HOME

Krieg im Kongo: Wenn Vergewaltigung zum Alltag wird

Im Kongo-Krieg gibt es brutalste Gewalt auf allen Seiten. Es wird geschossen, geplündert und vergewaltigt. Michelle Rice, die für die Hilfsorganisation World Vision im Land war, hat für stern.de aufgeschrieben, was sie gesehen hat: den grausamen Alltag von Frauen ohne Schutz und ohne Rechte.

Das erste Mal, als ich Martha traf, strahlte sie übers ganze Gesicht inmitten ihrer Kinder, die ausgelassen um sie herum schrien und dabei an ihrem Rock zerrten. Das nächste Mal, als wir uns trafen, war das Lächeln auf ihrem Gesicht vergangen, ihre Augen starrten in die Ferne. Eine Nacht zuvor hatte sie ein zehn Jahre altes Mädchen zum Krankenhaus getragen, das kurz zuvor vor den Augen seiner Familie von einer kongolesischen Rebellenhorde vergewaltigt worden war. Das Mädchen starb, noch auf dem Weg dorthin, auf Marthas Rücken.

In den vergangenen Monaten klingelt bei Martha das Telefon praktisch jeden Tag; sie wird gebeten, Frauen und Mädchen zu helfen, die vergewaltigt worden sind. Es ist ein inzwischen vertrautes Muster in der Nord-Kivu-Region der Demokratischen Republik Kongo (DRC). "Wenn gekämpft wird, wird auch vergewaltigt. Gestern kamen zwei Frauen und ein Baby zu mir. Die Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, manche werden getötet, andere fortgeschleppt. So geschieht es andauernd."

Den Mann mit einer Machete zerhackt

Der Krieg im Kongo zieht sich nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt hin. Nach Auskunft des International Rescue Committee (IRC) sterben monatlich 45.000 Menschen. 1,4 Millionen sind obdachlos geworden.

Aufgrund der in letzter Zeit neu aufgeflammten Kämpfe wurden innerhalb kürzester Zeit weitere 250.000 Menschen vertrieben. Der Waffenstillstand vom vergangenen Monat und das Friedensabkommen vom Januar, das Rebellenführer Laurent Nkunda unterschrieben hat, sind fehlgeschlagen.

Aber der unsagbare Schrecken dieses Krieges sind die Berichte von tausenden und abertausenden von Frauen, Mädchen und Kindern, die brutaler sexueller Gewalt ausgesetzt sind, einer Gewalt, die nach Auskunft der Vereinten Nationen zu den schlimmsten der Welt gehört.

Marthas eigene Geschichte ist ebenso schrecklich wie unglaublich. Als der Krieg begann und sie 32 Jahre alt war, wurde ihr Dorf von Rebellen überfallen. "Sie kamen, nahmen uns all unser Hab und Gut weg und sagten meinem Mann, er sei so gut wie tot. Mit einer Machete begannen sie, ihn regelrecht zu zerhacken - als ob sie eine Kuh oder eine Ziege für den Markt zerteilen wollten. Als sie damit fertig waren, schrien sie mich an, ich solle die Körperteile auf einem Haufen zusammentragen. Das Schlafzimmer war voller Blut. Sie sagten, sie würden mich auch töten, wenn ich heulen würde."

Zehn Rebellen vergewaltigten Martha

Als Martha den zerstückelten Körper ihres Mannes auf einen Haufen gestapelt hatte, nahmen die Rebellen ein Messer und schnitten ihr Wunden ins Gesicht, am Hals, an Armen und an Beinen. "Dann befahlen sie mir, mich auf die Körperteile meines Mannes zu legen, Und dann vergewaltigten sie mich. Es waren insgesamt zehn Rebellen, und jeder von ihnen schändete mich." Während Martha vergewaltigt wurde, vergingen sich zwei andere Soldaten im Nebenzimmer an ihren beiden Töchtern, 14 und 16 Jahre alt." Ich hörte das Schreien meiner Mädchen, doch ich konnte ihnen nicht helfen. Dann hörte ich zu denken auf, und mein Bewusstsein setzte aus."

Sechs Monate lang verbrachte Martha in einer Art Trancezustand. Erst dann kamen die Erinnerungen an diese schrecklichen Ereignisse wieder zurück. "Ich fragte meine Nachbarn, was denn passiert sei. Ich dachte, mein Mann sei auf Reisen. Sie sagten nichts. Aber als ich eines Tages nach Hause kam und feststellte, dass zwei meiner Töchter schwanger waren, konnte ich mir das nicht erklären. Erst dann fingen die Dorfbewohner an, mir alles zu erzählen."

Es gibt kein Versteck

Die Brutalität, mit der Martha vergewaltigt worden war, zerstörte ihren Körper. Sie konnte nicht richtig laufen und ertrug diesen entsetzlichen, schmerzhaften Zustand zwei Jahre, bis sie von einem Chirurgen befreit wurde, in dessen Krankenhaus vergewaltigte Frauen behandelt wurden. Plötzlich weicht der leere, stoische Blick aus Marthas Gesicht und plötzlich wird die ganze Tiefe ihres Schmerzes sichtbar. "Ich werde keine Kinder mehr haben können. Sie haben alles entfernt."

Im Kongo-Krieg gibt es brutalste Gewalt auf allen Seiten. Es wird geschossen, geplündert und vergewaltigt. Rebellen und Soldaten nehmen denen, die ohnehin fast nichts mehr besitzen, noch das Allerletzte weg. "Macht wird hier mit Waffen und sexueller Gewalt ausgeübt; man kann Vergewaltigungen nicht stoppen, wenn man den Krieg nicht stoppt", sagt Clarisse Kazaza, eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation World Vision, die sich um Vergewaltigungsopfer kümmert. "2006 haben viele Familien ihre Ehefrauen, Mütter und Töchter oben in den Decken der Hütten versteckt. Doch irgendwann kam den Banditen das komisch vor, und wenn sie nirgendwo Frauen sahen, schossen sie einfach in die Decke. Die Frauen können sich nirgends verstecken und schützen."

Täglich mit dem Schlimmsten konfrontiert

Martha, heute 43 Jahre alt, hat beschlossen, Vergewaltigungsopfern zu helfen und sich um Kinder zu kümmern, die aufgrund von Vergewaltigungen geboren wurden. "Dreimal im Monat spreche ich in verschiedenen Dörfern, um Menschen zu helfen, Vergewaltigung als Verbrechen zu begreifen, und Frauen auszubilden, sich der Opfer in ihrem Dorf anzunehmen." So hat sich im letzten Kriegsjahr eine Gruppe von 90 Frauen um Martha herum gebildet, die sich gegenseitig unterstützen. Sie treffen sich einmal pro Woche, und diejenigen, die von ihren Männern weggeschickt wurden, bewohnen gemeinsam ein Haus. "Wir haben auch Kleinkredite erhalten, damit wir ein Geschäft aufbauen und Geld für die Gruppe zusammensparen können. Auf diese Weise können wir wenigstens unsere Kinder ernähren und zur Schule schicken."

Marthas Tochter Venacia hilft ihr, die 12 verwaisten Kinder zu betreuen, die bei ihr wohnen. "Sie sind wie Brüder und Schwestern", sagt sie. "Wir spielen zusammen, ich koche für sie und bringe ihnen bei, wie sie im Haushalt helfen können." Venacia wird jede Woche neu mit dem Schlimmsten konfrontiert. "Wenn meine Mutter angerufen wird, kommt anschließend eine Frau oder ein Mädchen zu uns ins Haus. Manchmal bluten sie ganz fürchterlich." Vor einem Monat beobachtete sie, wie Soldaten zwei Mädchen vergewaltigten. "Einer von ihnen steckte Stöcke in die Vagina eines der Mädchen und beschimpfte sie auf übelste Weise. Sie blutete schlimm. Ich lief, um meine Mutter zu holen, und als wir zurückkamen, war eines der Mädchen bereits tot. Das andere Mädchen nahmen wir bei uns zu Hause auf."

Monatlich mehr als 2000 Vergewaltigungen in Nord-Kivu

Vanacia sagt: "Es macht mich wütend, wenn meine Mutter Frauen zu uns bringt und ich sehen muss, wie sie leiden. Viele von ihnen sind schwer verletzt, und ihnen läuft das Blut aus dem Leib. Es ist nicht nur eine Seite, die so was macht, es sind alle Kriegsparteien, die das tun. Und es macht mir Angst, weil ich weiß, dass auch mir das passieren kann."

Die Mitarbeiter von World Vision hören jeden Monat von mehr als 2000 Vergewaltigungsopfern in Nord-Kivu. Allein in dem Ort Rutshuru, der jetzt unter der Kontrolle der Rebellen ist, wurde in einem einzigen Monat von 150 Fällen berichtet. Aber die meisten Fälle werden ohnehin nicht gemeldet.

"Frauen haben Angst vor Diskriminierung, Isolierung oder davor, dass sie von ihren Ehemännern rausgeschmissen werden", sagt Clarisse. "Von allen Frauen, die ich getroffen habe, hat keine ihre Vergewaltigung offiziell gemeldet. Die meisten von ihnen befürchten, stigmatisiert oder sonst wie ausgegrenzt zu werden, und viele sind viel zu sehr gedemütigt und verletzt, als dass sie überhaupt darüber reden könnten."

Nicht jeder findet gut, was Martha tut. Letzten Monat wurde sie schon wieder vergewaltigt, als sie unterwegs war, um Holzscheite fürs Feuer aufzulesen. Erst letzte Woche wurde sie zu Hause von Soldaten bedroht, die verlangten, sie solle aufhören mit den Frauen zu arbeiten. Martha lässt sich aber nicht zurückhalten. "Es ist das, was mich antreibt. Schon viele, viele Male habe ich darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen. Aber wenn ich meine Kinder sehe und die Frauen, die meine Hilfe brauchen, dann gibt mir das Mut und ich mache weiter."

Es hat sich nichts geändert

Während wir noch miteinander reden, kommt eine Frau herein. Sie repräsentiert das vorerst letzte Kapitel dieses fürchterlichen Krieges. Sie war am Abend zuvor hier aufgetaucht, nachdem Rebellen ihr Dorf überfallen und sie zusammen mit vielen anderen Frauen vor den Augen der Öffentlichkeit vergewaltigt hatten. Ihre Schwestern wurden festgenommen und abgeführt. Sie weiß nicht, wo sie sich aufhalten, aber sie weiß, dass dies nur das Schlimmste bedeuten kann. "Sie suchen sich Mädchen heraus und nehmen sie als ihre Frauen. Sie halten sie als Gespielinnen, bis sie schwanger werden. Dann schmeißen sie sie einfach weg. So tun sie es immer", sagt Martha.

Marthas eigene Leidensgeschichte begann am Anfang des Krieges. Vor mehr als einem Jahrzehnt. Die jüngste Runde der Gewalt ist nicht anders. Vergewaltigungen sind genauso brutal und weit verbreitet wie eh und je.