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Kongresswahlen: Das Ende der Eiferer

Die Niederlage der Republikaner bei den Kongresswahlen hatte vor allem einen Grund: den Krieg im Irak. Aber es war auch eine Stimme gegen den Präsidenten und rechte Ideologen, ein Votum für mehr Augenmaß.

Vier Tage nach den Kongresswahlen macht sich Phil Waste, Kapitän im Ruhestand, auf den langen Weg von Tennessee nach Washington DC. Waste war mal so etwas wie der Traum jedes Republikaners, ein Vorzeigevater, ein Pin-up für Patrioten. Er diente in der Marine wie schon sein Vater und dessen Vater, und so schenkte er auch seine drei Söhne dem Militär, dazu den Enkel und die Enkelin, alles, was er hatte. Er ging ins Fernsehen und erklärte, dass er hinter dem Irak-Krieg stehe, dass er sein Land liebe, dass kein Tag dieses Krieges vergangen sei, ohne dass nicht ein Waste im Irak kämpfte.
Phil Waste war das Gesicht Amerikas.

Damals. Vor den Wahlen. Damals war alles so einfach mit Amerika. Es ließ sich einen völkerrechtswidrigen Krieg aufschwatzen und wählte seinen Präsidenten dennoch wieder. Es sah seine Bürgerrechte schwinden, die Staatsschulden explodieren, es sah die Folterbilder von Abu Ghreib und das Massaker von Haditha - und stand trotzdem nicht auf. Amerika, die Heimat der Demokratie, war ein Land ohne Moral, ein Alliierter ohne Freunde, eine Macht ohne Zukunft, verloren im langen Schatten des 11. Septembers. So schien es.

Ganz so einfach war es nie. Es gab Millionen Demonstranten auf den Straßen und Widerstand im Kongress, es gab standhafte Richter und rebellierende Generäle, aber sie verschwammen im Zerrbild, das die Welt sich von Amerika machte. In der Welt der Cowboys, Raketen und Gotteskrieger war wenig Platz für die kleinen Geschichten, für den Aufstand der Basis, für die Wandlung des Phil Waste.

An diesem Samstag, Veteran's Day, stehen Waste, 67, und andere Militärangehörige inmitten eines Fahnenmeers unweit vom Weißen Haus. Sie haben 2844 Flaggen in die Erde gesteckt, eine für jeden toten GI, ein Mahnmal im Novemberwind. Waste trägt ein Friedenszeichen auf dem T-Shirt, der Hose und selbst auf seiner Kapitänsmütze. Er nennt Bush heute einen krankhaften Lügner und Kriegsverbrecher, er wirft mit Worten um sich, die nicht immer jugendfrei sind. Sie richten sich gegen den Krieg, aber es klingt eher wie eine Abrechnung mit sich selbst, mit seinem blinden Gehorsam, seiner Naivität. "Man fütterte uns nichts als Propaganda, aber ich lass mich nicht mehr belügen, ich schreie es heraus, im Irak ist alles noch viel schlimmer, als wir ahnen, das erzählen meine Söhne, ihr einziger Job ist es, die Körperteile der Kameraden einzusammeln, aber jetzt ist Schluss, die Jungs müssen heim, Amerika ist erwacht."

Neben ihm demonstrieren die Republikaner Diane Santoriello und Jeff Kovite und Dutzende Soldatenfamilien. Sie kommen aus allen Ecken und Schichten des Landes, ein Querschnitt, Amerikas Mitte. Sie erzählen den Passanten von ihren getöteten Söhnen, von den Jungs, die Bush ihnen aus dem Leben stahl. Und sie müssen sich kein "Vaterlandsverräter" mehr anhören und kein "unamerikanisches Gehabe" wie vor drei Jahren noch. Einige haben ihre Jobs geschmissen, um full time für die Rückkehr der Truppen zu kämpfen. Sie haben Senatoren ihr Leid geklagt, bis John Kerry die Tränen kamen. Sie sind nun die Mehrheit des Volkes. Die Sieger der Woche. Die Gesichter Amerikas.

Die schwere Niederlage der Republikaner in der vergangenen Woche war ein Votum gegen den Irak-Krieg - zum ersten Mal in der Geschichte hat Amerika in Kriegszeiten bei den Zwischenwahlen gegen einen Krieg gestimmt. Aber es war mehr, das "Ende der republikanischen Revolution" ("Washington Post"), eine Zäsur, ein Aufschrei des Erwachens. Sechs Jahre hat es gedauert, bis Amerika begriff, dass ein anständiger Kerl nicht automatisch anständige Politik macht. Dass seine Slogans werbewirksam waren - "Bring it on", "Axis of Evil", "Cut and Run" -, aber nicht einer der Wirklichkeit entsprach. Dass Sturheit für einen Trinker zwar heilsam sein mag, aber nicht für einen Oberbefehlshaber. Dass ein der Realität entrückter Mann schon schlimm genug ist, aber nichts gegen einen, der sich die Realität selbst schafft.

Die Republikaner regten sich auf über den Werteverfall unter Bill Clinton und mussten feststellen, dass ihr eigener Abgeordneter Mark Foley Onlinesex mit Minderjährigen hatte. Sie hielten nichts von all den Friedensmissionen in der Welt, doch nun stellten sie fest, dass Kriegsmissionen diese Welt auch nicht verbessern. Sie regten sich auf über Zukunftsmodelle wie die Homo-Ehe und mussten feststellen, dass der Weg unter dem wiedergeborenen Christen George W. Bush eher ins Mittelalter führte, dass er Widerstand brauchte, Menschen wie Kate Looby.

Frau Looby sitzt gut gelaunt im Sprechzimmer einer Abtreibungsklinik in Sioux Falls, South Dakota, und spricht auch am Tag 4 nach der Wahl noch von einem epochalen Ereignis. Sie leitet die letzte offene Abtreibungsklinik South Dakotas, bestückt mit Sicherheitskameras, umgebaut zu einer Festung. Die Ärzte fliegen aus dem Nachbarstaat Minnesota ein, weil kein Einheimischer mehr wagt, hier zu arbeiten. Die Patientinnen reisen bis zu fünf Stunden an, aus den letzten Winkeln des Staates, wollen ihren Namen aber nicht nennen. Vor der Klinik stehen Abtreibungsgegner und rufen: "Ihr kommt alle in die Hölle. Halleluja."

Im Sommer setzte das Parlament South Dakotas das radikalste Abtreibungsgesetz der USA durch. Selbst in Fällen von Inzest und Vergewaltigung ist es Ärzten untersagt, den Frauen zu helfen. Die Alliierten des Präsidenten sahen sich am Ziel, ein erster Meilenstein auf dem Weg in die Hauptstadt, ein taugliches Vorbild für das Kippen des nationalen Abtreibungsgesetzes.

Kate Looby nennt ihre Gegner extremistische Ideologen. Sie organisierte ein Referendum, sie klopfte an die Türen der Farmer, sie kämpfte gegen eine Macht, die von Babymord sprach und blutige Embryos als Puppen verteilte. Am Wahltag votierten mehr als 55 Prozent gegen das Gesetz. Im Schutz der Wahlkabine sucht Amerika die Geborgenheit der Mitte, die Abkehr von jenen Radikalen, die das Land zwar in Scharen produziert, aber genauso schnell wieder entsorgt.

Das zeichnet die USA aus. Es mag schlimm kommen - Vietnam, Watergate, Irak -, doch am Ende obsiegen die Selbstreinigungskräfte der Demokratie.

2000 Kilometer weiter westlich, im Discovery Institute in Seattle, steht Bruce Chapman vor einem Plakat mit der Aufschrift "Von Darwin zu Hitler". Chapman und sein Institut waren die Story des vergangenen Jahres, sie bliesen zum landesweiten Großangriff auf Darwins Evolutionstheorie, sie brachten Gottes Schöpfung wieder auf die Lehrpläne von Schulen, als diffuse Theorie mit dem Namen "Intelligent Design". Reporter aus aller Welt stürzten sich auf die Geschichte, bis sie es selbst auf die Titelseiten in Neuseeland schaffte: Gott im Biounterricht, die weltfremden Spinner, das bekloppte Amerika.

Nun kommt kein Reporter mehr. Nun sitzt Chapman allein in seinem Büro in Raum 101. Man trifft dort auf einen hageren Mann, einst hoher Beamter in Washington, der müde vom Kampf David gegen Goliath spricht. Seine Initiativen sind gescheitert. Seine Theorie vom intelligenten Schöpfer schaffte es weder in die Schulen von Georgia noch in die von Pennsylvania und Ohio, und am Dienstag vergangener Woche wählten die Amerikaner solche Abgeordnete, die Gott den Zugang zum Biounterricht verwehren werden. Sie entschieden sich in einem Referendum in Missouri auch für die von Bush so bekämpfte embryonale Stammzellenforschung. Sie wandten sich gegen all das, was gedeihen konnte im Schatten eines Präsidenten, der sich zuerst dem Herrn gegenüber verpflichtet fühlt und erst dann seinem Volk.

So markieren die Wahlen wieder einen Schritt gen Vernunft, den Tod der Neokonservativen, ein Bittgesuch an die Welt, den alten Freund USA wieder lieb zu haben. Sie ändern nichts daran, dass Amerika eine konservative, gottesfürchtige Nation bleibt. "Wir leben immer noch im Schatten Ronald Reagans", sagt Geschichtsprofessor Douglas Brinkley von der Tulane University. "Die Menschen haben sich nicht gegen den Konservatismus entschieden, sondern gegen den Bushismus."

Noch aber ist er da. Er hat sein Vetorecht. Und den Oberbefehl des Militärs. Und den roten Knopf. Und fast noch 800 lange Tage vor sich.