Jahrestag des Volksaufstands Blutiges Gedenken in Budapest


Am 50. Jahrestag des Volksaufstands in Ungarn haben sich rund 1000 Demonstranten in Budapest schwere Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Dabei wurden bis zu 130 Menschen verletzt.

50 Jahre nach dem Aufstand gegen die sowjetische Herrschaft in Ungarn sind bei Demonstrationen gegen die Regierung sind nach offiziellen Angaben rund 130 Menschen verletzt worden. Unter ihnen sind auch etliche Polizisten, wie Rettungssanitäter in der Nacht zum Dienstag mitteilten. Die Polizei ging bis spät in die Nacht an mehreren Stellen der Hauptstadt mit Tränengas gegen Demonstranten vor. Die Sicherheitskräfte versuchten, die Protestierenden durch das Abfeuern von Gummi-Geschossen vom Parlamentsgebäude fern zu halten, wo die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag geplant waren. Etwa 100 Demonstranten seien festgenommen worden, teilte die Polizei mit.

Aus Sicherheitsgründen hatte Staatspräsident Laszlo Solyom am Montagabend auf eine Teilnahme an der Enthüllung einer Statue zum Gedenken an den Volksaufstand verzichtet. Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany nahm an der Zeremonie in der Nähe des Heldenplatzes teil und wurde von mehreren tausend Regierungsgegnern ausgepfiffen. Am Festakt nahm auch Bundespräsident Horst Köhler teil.

Einige der Demonstranten besetzten einen Panzer von 1956 und fuhren damit auf die Polizei zu. Als die Polizisten Tränengas abfeuerten, stoppten sie den Panzer. Zuvor waren die Sicherheitskräfte Medienberichten zufolge bereits mit Schlagstöcken gegen die Menge vorgegangen. Einige Demonstranten schleuderten Augenzeugen zufolge Steine auf die Polizisten.

Vorwurf der Wählertäuschung

Wie schon in den vergangenen Wochen richteten sich die Straßenproteste gegen die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany, der unlängst zugab, die Wähler im Frühjahr gezielt belogen zu haben. Schon bevor dies bekannt wurde, hatten Kritiker bemängelt, die Sozialisten seien als direkte Nachfolger der Kommunisten nicht geeignet, die Gedenkfeiern abzuhalten.

Neben den gewaltsamen Protesten fand auch eine Demonstration statt, zu der die oppositionelle Fidesz-Partei aufgerufen hatte. Der Kundgebung schlossen sich Zehntausende Menschen an. Fidesz-Chef Viktor Orban forderte die Demonstranten auf, sich friedlich zu verhalten und kritisierte zugleich die "unrechtmäßige Regierung".

Gyurcsany redet im Parlament

Im Parlament selbst sprach während der Proteste Gyurcsany. Er betonte, dass die Menschen 1956 keine andere Wahl gehabt hätten, als zu rebellieren. Heute aber sei Ungarn ein moderner demokratischer Staat. Seit Mai 2004 ist das Land Mitglied der Europäischen Union. Trotz gelegentlicher Unzufriedenheit und Enttäuschung glaube die Mehrheit der Bevölkerung, dass die parlamentarische Demokratie am besten geeignet sei, den Willen des Volkes auszudrücken.

Bei dem Aufstand 1956 hatten sich die Ungarn gegen den sowjetischen Einfluss aufgelehnt. Die Rote Armee schlug den Aufstand aber nieder, 2600 Menschen kamen ums Leben. Der damalige Ministerpräsident Imre Nagy und 200 weitere Personen wurden wegen ihrer Beteiligung an dem Aufstand hingerichtet. Rund 200.000 Leute verließen das Land.

Vor diesem Hintergrund empfinden viele Menschen die Worte des Regierungschefs als Verrat an den Ideen von 1956. Schon bei einer Veranstaltung am Sonntag hatten sich frühere politische Gefangene geweigert, Gyurcsany die Hände zu reichen. Bis Montagmittag versammelten sich dann etwa 3000 Demonstranten auf dem Corvin-Platz, wo vor 50 Jahren tausende Menschen gegen die Rote Armee gekämpft hatten. Sie riefen "56" und "Verräter". Auf einem Transparent stand: "Liebe Gäste, willkommen im Gyurcsany-Land, wo Lügen wie die Wahrheit aussehen und Sünde wie Tugend daherkommt." Die größte konservative Oppositionspartei Fidesz, die Gyurcsanys Reden im Parlament seit einiger Zeit boykottiert, rief für den Nachmittag ebenfalls zu Protesten auf.

Zu den offiziellen Gedenkfeiern waren mehr als 50 ausländische Würdenträger geladen. Papst Benedikt schickte seine Grüße an Ungarns Präsidenten Laszlo Solyom aus dem Vatikan. Die Erinnerungen an die Ereignisse des Jahres 1956 seien noch sehr präsent, hieß es in der Botschaft, in der er den Mut der Aufständischen von damals lobte. Der Jahrestag müsse nun von Europa dazu genutzt werden, sich wieder auf seine spirituellen Werte zu besinnen.

Reuters/AP AP Reuters

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