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Kämpfe in Libyen dauern an: Im "befreiten" Misrata wird weiter gestorben

"Misrata ist frei", jubelten die libyschen Rebellen schon. Doch in der drittgrößten Stadt des Landes wird weiter gekämpft und weiter gestorben. Angeblich ist es sogar schlimmer als zuvor.

Obwohl die Rebellen bereits die Befreiung des seit Monaten umkämpften Misrata ausgerufen haben, hat es in der Stadt auch am Samstag heftige Kämpfe gegeben. Dabei sollen nach Medizinerangaben mehr als 25 Menschen getötet und rund hundert verletzt worden sein. Das seien doppelt so viele wie an "normalen"Kampftagen, hieß es. Die Krankenwagen kämen im Fünf- bis Zehn-Minutentakt und die Ärzte würden mit der Versorgung der Verletzten kaum fertig. Es mangele an allem, sagte der Arzt.

"Misrata ist frei", hatte ein Sprecher der Aufständischen am Samstag in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters verkündet. Die Truppen von Machthaber Muammar al Gaddafi seien auf der Flucht aus der im Westen gelegenen drittgrößten Stadt des nordafrikanischen Landes.

Gefangen genommene Soldaten berichteten, ihnen sei am Freitag der Abzug befohlen worden. Ein verwundeter Soldat sagte, Rebellen hätten seine Einheit am Samstagmorgen beim Abzug angegriffen. Einer seiner Kameraden bejahte die Frage, ob die Regierung die Kontrolle über die drittgrößte Stadt Libyens verloren habe. Die Soldaten gehörten zu einer Gruppe von zwölf Gefangenen, deren Wunden in einem Krankenhaus behandelt wurden. In den vergangenen Tagen hatte es Anzeichen für Erfolge der Aufständischen in der Enklave gegeben. So gaben sie die Eroberung eines wichtigen Gebäudes im Stadtzentrum bekannt, das Scharfschützen Gaddafis als Stützpunkt diente.

Milizionäre kämpfen weiter

Ob der Sieg zu früh verkündet worden ist oder ob sich versprengte Soldaten weiterhin zur Wehr setzen, ist derzeit unklar. Vize-Außenminister Chaled Kaim hatte den Rückzug der Armee angekündigt und ihn mit den westlichen Luftangriffen begründet. Das Feld werde nun den örtlichen Stämmen überlassen. Wie sich nun zeigt, dürfte sich anders als zunächst angenommen die Lage in Misrata kaum ändern. Viele Stammesangehörige, so heißt es, kämpften bereits als Milizionäre oder als "Freiwillige" an der Seite der libyschen Armee.

Kaim hatte die sogenannte Taktikänderung für das Vorgehen in der umkämpften Stadt am Vormittag erläutert. "Die Situation in Misrata wird entschärft, wird bewältigt durch die Stämme rund um Misrata und die verbliebene Bevölkerung von Misrata und nicht durch die libysche Armee", sagte er vor Journalisten in Tripolis. "Die Taktik der libyschen Armee zielt auf eine chirurgische Lösung ab, aber das funktioniert nicht mit den Luftangriffen." Gaddafis Truppen sollen nach Worten Kaims außerdem "heraus aus dieser Situation in Misrata, weil das libysche Volk rund um Misrata es so nicht aushalten kann". Hunderte von Menschen sind bei den Kämpfen um die Stadt getötet worden. Das Benzin wird knapp. Tausende von Migranten sitzen dort fest.

Unterdessen beschossen Nato-Kampfflieger ein Areal nahe dem Amtssitz Gaddafis in der Hauptstadt Tripolis. Reportern zufolge sah es so aus, als werde ein Bunker beschossen. Regierungssprecher Mussa Ibrahim sprach dagegen von einem Angriff auf einen Parkplatz, bei dem drei Menschen getötet worden seien.

Laut US-Regierung Pattsituation in Misrata

Nach Angaben von US-Generalstabschef Mike Mullen haben die westlichen Kampfflugzeuge den Bodentruppen der Regierung zwar schwere Verluste zugefügt. Zugleich äußerte er am Freitag aber die Einschätzung, dass die Kämpfe mit den Rebellen derzeit auf eine Patt-Situation hinausliefen. Im Laufe des Tages bestätigte sich diese Einschätzung. Mullens Stellvertreter James Cartwright kündigte den Einsatz von Drohnen an, was auf den Beifall der Aufständischen stieß.

Als bislang wichtigster westlicher Politiker besuchte US-Senator John McCain, der im Präsidenten-Wahlkampf 2008 gegen Barack Obama angetreten war, am Freitag Gebiete der Aufständischen in Libyen. In der Rebellen-Hochburg Bengasi äußerte er sich unzufrieden mit dem zurückhaltenden militärischen Eingreifen Washingtons. McCain forderte die US-Regierung auf, tieffliegende Erdkampfflugzeuge der Typen A-10 und AC-130 einzusetzen. Außerdem verlangte er, den Übergangsrat der Rebellen anzuerkennen. Dies hat Frankreich bereits getan. Ein Sprecher des US-Präsidialamtes entgegnete: "Unserer Auffassung ist es Sache des libyschen Volkes zu entscheiden, wer das Land führt - und nicht der USA." Auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy beabsichtigt nach Informationen aus seiner Umgebung einen Kurzbesuch in Bengasi.

dho/Reuters/AFP / Reuters
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