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Kommentar: Der Groß-Motivator

Es war ein historischer Abend in einem historischen Wahlkampf - der erste schwarze Präsidentschaftskandidat in der Geschichte der USA. Vor 75.000 Zuschauern zollte Barack Obama in einer historischen Rede seiner Freiwilligenarmee Tribut. Seine bunte "Koalition der Willigen" wird für ihn in eine entscheidende Schlacht um Amerikas Zukunft ziehen. Gestern Abend war es, als könne Amerika acht dunkle, furchterregende Jahre wirklich hinter sich lassen

Von Katja Gloger, Denver

Den ganzen Tag über waren sie ins Stadion gezogen, in einer endlosen, langen, bunten Reihe unter knallblauem Rocky Mountains Himmel, eine friedliche, bunte Prozession zu einer Krönungsmesse. Gestern Abend zelebrierten 75.000 Obama-Jünger den vorläufigen Höhepunkt einer bislang perfekt inszenierten Wahlkampfstrategie. Eine Bühne in Demokraten-Blau, ein Podium, flankiert von Säulen, eine Mischung aus altem Griechenland und Disneyland. "Obamanopolis" - eine pompöse Kulisse für die bislang größte Obama-Show auf amerikanischem Festland. Mit Stevie Wonder im sanften Sonnenuntergang und Jon Bon Jovi und Sheryl Crow und John Legend mit seinem "Yes,we can" und All American Hero Bruce Springsteen und Martin Luther Kings Sohn und Friedensnobelpreisträger Al Gore und dann kam ER.

Eine Bühne, eine Kulisse, auf der man ganz klein steht als Mensch. Ein Ort, um über sich selbst hinauszuwachsen.

Und wieder einmal übertraf das politische Naturtalent Barack Obama die Erwartungen - obwohl die im Vorfeld schon so hoch waren wie der Mount Everest. Er hielt die wohl wichtigste Rede seines politischen Lebens - und er machte es mit dem charmanten Selbstbewusstsein eines Mannes, der weiß, wie er Massen faszinieren kann.

Doch wie soll man ein ganz normaler Amerikaner bleiben, wenn man sich als Erlöser und als Anführer einer Volksbewegung, einer friedlichen Bürgerrevolution inszeniert?

Drei Ziele musste Barack Obama gestern erreichen: Zum einen musste er sich dem amerikanischen Volk noch einmal als normaler Mensch vorstellen. Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der Vater ein Alkoholiker, manchmal war man auf Essensmarken vom Sozialamt angewiesen. Als leidenschaftlicher Vater, verliebter Ehemann und Sozialarbeiter. Ein Mensch, der die Sorgen und Nöte seiner Landsleute versteht - weil er sie selbst kennt. Denn schließlich wählt man einen Präsidenten, dem man vertrauen kann. Diese Geschichte, seine faszinierende amerikanische Story, die spann er gestern weiter, verband sein eigenes Leben mit dem Versprechen Amerikas.

Ruhig, konzentriert, kraftvoll, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Ein politisches Naturtalent.

Obamas Botschaft für die Wähler

Zum zweiten musste Barack Obama Inhalt liefern, den "bumpersticker", einen Slogan, der auf einen Aufkleber für die Stoßstange passt. Er musste vermitteln, dass er sein Land wirklich aus der Krise und aus der zunehmenden Bedeutungslosigkeit bringen kann. Dass er Amerikas Niedergang aufhalten, eine Supermacht erneuern kann. Es galt, sein Gesicht mit einer klaren Botschaft zu verbinden. So wie der Demokrat Teddy Roosevelt auf seinem Nominierungsparteitag einst den "Neuen Deal" vorstellte. So wie der Republikaner Ronald Reagan einst gegen die "übersättige Regierung in Washington" zu Felde zog.

Gestern Abend lieferte Barack Obama seine Botschaft: "Wir werden Amerikas Versprechen erneuern." Und er lieferte das, was man dringend von ihm erwartete: eine kraftvolle Kampfansage an John McCain. "Er kann es einfach nicht besser."

Versprach Steuersenkungen für die leidende Mittelklasse, versprach gleiche Bezahlung für alle Frauen und eine Krankenversicherung für alle Amerikaner - und will zur Finanzierung dieser Programme Subventionen kürzen. Er rief eine grüne Revolution aus: "Innerhalb von zehn Jahren werden wir unabhängig vom Öl aus dem Nahen Osten." Er versprach eine neue Außenpolitik mit diplomatischen Initiativen, will seine Urteilskraft gegen John McCains angebliche Erfahrung setzen. "John McCain will Osama bin Laden bis an die Tore der Hölle verfolgen. Aber er folgt ihm ja noch nicht einmal in die Höhle, in der er lebt."

Geschickt zerlegte er den Republikanern eines ihrer stärksten Argumente: "Patriotismus kennt keine Parteizugehörigkeit", sagte Obama in Anspielung auf seine angeblich mangelnde Vaterlandsliebe, "unsere Soldaten mögen Demokraten sein oder Republikaner, aber sie kämpfen gemeinsam, und manchmal sterben sie gemeinsam.

Auf die Wahlbeteiligung kommt es an

Doch vor allem lieferte Barack Obama einen Auftritt für die Basis da draußen im weiten Land. Gestern Abend zollte er der Bewegung Obama Tribut.

Natürlich wissen die Strategen um die Schwächen ihres Kandidaten. Um seine Probleme bei den weißen Arbeitern in wichtigen Bundesstaaten, um die schlechten Zahlen in den Meinungsumfragen. In der multimedialen Schlacht der kommenden beiden Monate geht es um "turnout", Wahlbeteiligung. Sie ist die große Unbekannte dieses Wahlkampfes - und vielleicht Obamas größte Chance. Denn seine Strategie basiert vor allem auf dem Enthusiasmus und dem Engagement der Bürger. Und damit appelliert er an Amerikas beste Tugenden.

Schon die Ergebnisse der Vorwahlen hatten die Meinungsforscher sprachlos gemacht: die Wahlbeteiligung war um sagenhafte 120 Prozent gestiegen. So etwas hatte es in Amerika noch nie gegeben.

Und dieser erste wirklich multimediale Wahlkampf der Geschichte wird per Fernsehen genau so geführt wie auf YouTube und per Handy: so wurden die 75.000 Zuschauer im Stadion gestern aufgefordert, SMS-Nachrichten an die Obama-Wahlkampfzentrale zu schicken - so wurde ein ganzes Stadion mal eben in eine riesige Datenbank verwandelt. Obamas Wahlkampf - diese Geschichte wird eine der faszinierendsten sein, die es nach dem 4. November zu erzählen gilt.

Fahnen eines neuen Amerika

In den kommenden beiden Monaten soll Obamas Freiwilligenarmee möglichst viele Wähler an die Urnen treiben - und das vor allem in den "battleground states", in den Bundestaaten, die bei den letzten Wahlen nur hauchdünne republikanische Mehrheiten erhielten. Von bis zu vier Millionen Freiwilligen ist die Rede - dies wären viermal so viel, wie George W. Bush vor vier Jahren zum Wahlsieg verhalfen.

"Wir werden Amerika verändern". Ein Versprechen, zu dem gestern Abend Abertausende amerikanische Fahnen im Stadion zu Denver wehten. Es waren große Fahnen, es wehten die Fahnen eines erneuerten Amerika.

Bei soviel Begeisterung konnte selbst John McCain nicht zurückstehen und gratulierte per Videoclip: " Heute Abend, Senator - das war gute Arbeit."