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Kinder in Ruanda: Mein Kind ist das Kind meines Feindes

In der Nacht vom 6. auf den 7. April 1994 begann der Völkermord in Ruanda: Hutu-Milizen erschlugen ihre Mitbürger vom Volk der Tutsi, Zehntausende Mädchen vergewaltigt. Viele ihrer Kinder haben in diesen Wochen zwölften Geburtstag. Die Mütter sprechen nun erstmals offen über ihre "Schande".

Von Michael Streck

Gelegentlich entstehen die besten und wichtigsten Geschichten durch Zufälle. Als Jonathan Torgovnik, 37, im vergangenen Jahr für das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" für eine Reportage über Aids in Afrika fotografierte, kam er in Kontakt mit Margaret Mukacyaka. Die Frau erzählte von ihrem Schicksal: vergewaltigt während des Bürgerkrieges in Ruanda vor 13 Jahren, Mutter eines Kindes, dessen Vater ihr Vergewaltiger ist. Margaret kümmert sich seitdem für die Hilfsorganisation "Avega" um Frauen mit ähnlicher Vergangenheit. Das sind in Ruanda nach vorsichtigen Schätzungen 20 000.

Das Gespräch liess Torgovnik nicht mehr los. Er beschloss wiederzukommen und die Geschichte dieser Frauen zu dokumentieren. In Wort und Bild. Er reiste abermals nach Afrika, fotografierte und interviewte ein Dutzend Frauen. Und sie erzählten. Einige vorsichtig und zurückhaltend, andere ohne Unterlass. Sie berichteten vom Völkermord, von endlosen Vergewaltigungen, von Todessehnsucht, von ihrem Wunsch, abzutreiben, von der Geburt und ihrer Distanz zu den Neugeborenen - auch von den latenten Gedanken, die Kinder umzubringen.

Für die Frauen hörte das Leiden nach dem dreimonatigen Massaker nicht auf. Viele wurden von ihren Familien verstoßen. Weil Vergewaltigung Scham und Schande bedeutet. "Manchmal", sagt Torgovnik, "saßen wir stundenlang zusammen. Die Frauen, die Kinder, mein Übersetzer Geoffrey. Und wir alle weinten."

Torgovnik, geboren und aufgewachsen in Israel, hat in seiner Laufbahn eine Menge erlebt. Er arbeitete für "Newsweek", für "Paris Match", "Geo" und stern. Er sah aus seinem Wohnzimmerfenster in der Houston Street in Manhattan, wie die Türme des World Trade Center brannten, er begleitete US-Marines und israelische Soldaten. Er fotografierte Kriege und Drogenopfer. Aber keine Geschichte berührte ihn so sehr wie die der geschändeten Frauen und ihrer Kinder in Ruanda. Er sagt: "Jedes Schicksal ist einzigartig. Jede Geschichte hat ihre besondere Facette. Aber was sie eint, ist: Sie wachen jeden Morgen auf, schauen in die Augen dieser Kinder und damit auch in die Augen ihrer Peiniger. Und doch: Es sind ihre Kinder." 70 Prozent der Frauen sind HIV-positiv; nicht eine von ihnen lebt mit einem Mann zusammen, der Gedanke an Sex lässt sie alle schaudern. "Sie haben ihre Würde verloren, sie sind allein, machtlos und bitterarm", sagt er.

Vergewaltigung ist eine Waffe. Die Frauen mussten teilweise mit anschauen, wie ihre Mütter, Väter und Geschwister von den Hutu-Milizen bestialisch gefoltert und abgeschlachtet wurden. "Du darfst leben", sagten die Soldaten, "du sollst an deiner Trauer sterben." Aber sie leben. Sie leben mit einer Wunde. Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis sie die Kraft und den Mut hatten, sich zu öffnen und über die grausige Vergangenheit zu sprechen. "Das ist vielleicht der Beginn eines Heilungsprozesses", sagt der Fotograf und Chronist.

Die Geschichte wiederholt sich. Es passiert wieder. Und wieder vor unseren Augen, diesmal in Darfur. Torgovnik würde gern einige dieser Frauen aus Ruanda mit Mädchen aus Darfur zusammenbringen, die Ähnliches durchlitten haben. Daran arbeitet er. Torgovnik ist seit dieser Woche wieder unterwegs in Ruanda. "Ich möchte diesen Frauen und ihren Kindern helfen." Der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist Bildung. Die Frauen können sich kein Schulgeld leisten, und so bleiben ihre Söhne und Töchter davon ausgeschlossen.

Ein Teufelskreis. Das will er ändern. Torgovnik kooperiert vor Ort mit einer Hilfsorganisation, die Spenden in Schulgeld, Schuluniformen und Schuhe investiert. 100 Dollar pro Kind und pro Jahr. Das würde reichen", sagt er. Es wäre zumindest ein Anfang. Die Kinder sind unschuldig. Sie sind Opfer wie ihre Mütter. Sie können nichts für die Verbrechen ihrer Väter, die sie nie gesehen haben.

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