Kofi Annan Der Mächtigste einer machtlosen Organisation


Der Nachfahre eines Häuptlings des Fante-Stammes in Ghana erscheint vielen wie ein Superstar der Diplomatie. Doch UN-Generalsekretär Kofi Annan ist sich seiner Machtlosigkeit bewusst.

Für Kofi Annan, der den Zustand der Welt mit sanfter Stimme, aber in klaren Worten zu beschreiben vermag, war am 20. März wieder mal eine Hoffnung gestorben: "Trotz größter Bemühungen der Vereinten Nationen ist es zum dritten Irak-Krieg innerhalb eines Vierteljahrhunderts gekommen."

Superstar der Diplomatie

Am 8. April wird der UN-Generalsekretärs 65. Doch Annan ist nicht nach Feiern zumute. Im Kreis der engsten Mitarbeiter werde es vielleicht ein Glas Sekt geben, hört man im Hauptquartier der Vereinten Nationen. Ansonsten werde der Geburtstag als Privatangelegenheit betrachtet. Eine öffentliche Party für den Friedensnobelpreisträger würde wohl auch kaum zum Kriegsgeschehen im Irak passen.

Vielen erscheint der charismatische Nachfahre eines Häuptlings des Fante-Stammes in Ghana, der als UN-Generalsekretär einen Apparat mit weltweit 15 000 Mitarbeitern dirigiert, wie ein Superstar der Diplomatie. Annan selbst, der seine Ausbildung zum Wirtschaftswissenschaftler in den USA und in der Schweiz erhielt und die Vereinten Nationen wie seine Westentasche kennt, ist sich allerdings der Tatsache bewusst, dass er nur der Mächtigste in einer politisch machtlosen Organisation ist.

Klingen aus Zahnstochern

Als der afghanische Präsident Hamid Karsai ihn scherzhaft "Präsident der Welt" nannte, fand Annan dafür nicht die Spur eines Lächelns. In einer Welt, als deren militärisches Machtzentrum sich das Pentagon erweist, nehmen sich seine Klingen, zu denen das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen ebenso gehören wie die viel zitierte "moralische Autorität der UN", wie Zahnstocher aus.

Annan kann nur versuchen, Regierungen zu drängen und zu überreden. Er kann an sie appellieren, und er kann sie auch - mit vorsichtig gesetzten diplomatischen Worten - bloßstellen. Kriege verhindern, Konfliktgegner für Verhandlungslösungen an einen Tisch bringen - das kann er nur mit beharrlicher Überzeugungsarbeit versuchen. Aber versuchen muss er es. Das ist die vornehmste Aufgabe seines Amtes. Selten gelingt der Versuch, aber immer setzt er sich ganz dafür ein.

Visionen für eine Weltorganisation

Selbst nach schwersten Rückschlägen - wie 1994, als die Vereinten Nationen den absehbaren Völkermord an den Tutsi in Ruanda nicht verhinderten - gibt Annan nicht auf. Damals war er als Untergeneralsekretär für die UN-Blauhelmeinsätze verantwortlich. Die USA blockierten im Sicherheitsrat das Eingreifen von UN-Soldaten. Bittere Erfahrungen wie diese ließen Annan, der 1962 als Verwaltungsbeamter in die UN-Dienste eingetreten war und 1997 das Spitzenamt übernahm, zum Vorkämpfer "robuster UN-Militäreinsätze" werden.

Dem UN-Millenniumsgipfel legte er im Jahr 2000 seine politische Vision für eine Weltorganisation vor, die von allen Mitgliedstaaten als Ordnungsmacht akzeptiert wird. Doch dann kam der 11. September 2001, und Annans Zukunftsplan brach wie ein Kartenhaus zusammen. Er konnte nur zusehen, wie sich die USA vom Multilateralismus verabschiedeten und sich das Recht zusprachen, Präventivkriege zu führen - eine Doktrin, die im Gegensatz zur UN-Charta steht.

Wieder einmal sieht sich Annan, der nimmermüde verkündet "Frieden ist möglich", mit einem politischen Scherbenhaufen konfrontiert. Statt einer Friedensbewahrerin gleicht die Weltorganisation heute eher einem Reparaturbetrieb für den Nachkriegs-Irak. Annan fiel der Auftrag des Sicherheitsrates zu, das Irak-Hilfsprogramm "Öl für Lebensmittel" zu verwalten. Ob die UN im Nachkriegs-Irak mehr als nur humanitäre Hilfe leisten und vielleicht gar Teil einer provisorischen Administration sein sollen, hat Washington noch nicht entschieden.

Thomas Burmeister DPA

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