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Konflikt im Kongo: Die Fratze des Krieges

Nirgendwo gab es seit 1945 so viele Tote wie beim Konflikt im Kongo. Vor der neuesten Welle der Gewalt sind im Osten des Landes 250.000 Menschen auf der Flucht. Ob Soldaten, Rebellen oder Milizionäre - die Bevölkerung weiß nicht mehr, wem sie trauen kann.

Von Marc Goergen

Wer all die Krisen, Kriege und Katastrophen im Kongo verstehen will, muss sich in diesen regnerischen Tagen des Novembers zu Beatrice Tusenga setzen, auf den feuchten Boden in einem der Lager von Goma, und sich ihre Geschichte anhören. Ihre Worte von Flucht und Tod, die sie leise aneinanderreiht. Die ebenso gut die Geschichte der Frau neben ihr sein könnte. Oder von einem anderen der Zehntausenden, die sich in den vergangenen Wochen nach Goma geflüchtet haben.

Zehn Tage ist Beatrice Tusenga nun schon im Lager Kibati. Zusammen mit etwa hundert anderen hat sich die 27-Jährige hierher durchgeschlagen, aus ihrem Dorf namens Kitanoreku - von dem jetzt kaum mehr steht als ein paar halbverbrannte Hütten. Ihre Odyssee beginnt an einem Nachmittag Ende Oktober. Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Tuichime, 10, und Noabiri, 12, arbeitet sie auf dem Feld, als sie die Rebellen sieht. Sie lässt die Hacke fallen, schreit ihren Kindern zu, sie sollen rennen, läuft dann selbst. Um sich herum hört sie Kugeln zischen, das ganze Dorf ist in Aufruhr, Schreie, Panik, Menschen fallen zu Boden, Türen werden eingetreten, und als sie schließlich im Wald stehen bleibt, ist von Tuichime und Noabiri nichts mehr zu sehen.

Mit ihrem Mann, den jüngsten Sohn auf dem Rücken, marschiert Beatrice Tusenga los. Am Körper nichts als die Kleider, die sie auf dem Feld getragen hatte, im Kopf die Angst vor den Rebellen, den Milizen und sogar vor der kongolesischen Armee - keiner scheut hier vor Mord und Vergewaltigung zurück.

Sich nach Goma durchschlagen

In einem Nachbardorf treffen sie andere Flüchtlinge. Marschieren weiter, saugen Wasser von Grashalmen, schlagen sich irgendwie durch die Linien und erreichen schließlich Goma. Noch immer weiß Beatrice Tusenga nichts von ihren Kindern. Erst ein paar Tage später erfährt sie es von Nachzüglern aus dem Dorf: Tuichime und Noabiri sind erschossen worden, als sie vom Feld rannten.

Während sie all das erzählt, wirkt Beatrice Tusenga fast teilnahmslos. Ihre Hände, von der Feldarbeit rissig und faltig wie die einer alten Frau, liegen wie leblos im Schoß. Und auch ihre Nachbarn, die zwischen ein paar Töpfen und Decken sitzen, reagieren kaum. Jeder hat ein ähnliches Schicksal. Es ist der unendliche Kreislauf der Gewalt im Kongo. "Wenn wenigstens jemand meine Kinder beerdigen würde. Aber wir können ja nicht ins Dorf zurück", sagt Tusenga. Derweil krabbelt ihr jüngster Sohn plappernd über die Planen des Zeltbodens. Er ist noch keine zwei Jahre alt. Muavita tauften ihn die Eltern. Der Name erinnert an die Zeit seiner Geburt. Auch damals waren sie auf der Flucht. Übersetzt heißt Muavita etwa: der geboren wurde, als der Krieg kam.

Ein häufiger Name im Osten der Demokratischen Republik Kongo.

Waffenstillstand an der Goma-Front

Die jüngste Welle der Gewalt begann Ende August, als die Rebellentruppen des abtrünnigen Generals Laurent Nkunda nach Monaten relativer Untätigkeit zum Angriff übergingen. Woche um Woche nahmen sie Dörfer ein, überrannten die kongolesische Armee, bis schließlich nur noch ein paar Hundert UN-Friedenssoldaten zwischen ihren Linien und Goma standen. Es schien, als wollte Nkunda dieses Mal tatsächlich die Provinzhauptstadt einnehmen. Bis auf zehn Kilometer waren seine Soldaten herangerückt. Panik machte sich unter den Hilfsorganisationen breit. Dann aber verkündete der General für die Goma-Front einen Waffenstillstand - eine trügerische Ruhe, denn an anderen Orten in der Provinz Nordkivu gehen die Kämpfe weiter.

In Goma selbst sind Märkte und Geschäfte geöffnet, Jungen schaffen auf ihren Tshukudus, den überdimensionalen Holzrollern, Früchte und Gemüse in die Stadt. Der wichtige Grenzverkehr nach Ruanda läuft wie immer. Allerorten wird gebaut, um die Verwüstungen des Vulkanausbruchs von 2002 zu beseitigen. Damals schickte der direkt neben Goma liegende Nyiaragongo zwei Lavaströme in die Stadt, die ganze Viertel bis zu zwei Meter hoch bedeckten. Die weißen Panzer der UNFriedenstruppen stehen an den Kreuzungen, patrouillieren mit aufgepflanzten Maschinengewehren durch die Stadt. Es ist keine besonders schlagkräftige Truppe. Zu oft haben sich die Soldaten aus Bangladesch, Pakistan oder Indien machtlos gegenüber den Milizen gezeigt. Jetzt aber sehen die Flüchtlinge in den Blauhelmen ihren einzigen Schutz.

Vielleicht 10, vielleicht auch 30 Menschen sind allein in Tusengas Dorf umgekommen, genaue Zahlen kennt hier niemand. Im Dorf Kiwanja, nicht weit entfernt, soll die Zahl der ermordeten Bewohner gar in die Hunderte gehen. Dort wüteten zuerst Mai-Mai- Milizen, anschließend Nkundas Truppen. Männer, Frauen und Kinder, so berichten Überlebende, seien einfach in ihren Hütten erschossen worden.

Der Rhythmus der Vergewaltigungen

Ärzte bereiten sich schon vor, die Opfer neuer Massenvergewaltigungen zu versorgen. Im Panzi-Krankenhaus von Bukavu werden seit Jahren die körperlichen und seelischen Wunden Tausender Frauen behandelt. Dort, am Südufer des Kivusees, wurden vorsorglich zwei neue Gynäkologen eingestellt. "Wir kennen den Rhythmus", sagt Chefarzt Denis Mugwege, "während der Kämpfe werden die Frauen in die Wälder verschleppt und gleich in Gruppen vergewaltigt und misshandelt. Wenn dann wieder ein wenig Ruhe eingekehrt ist, trauen sich die Opfer nach und nach zu uns."

Das Lager Kibati, Beatrice Tusengas vorläufiger Unterschlupf, ist eines der neuesten in der Flüchtlingshauptstadt Goma, gerade erst ein paar Wochen alt. Mittlerweile stehen Hunderte Zelte, es ist Wasser da - doch Essen zu bekommen ist immer noch Glückssache. "Unsere Männer gehen auf die Felder, um Bananen zu klauen", sagt Tusenga, "aber davon gibt es auch nicht mehr viele."

Die Hilfsorganisationen können die ständig wachsende Zahl an Flüchtlingen kaum versorgen. Mittlerweile sind etwa 250.000 Menschen auf der Flucht. In der gesamten Provinz Nordkivu gelten mehr als eine Million der gut fünf Millionen Bewohner als Vertriebene.

Die Flüchtlingslager

Rund um Goma stehen fünf große Lager, riesige Zeltstädte mit eigenen Polizeistationen, Märkten und improvisierten Schenken, die selbst gebrautes Bananenbier in Plastikflaschen verkaufen. Jeden Abend legt sich beißender Rauch aus Tausenden Feuerstellen wie Nebel über die Camps. Manche, wie Mugunga I und II, sind schon über ein Jahr alt. Sie wurden einfach an gleicher Stelle errichtet wie 1994 nach dem Völkermord in Ruanda. Damals waren mehr als eine Million Hutus von Ruanda über die Grenze geflüchtet, unter sie hatten sich auch die Milizionäre der berüchtigten Interahamwe gemischt, jener Mörderbanden, die den Genozid an den Tutsis begingen. Der Konflikt zwischen den beiden Stämmen ist eine der Ursachen für die endlose Krise.

Denn so dicht und riesig die Wälder im Osten des Kongo sind, so wenig der Staat fähig ist, hier Präsenz zu zeigen, so zahlreich sind die Rebellengruppen, die sich seit Ende des Regimes des Diktators Mobutu Sese-Seko im Jahr 1997 bekriegen.

Es gibt auf der einen Seite die Guerillas der Hutu, auf der anderen die der Tutsi, dazu noch Milizen wie jene der Mai-Mai, die glauben, nach dem Genuss eines Zaubertranks unverwundbar zu sein, und dann auch noch die kongolesische Armee. Mehrfach schickte Ruanda reguläre Truppen über die Grenze, um die Tutsi zu unterstützen. Auch die Armee von Uganda schaltete sich ein. Die Koalitionen wechselten ständig, oft war es ein Krieg jeder gegen jeden. In anderen Regionen des Kongo kämpften Soldaten aus Simbabwe, Angola und Namibia. Und am Ende war es stets Sache der UN-Friedenstruppe, Monuc genannt, die Zivilbevölkerung zu schützen. So weit sie dazu in der Lage war, denn von den 17 000 Blauhelmen sind nur ein Teil im Osten Kongos stationiert - ein Land von der Größe Westeuropas. Sie dürfen nicht aktiv gegen die Warlords vorgehen, sind entsprechend schwach bewaffnet und wurden in den vergangenen Jahren überdies selbst bezichtigt, ihre Macht missbraucht und Mädchen vergewaltigt zu haben.

Ein Krieg könnte folgen

In den verschiedenen Kriegen im Kongo starben seit 1998 etwa 5,4 Millionen Menschen durch Gewalt und Not - mehr als in jedem anderen Konflikt seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und schon hat Angola angekündigt, erneut Soldaten zu schicken. Das wiederum könnte Ruanda provozieren, offen in die Kämpfe einzugreifen. Ein regionaler Krieg scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Laurent Nkunda, der 41-jährige Warlord, sieht sich in diesem Chaos in der Rolle des Beschützers der im Kongo lebenden Tutsi. In fließendem Englisch und makelloser Uniform gibt er sich vor Besuchern seriös und weltgewandt. In den von ihm eroberten Dörfern präsentiert er frisch eingesetzte Bürgermeister, die angeblich für Ruhe und Stabilität sorgen.

Tatsächlich aber morden, plündern und vergewaltigen seine Truppen genauso brutal. Auch Nkunda geht es vor allem um Macht und Geld. Auf dem von ihm kontrollierten Territorium liegen Unmengen von Gold, Coltan und Kassiterit, ein Zinnerz. Der Profit aus dem Abbau fließt in seine Taschen und in die seiner Hintermänner im benachbarten Ruanda. Das dankt ihm die Regierung in Kigali mit logistischer Unterstützung, was sie offiziell stets bestreitet.

Kampf um Bodenschätze

Auch die aktuelle Verschärfung des Konflikts seit August ist - so wird spekuliert - wohl ein Kampf um Bodenschätze: Die Regierung des Kongo hatte China im Gegenzug für den Aufbau von Infrastruktur Rohstofflieferungen zugesagt - angeblich auch aus Minen im umkämpften Gebiet. Das war das Ende des Friedensvertrags vom Januar. Nkunda ging in die Offensive. Der Kern seiner Truppen besteht nur aus ein paar 1000 Mann. Dazu aber kommen jene, die vom Feld, von der Arbeit, aus der Hütte heraus zwangsrekrutiert werden. Wer sich weigert, wird erschossen. Manchmal auch gefesselt an einen Baum mit verstümmelten Genitalien einem langsamen Tod überlassen.

Joram Munguiko holten Nkundas Häscher aus der Schule. Munguiko, schon 21, geht in die achte Klasse, nicht ungewöhnlich in einer Region, in der ständige Kriege jeden regelmäßigen Schulbesuch unmöglich machen. Mehrmals musste Munguiko sein Dorf verlassen, sich in Lager flüchten. Jetzt ist seine Heimat das Camp Mungunga I.

Soldat ist er seit März dieses Jahres. Eines Morgens rücken Nkundas Truppen ins Dorf ein und umstellen die Schule. Dann verkünden sie: "Wir nehmen euch mit in den Krieg." Und verschleppen anschließend alle, die älter sind als 15, in den Wald. Zwei Wochen lang müssen die Neuankömmlinge trainieren, erst mit Holzattrappen, später mit richtigen Gewehren.

Flucht unmöglich

Im April wird Munguiko an die Front geschickt. Mitten in der Nacht Aufbruch, in Stellung gehen, schließlich der Angriff auf ein Dorf. "Neben mir sind Schulfreunde einfach umgefallen. Aber ich konnte ja nicht fliehen. Wer nach hinten rannte, wurde mit Gewalt wieder nach vorn getrieben", sagt er.

Zwei Tage dauert das Gefecht, dann ziehen sich Nkundas Truppen zurück. Munguikos Rebellenleben geht weiter mit Training, Ideologielektionen, Prügel. Schon wer durch langes Schweigen auffällt, erntet Schläge mit Holzknüppeln. Denn in der Logik der Milizionäre gilt: Wer lange schweigt, denkt über Flucht nach.

In seiner zweiten Schlacht gelingt es Munguiko sich abzusetzen, als er für den Wassernachschub eingeteilt ist. Er schlägt sich schließlich bis nach Goma durch. Jetzt gewährt ihm das Lager vorläufig Schutz. Zwar drängt man sich in den Hütten dicht an dicht, rinnt der Regen durch die Planen und Bananenblätter, zwar gibt es schon die ersten Fälle von Cholera - zumindest aber dringen die Häscher Nkundas nicht bis hierher vor. "Manchmal träume ich noch von der Schlacht. Von den toten Freunden neben mir. Und von denen, die ich getroffen habe", sagt er.

Hat er denn nicht versucht, vorbeizuschießen, um keinen zu töten? "Nein, natürlich habe ich richtig gezielt. Hätte ich die anderen nicht getötet, dann hätten die mich umgebracht", sagt Munguiko. Das ist, so scheint es, die Logik des Kongo.

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