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Italiens Müll: "Sie werden uns hier langsam vergiften"

In Italiens Straßen türmen sich wieder die Müllberge. Kein Wunder - wenn Müllmänner streiken, Anwohner sich gegen die Wiedereröffnung von Müllkippen wehren und Müll-Beauftragte keinen Rückhalt haben. Und auch Deutschland ist nicht ganz unschuldig an der wiederholten Müllkrise.

Von Luisa Brandl, Rom

Vor den eleganten Geschäften der Shoppingmeile Via Toledo im Zentrum Neapels türmen sich wieder die Müllsäcke. Dabei war der Unrat in den vergangenen Wochen fast ganz aus dem Stadtbild verschwunden. Nun wachsen die Abfallberge wieder. Zwei Monate nach Beginn der Müllkrise liegen derzeit 1400 Tonnen Müll auf den Straßen der süditalienischen Metropole. Noch dramatischer ist die Lage im Umland. In der Region Kampanien vergammeln 250.000 Tonnen Unrat unter freiem Himmel.

Ausgerechnet kurz vor den Osterferien erreicht die Müllkrise einen neuen Höhepunkt. Das Desaster macht der Tourismusbranche ohnehin schwer zu schaffen. In den Hotels bleiben die Betten leer, dabei ist vor Ostern normal Hochbetrieb.

Der berühmte Gourmet-Tempel "Caruso" mit Blick über den Golf von Neapel musste wegen Gästemangel schließen. "Wir mussten dichtmachen, um die Verluste einzudämmen", sagte Sergio Maione, der Besitzer des "Hotel Vesuvio", in dem sich das Restaurant befindet. "Der Tourismus in Neapel ist am Ende."

Auch Merkel meidet den Müll

Auf 70 Millionen Euro schätzt man die Verluste in der Branche. Sollte die Flaute anhalten, stehen 10.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. In guten Jahren besuchten 4,5 Millionen Touristen die Region. Doch die schmerzlichste Absage für die Neapolitaner kommt von Kanzlerin Angela Merkel, die gewöhnlich ihre Osterferien auf Ischia verbringt. Angeblich soll sie wegen der Müllkrise auf die heißen Quellen der Insel verzichtet haben.

Für den erneuten Notstand gibt es viele Gründe. Die Bürger der Region wehren sich gegen die Wiedereröffnung der alten Müllkippen, weil sie befürchten, dass von ihnen Gesundheitsgefahren ausgehen. Der Unrat wurde folglich nach Norditalien und Deutschland transportiert, um ihn dort in Verbrennungsanlagen zu vernichten. Doch Deutschland hat die Einfuhren von täglich 700 Tonnen Müll erst kürzlich unterbrochen. Hinzu kommt, dass die Arbeiter an den Müllpressen ihren Lohn vom Staat nicht pünktlich erhalten haben und streiken. Heftige Regengüsse in der Region haben zudem die Bauarbeiten für die Errichtung neuer Deponien blockiert.

Müll-Bevollmächtiger ohne politischen Rückhalt

In der Gemeinde Acerra scheint man sich indes für die Müllentsorgung wenig verantwortlich zu fühlen. Wie das Magazin "Espresso" berichtete, boykottiert der Bürgermeister die einzig funktionierende Verbrennungsanlage, indem er gezielt Polizeistreifen zur Kontrolle der Mülltransporter vor Ort schickt, die die Lastwagen-Kolonnen unter dem Vorwand geringfügiger Vergehen aufhalten sollen. Für jede Stunde, die auf diese Weise verloren geht, werden 300.000 Tonnen Müll weniger entsorgt. "Eine unglaubliche Farce", schreibt "Espresso", einige wenige Straßenpolizisten stellten sich dem Müll-Sonderkommissar in den Weg. Doch der Sonderkommissar Gianni De Gennaro ist machtlos. Die Regierung, die ihn vor zwei Monaten einsetzte, ist inzwischen zurückgetreten. Dem Müll-Bevollmächtigten fehlt der politische Rückhalt.

Erst vorige Woche kam es wieder zu heftigen Auseinandersetzungen wegen des von De Gennaro geplanten neuen Zwischenlagers in Marigliano. Die Polizei setzte Schlagstöcke gegen Demonstranten ein, neun Menschen wurden verletzt, darunter drei Polizisten. Nach einem Bericht von "La Repubblica" hatte sich der Bürgerprotest entzündet, nachdem bekannt geworden war, dass aus dem Wasserrohr einer benachbarten Kläranlage phosphorgrüne Flüssigkeit tropfte. "Die Gegend ist hochgradig verseucht", sagte die Geologin Rosa Nappi der Zeitung. "Wir befürchten, dass sich Industrierückstände im Wasser befinden. Und jetzt sollen wir auch noch die Müllballen bekommen. Sie werden uns hier langsam vergiften." Auch in Capodicchino und Somma Vesuviana versperrten aufgebrachte Bürger den Müll-Lastwagen die Durchfahrt.

Auch Deutschland springt nicht ein

Nun setzt De Gennaro auf die Bereitschaft Deutschlands, den Müll aus Italien wieder aufzunehmen. 200.000 Tonnen Abfall sollen nach dem Plan des Sonderkommissars übers Meer verschifft werden und die Häfen der Ostsee anlaufen. Letzter Bestimmungsort: die Verbrennungsanlagen in Leuna und Staßfurt. Entsprechende Verhandlungen sollen diese Woche zwischen dem italienischen Entsorgungskonzern Ecolog und Sachsen-Anhalt aufgenommen werden.