VG-Wort Pixel

Kanzlerin Merkel in Russland und China Schön ist es, in der Welt zu sein


Fette Aufträge für die Wirtschaft, große Komplimente für ihre Regierungskunst - auf ihrer Reise nach Russland und China genießt Angela Merkel, dass alles so anders ist als zuhause.
Von Andreas Hoidn-Borchers, Peking

Ein bisschen hat es etwas von der WM, von der die Chinesen immer noch schwärmen. Vor allem von diesem wuseligen, neuen, inspirierten Spiel der Deutschen. Wie Angela Merkel da die Reihe ihrer Mitreisenden abschreitet und sie dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao vorstellt, vom bald scheidenden Regierungssprecher Uli Wilhelm über die grüne Abgeordnete Marieluise Beck bis zum DGB-Chef Michael Sommer, dem Wen besondere Aufmerksamkeit schenkt - das erinnert doch stark an die Bilder vom Finale, als die Kapitäne vor dem Anpfiff ihre Mannschaften den Staatschefs präsentierten. Nur dass erstens hier vor Merkel und Wen eine Zwölferreihe steht, dass zweitens die Nationalhymnen danach gespielt werden und es drittens hier nicht um eine Frage von Leben und Tod und mehr geht, sondern nur um die deutsch-chinesischen Beziehungen. Aber immerhin.

Peking, 16. Juli 2010. In der Großen Halle des Volkes ist es erfrischend kühl, und das ist auch gut so. Denn würde das Zeremoniell mit militärischen Ehren, mit dem der chinesische Premier die deutsche Kanzlerin bei ihrem Besuch begrüßt, im Freien stattfinden - es hätte vermutlich verheerende Folgen für Kreislauf und Make-Up aller Beteiligten. Peking gleicht einer aufgeheizten Waschküche. Es ist heiß und extrem feucht, die Stadt dampft. Da tut ein bisschen Kühle ganz gut. Spaß macht das Abschreiten der Ehrenformation trotzdem nur eingeschränkt, deutlich weniger jedenfalls als Fußball. Aber muss ja.

"Alles mit Angela besprechen"

Zumal es auch sonst nicht an Wärme mangelt. Man kann gut verstehen, dass Angela Merkel es derzeit genießt, sich außer Landes aufzuhalten - auch wenn sie wegen der Zeitverschiebung gelegentlich einen heftigen Strauß ficht mit den Folgen des Schlafmangels. Aber das nimmt sie wohl gerne in Kauf. Denn während sie daheim in der Beliebtheit der Bürger in Regionen abgerutscht ist, die sie Zeit ihrer Kanzlerschaft noch nicht kannte, und die Partner in ihrer Koalition auch nach dem neuesten Neustart weiter aufeinander losgehen wie Rummelboxer - während es daheim also eher unverändert unerfreulich läuft, kann sie sich auf ihren Reisen derzeit vor Zuneigung kaum retten.

Am Donnerstag erst, in Jekaterinburg, hat der russische Premier Dimitrij Medwedew sie in einem fort charmiert wie eine politische Schönheitskönigin. Und sie hat zurückgeturtelt. Beim Abendessen tags zuvor "war es möglich, mit Angela alles zu besprechen", schwärmte Dimitri, und Angela ergänzte: "Da wir einigermaßen standhaft und durchhaltefähig sind, kann es schon mal länger werden." Es dauerte schließlich bis weit nach Mitternacht, und am nächsten Morgen versicherte Medwedew, dass Deutschland auf der Liste der Partner, die Russland bei der Modernisierung des Landes helfen und dabei natürlich auch profitieren sollen, "an erster Stelle" stehe, vor Frankreich, Italien und den USA. Der mitgereiste Siemens-Chef Peter Löscher konnte in Jekaterinburg gleich vier Abkommen mit den Russen unterzeichnen, zwei davon über ziemlich fette Aufträge.

Chinesen wollen Euro-Reserven halten

So verbinden sich politische Sympathie und - politischer - Profit aufs Vorteilhafteste. Und nun ist der Chinese dran, Lob und Preis über die Deutschen und ihre Kanzlerin zu schütten. Der 67-Jährige Wen neigt dabei nicht so zum Überschwang wie Medwedew, er kommt aus einer anderen Generation und, vor allem, einer anderen Kultur. Seine Wertschätzung macht er weniger mit großen Worten als mit stillen Gesten deutlich. Für Samstag hat er die Kanzlerin in die alte chinesische Hauptstadt Xi'an eingeladen, zum gemeinsamen Frühstück und zur Besichtigung der Terrakotta-Armee. So etwas ist noch keinem anderen europäischen Regierungschef widerfahren - und es hat mit Sicherheit nicht damit zu tun, dass Angela Merkel am Samstag Geburtstag feiert, jedenfalls nicht nur.

Denn da sind auch noch die politischen Aussagen. "Beide Regierungen sind in einem Boot", sagt Wen. "Auf uns warten wichtige Missionen, Hand in Hand werden wir nach vorne schreiten." Das klingt zwar so, ist aber keine Lyrik. Einmal jährlich wollen die beiden Regierungschefs der "großen oder großartigen Nationen" (Wen), die sich einigermaßen erfolgreich mit ähnlichen Mitteln durch die Krise gekämpft haben, sich künftig treffen und abstimmen, vor allem in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen. Auch die Ministerien sollen eng kooperieren. Und, was fast noch wichtiger ist: Wen versichert der Kanzlerin, dass die Chinesen ihre immensen Euro-Reserven halten und nicht für neue Turbulenzen in der Euro-Zone sorgen werden: "Der europäische Finanzmarkt war, ist und wird auch in Zukunft einer der Hauptinvestitionsmärkte der chinesischen Devisenreserve sein."

Pointiert, witzig, locker - im Ausland

Plötzlich ist die Frau, die in der Euro-Krise zeitweise ziemlich isoliert schien, weltweit wieder top und gefragt. Die Zuwendung der Chinesen, auch das sollte man nicht unterschätzen, gilt übrigens einer deutschen Regierungschefin, die sie als Nachfolgerin des dezidierten China-Freundes Schröder erst einmal skeptisch beäugt hatten und der sie vor nicht gar zu langer Zeit - nachdem sie den Dalai Lama empfangen hatte - noch die kalte Schulter zeigten. Diese neue Zuwendung wurde nicht einmal dadurch getrübt, dass Merkel demonstrativ ihren Umweltminister Norbert Röttgen mitgebracht hat - als klares Signal an die Chinesen, dass sie von ihnen mehr Engagement in Klimafragen erwartet.

Vielleicht erlebt man auch deshalb in diesen Tagen eine Merkel, wie sie eben auch auftreten kann - wenn sie im Ausland ist. Trotz sichtbaren Jetlags locker, pointiert, witzig, offen - und ohne sich anzubiedern. Am Freitag besucht sie die chinesische Parteihochschule und beantwortet die Fragen der Nachwuchskader und Professoren. Die Folgen des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas? Natürlich ein stärkeres Engagement bei Kriegen und Konflikten: "China wird sicher noch mehr Verantwortung für die Welt übernehmen müssen - was nicht nur angenehm ist." Ob China nicht viel stärker geholfen werden können, etwa durch die Überlassung von Patenten? Sie verweist auf die ohnehin schon herrschende Produktpiraterie: "Die Sorge unserer Unternehmer ist: Wenn China eine Technologie erlernt hat, und das geht sehr schnell, werden sie nicht mehr gebraucht." Warum sie sich nicht für das Ende des Waffenembargos einsetze? Da erinnert sie an das Massaker am Tian'anmen-Platz. "Wie ist die innere Offenheit der chinesischen Gesellschaft? Da ist man bei uns sehr sensibel."

Am Schluss fragt eine chinesische Funktionärin, was für Merkel denn die größte Herausforderung als erste Frau im Kanzleramt sei. Merkel stellt eine Gegenfrage: Wie viele Frauen gibt es denn in China in Spitzenpositionen?

"Eine Parteisekretärin und eine ehemalige Gouverneurin."

"Eine ehemalige Gouverneurin und eine Parteisekretärin - da haben Sie aber noch ein bisschen was zu tun."

"Aber wir haben 30 stellvertretende Gouverneurinnen."

"Ja", entgegnet Merkel trocken, "so fängt's an."

Und wie es endet? Demnächst mehr an dieser Stelle.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker