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Krim-Flüchtlinge in der Ukraine: Wenn die Heimat plötzlich fremd geworden ist

Binnen weniger Wochen hat sich für sie alles geändert: Seit Russland die Krim beherrscht, fliehen viele Ukrainer von der Halbinsel. Sie nehmen Familie und Katzen mit. Zurück bleibt ihr altes Leben.

Für die Entscheidung brauchten sie nur wenige Stunden. Als prorussische Truppen in die Stadt Jewpatorija auf der Krim einmarschierten, entschlossen sich die Ukrainerin Schanna Sinowjewa und ihr Mann Jakow in kürzester Zeit zur Flucht. "Freunde aus Sewastopol haben uns gewarnt", sagt die 38-jährige Schanna. Die Familie nahm den nächsten Zug von der Halbinsel aufs ukrainische Festland. Nun leben die Eltern mit ihrer 13-jährigen Tochter Katja und Katze Kiza seit gut drei Wochen in einem Hotel in Dnjepropetrowsk - zusammen mit anderen Flüchtlingen von der Krim.

Das Zimmer mit ist winzig: zwei Betten, Kühlschrank, Wasserkessel, der eigene Computer als Informationsquelle. Vom Balkon geht der Blick auf den breiten Strom Dnjepr im Vorfrühling. "Die Leute haben nicht Sachen gerettet, sondern Katzen", sagt Schanna. Also leben im Hotel neben sieben Familien auch vier Katzen von der Krim. Weitere Familien sind in anderen Hotels der zentralukrainischen Millionenstadt untergebracht oder wohnen bei Freunden und Verwandten.

Nach der Annexion der Krim durch Russland sieht sich die Ukraine mit einem Strom von Binnenflüchtlingen konfrontiert. Die Behörden schätzen ihre Zahl bislang auf offiziell etwa 3000. Mustafa Dschemilew, Ex-Vorsitzender des Rates der Krimtataren, spricht dagegen von schon mehr als 5000 Flüchtlingen allein aus seinem Volksstamm. Meist sind es Frauen und Kinder, viele zieht es in die Westukraine, in die Gebiete Lwiw (Lemberg) und Iwano-Frankiwsk.

Freunde wurden zu Feinden

Der Flucht gingen massive Drohungen voraus. "Es gab Anrufe, man werde uns umbringen. Leute wollten in unsere Wohnung eindringen", sagt Schanna. Die Kleinunternehmerin organisierte in Jewpatorija Kindergeburtstage und andere Feste. Sie war aber auch in der ukrainischen Opposition aktiv.

Ehemann Jakow Witjuk (45), Tischler und Fotograf, fuhr dreimal nach Kiew, um auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan gegen den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu protestieren. "Wir, das ist die Mehrheit der Ukrainer, wollen das System ändern, dass in den letzten 20 Jahren entstanden ist - vor allem unter Janukowitsch", sagt er.

Auch der Fotograf Jewgeni Klimenko ist geflüchtet. "Als bekannt wurde, dass ich den Maidan unterstütze, sind selbst enge Freunde plötzlich zu Feinden geworden", erzählt er der Zeitung "Segodnja". "Ich bekam Drohungen, man werde mit denen abrechnen, die Ukrainisch sprechen." Also verließ er mit seiner fünfjährigen Tochter Eva die Krim.

Ein Hilferuf auf Facebook

Die Flüchtlinge leben von Spenden. "Ein Sportstudio füttert uns durch", sagt Schanna. Für die Hotelzimmer kommen örtliche Geschäftsleute auf. Achtklässlerin Katja ist gleich in eine Schule in Dnjepropetrowsk aufgenommen worden. Die Eltern haben gleich am ersten Tag geschaut, in welche Richtung die Kinder mit ihren Schultaschen gegangen sind. Vieles ist in der Schwebe. Schanna und Jakow suchen Arbeit, sie brauchen eine eigene Wohnung. Der Rechtsstatus der Vertriebenen ist unklar. Flüchtlinge im eigenen Land sind nirgendwo vorgesehen.

Nach Dnjepropetrowsk ist die Familie zufällig geraten. Schanna schrieb einen Hilferuf auf Facebook, und ein gewisser Boris Filatow antwortete: Kommt hierher! Der Jurist, Geschäftsmann und Journalist ist seit dem 4. März Vizechef der Gebietsverwaltung von Dnjepropetrowsk. Gouverneur ist der milliardenschwere Oligarch Igor Kolomoiski.

Die überwiegend russischsprachige Industrieregion hält sich in den politischen Wirren der Ukraine traditionell zurück. Ihr Wort hat aber Gewicht, weil hier das Zentrum von Maschinenbau, Metallurgie und Atomtechnik des Landes ist. Zwar gab es Anfang März auch in Dnjepropetrowsk Demonstrationen. Doch Vizegouverneur Filatow gelang es nach eigenen Angaben, mit sieben Parteien - drei rechten und vier prorussischen - eine Vereinbarung zu schließen. "Das Memorandum schließt alle möglichen Formen gewaltsamer Auseinandersetzungen aus", sagte er. Seitdem blieb es ruhig.

Eine schnelle Rückkehr auf die Krim können sich die Flüchtlinge nicht vorstellen. Sie haben ihre Zweizimmerwohnung, ihren Besitz, ihre sozialen Kontakte zurückgelassen. "Es ist alles dageblieben", sagt Schanna. Die Krim werde auf lange Zeit bei Russland bleiben, glaubt Jakow: "So schnell ist sie nicht zurückzugewinnen."

Friedemann Kohler, DPA / DPA