile sind zerstört. Nach dem Minsker Abkommen sollen die jedoch Teil der Ukraine bleiben, ausgestattet mit Sonderrechten. Moskau wird so auch weiterhin die Politik in der Ukraine beeinflussen können. Die Menschen in der Region sind voller Hass: Aufgewiegelt von russischer Propaganda machen sie vor allem die Ukraine für Gewalt und Zerstörung verantwortlich. Die Ukrainer wiederum hassen die Bewohner aus Donezk, weil sie die Separatisten unterstützen. Der Krieg in den Köpfen ist gerade erst ausgebrochen - selbst wenn die Waffen doch noch schweigen sollten.