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Jonathan K. Idema: Kopfgeldjagd in Kabul

In Kabul wird das Urteil im Prozess gegen drei Amerikaner erwartet, die Afghanen entführt und gefoltert haben sollen. Ihr Anführer, ein Ex-Soldat der US-Special-Forces, behauptet, für das Pentagon gearbeitet zu haben.

Maulawi Muhammad Siddiq wollte mit seiner Familie frühstücken, als die drei Amerikaner sein Haus in Kabul stürmten. Bis an die Zähne seien die Eindringlinge bewaffnet gewesen, sagt er. Sie hätten Schüsse abgefeuert, dann seien er, sein Bruder und andere Verwandte gefesselt und verschleppt worden. Anfang Juli befreite die Polizei die Zivilisten aus der Gewalt der selbst ernannten Anti-Terror-Kämpfer um Jonathan Keith Idema oder "Tora-Bora-Jack", wie er sich selbst gern nennt. Nun wird den mutmaßlichen Kopfgeldjägern in Kabul der Prozess gemacht. Der verhandelnde Richter hofft, an diesem Montag sein Urteil fällen zu können.

An den Füssen aufgehängt und geschlagen

Die Amerikaner hätten ihn in ihr Haus in Kabul entführt, mit dem Gesicht nach unten habe er sich auf den Boden legen müssen. "Niemand merkt, wenn wir Dich töten und in die Wüste werfen", habe Idema gedroht - Siddiq, der selbst Richter am afghanischen Verfassungsgericht ist, solle verraten, wer unter den Gefangenen der Top-Terrorist sei. Mit eiskaltem Wasser sei er übergossen worden, die ersten drei Tage habe er nicht essen, auf die Toilette gehen oder beten dürfen. Zwölf Tage war er in der Gewalt der Amerikaner. Andere Opfer berichten davon, an den Füssen aufgehängt und geschlagen worden zu sein.

Die drei Amerikaner hatten ein Haus in einem der besseren Viertel der Hauptstadt gemietet, dessen Keller sie in ein Gefängnis mit Folterkammer umwandelten, während sie selbst im oberen Stock schliefen und - so behauptet ein Anwohner empört - wilde Partys mit Alkohol und Frauen feierten.

Umstritten ist, in wessen Auftrag Idemas Gruppe Afghanen verschleppte und angeblich folterte. Der 48-Jährige behauptet, er habe für das Pentagon gearbeitet. Beweise, sagt der verhandelnde Richter Abdul Baset Bakhtyari, habe Idema dafür nicht vorgelegt. Die US-Regierung bestreitet, dass der frühere "Special Forces"-Soldat in ihrem Auftrag handelte. "Idema ist hier in Afghanistan nie Teil der Koalitionstruppen gewesen", sagt auch US-Armeesprecher Jon Siepmann.

Ein ganzes Jahr lang sollen die mutmaßlichen Kopfgeldjäger ungestört ihre persönliche Terroristenjagd in Kabul veranstaltet haben. Angesichts der zahlreichen Vertreter von Sicherheitskräften und Geheimdiensten in Kabul scheint zweifelhaft, ob dies gänzlich unbemerkt geschehen konnte. Die Tarnung war allerdings gut genug, um die Internationale Schutztruppe ISAF hinters Licht zu führen.

Um auf die Spur von Bin Laden und Mullah Omar zu kommen, hat Idema die Taliban in der Bevölkerung "identifiziert". Er und seine Helfer griffen sich in den Straßen Kabuls Männer mit langen Bärten und verschleppten sie in ihr Geheimgefängnis. Dort wurden die Männer so lange geschlagen und misshandelt, bis sie "gestanden", Talibankämpfer zu sein. Wenn es für den "Ordnungshüter", wie offizielle US-Stellen und amerikanische Medien Idema bezeichnen, und seine Leute zu gefährlich war, die "Verdächtigen" allein zu verschleppen, dann bedienten sie sich der ISAF und setzten deren Feuerkraft ein, um Häuser zu stürmen, in denen sich Männer mit langen Bärten befanden.

"Diesen Leuten stellst Du keine Fragen"

"Einsatzgruppe Säbel Sieben" nannte sich Idemas Gruppe - sie schien eine der vielen US-Task-Forces zu sein, die in Afghanistan mehr oder weniger verdeckt operieren. "Der Kerl kam überzeugend rüber", sagt ISAF-Sprecher Chris Henderson. Idema habe eine Uniform mit aufgenähter US-Flagge getragen und wie ein Soldat gesprochen. Es gebe viele Sicherheitsleute mit Sonnenbrillen, die in Geländewagen mit verdunkelten Scheiben durch Kabul führen. "Diesen Leuten stellst Du keine Fragen", sagt Henderson.

Drei Mal schickte die ISAF auf kurzfristige Telefonanrufe Idemas hin Ende Juni Sprengstoffexperten zu den illegalen Razzien. Anfang Juli fragte jemand von der ISAF nach, warum "Säbel Sieben" eigentlich nie den offiziellen Dienstweg einhalte - die Antwort der US-Armee: Eine solche Task Force gebe es gar nicht.

Was nicht heißt, dass die Amerikaner nicht schon längst mit Idema in Kontakt gewesen wären. Bereits Anfang Mai übergab er der US-Armee einen vermeintlichen Terrorverdächtigen. Nach zwei Monaten Verhör stellte sich heraus, dass es sich nicht um den Gesuchten handelte. Ein ärgerlicher Irrtum, so der Tenor bei den US-Streitkräften, der aber im Anti-Terror-Kampf schon mal vorkommen könne.

Angeklagten drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis

"Nicht nur für mich, für alle Afghanen ist unglaublich, dass so etwas passieren konnte", sagt Richter Bakhtyari mit Blick auf die eigenmächtige Terroristenjagd. Idema und seinen Männern drohen nun bis zu 20 Jahre Gefängnis, im Fall einer Verurteilung müssen sie ihre Strafe laut Bakhtyari in Afghanistan verbüßen. Die Afghanen, aber auch die ISAF und die US-Truppen hoffen auf eine abschreckende Wirkung. Sie alle befürchten, dass in Afghanistan noch mehr Söldnergruppen operieren - die auf jene Kopfgeld-Millionen spekulieren, die die USA auf Terroristen ausgelobt haben.

Idema stammt US-Medien zufolge aus Poughkeepsie in New York. Er war 1975 bis 1992 Mitglied der Special Forces und hatte danach eine Firma, die mit Militärausrüstung handelte. Wegen Betrugs wurde er 1994 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In den USA klagt Idema seinerseits noch gegen Steven Spielbergs Firma DreamWorks. Deren Film "The Peacemaker" mit George Cloney über einen außer Kontrolle geratenen US-Oberst, der Jagd auf russische Atomschmuggler macht, soll auf Idemas Geschichte basieren.

Can Merey/DPA / DPA
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