HOME

Kuba: Ende der sozialistischen Märchen

Für den Westen sind es Reförmchen, für Kuba riesige Schritte: Nach zwei Jahren an der Macht führt Raul Castro die private Landwirtschaft ein und duldet sogar eine neue Oppositionspartei. Damit sich aber nicht noch mehr ändern muss, hofft er auf einen US-Präsidenten namens John McCain.

Von Tobias Käufer, Havanna

Die Botschaft ist überdimensional und nicht zu übersehen: Wenn Raul Castro ans Mikrofon tritt, dann darf ein riesiges Bild des Übervaters Fidel Castro im Hintergrund nicht fehlen. Und wenn mal kein Bild des Revolutionsführers aufzutreiben ist - und das ist in Kuba eigentlich nie der Fall - huldigt Raul seinem Bruder eben verbal. All das soll den Kubanern signalisieren, hier passiert nichts ohne den "Maximo Lider".

Fidel Castro tritt nach seiner schweren Erkrankung öffentlich nicht mehr in Erscheinung, aber in Filmausschnitten, Videos und Lobeshymnen ist Kubas ehemalige Nummer eins noch allgegenwärtig. Mal in der Diskussion mit seinem Bruder Raul, mal mit Lieblingsgast, Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez. Den schleichenden Veränderungsprozess den Raul seit seinem Aufstieg an die Staatsspitze vor zwei Jahren eingeleitet hat, trägt Fidel mit. Alles ist also in guten Händen, so soll es das kubanische Volk glauben.

Castro reagierte so ganz und gar nicht kommunistisch

Die Veränderungen in den beiden vergangenen Jahren sind aus europäischer Sicht zwar nur klein, aus kubanischem Blickwinkel aber dagegen enorm. Vor allem die weltweite Nahrungsmittelkrise setzt dem Inselstatt kurz vor seinen 50-jährigen Revolutionsfeierlichkeiten im Januar arg zu. Raul Castro reagierte pragmatisch und so ganz und gar nicht kommunistisch: Er gab das brachliegende Ackerland Kubas für die private Landwirtschaft frei. Auf diese Weise hofft Kuba von seinen Nahrungsmittelimporten zumindest ein klein wenig unabhängiger zu werden. Immerhin mehr als drei Viertel aller Lebensmittel muss die Regierung aus dem Ausland teuer einkaufen.

Insgeheim ist dies auch ein Eingeständnis, dass die eigene Landwirtschaftspolitik versagt hat. Da helfen auch die Ölmillionen des Gesinnungsgenossen Chavez aus Caracas nicht weiter, die im Gegenzug für die Dienstleistungen kubanischer Ärzte fließen. Also entdeckt Kuba die Marktwirtschaft, in kleinen Schritten zwar, aber die ersten Dämme brechen. Endlich dürfen die Kubaner auch in kubanischen Hotels Urlaub machen. Dieses Privileg war bislang nur entsprechend zahlungskräftigen Ausländern vorbehalten. Private Mobiltelefone sind nun gestattet und nun werden auch private Taxis zugelassen, allerdings war dies angesichts eines Heeres an illegalen "Transport-Unternehmern" wohl kaum noch zu vermeiden.

Vorbereitung auf schwere Zeiten

Castro bereitet seine Landsleute auf schwere Zeiten vor, statt Ihnen sozialistische Märchen aufzutischen: Lohnerhöhungen gibt es keine, das Renteneintrittsalter wird auf ein realistisches Maß erhöht und außerdem werden die Lebensmittel knapp. Botschaften, die nicht gerade Beifallsstürme auslösen, aber zumindest die eigene Glaubwürdigkeit erhöhen.

Auch politisch scheint das Eis zu brechen: Vor wenigen Tagen gründeten Oppositionspolitiker nahezu ungestört eine sozialdemokratische Partei in Kuba. Das scheinbar neue tolerante Vorgehen hat allerdings seine engen Grenzen. Zuvor hatten die Behörden haben nach Angaben der Opposition 17 Dissidenten vorübergehend festgenommen. Der Chef der oppositionellen kubanischen Kommission für Menschenrechte, Elizardo Sanchez, erklärte, damit sollte offenbar ein geplantes Dissidententreffen in Havanna verhindert werden.

Wenn die kritischen Stimmen zu laut und lästig werden, dann ist es eben auch im "neuen" Kuba schnell vorbei mit der Meinungsvielfalt. "Kuba braucht und verdient den Wiederaufbau als Land und eine Wiedergeburt als Nation", verkündete einer der führenden Oppositionspolitiker Cuesta Morua nicht minder pathetisch, als es die treuen Castro-Anhänger gewöhnlich tun. So richtig zu hört ihm allerdings im Moment noch niemand.

Im Ausland werden die zaghaften Reformansätze Havannas durchweg wohlwollend beobachtet. Die Europäische Union verabschiedete jüngst formell die Aufhebung der Sanktionen gegen das Land. Nur der Erzfeind aus den USA will sich mit den neuen Ideen nicht so recht anfreunden, allerdings sind im augenblicklichen Präsidentschaftswahlkampf auch keine überraschenden Sympathiebekundungen gen Kuba zu erwarten.

Insgeheim hofft die Castro-Riege wohl auf einen McCain-Erfolg

Spannend wird es allerdings ob Barack Obama oder John McCain nach dem Abzug des Wahlkampfgetöses an der bislang so konsequenten US-Blockadepolitik festhalten. In Havanna hofft die Castro-Riege wohl insgeheim auf einen McCain-Erfolg. Ein frischer Wind aus Washington, so vermuten kubanische Beobachter und meinen damit Obama, könnte auch das Klima zwischen den beiden politischen Dauerrivalen nachhaltig verändern. Und vielleicht fällt dann sogar eines Tages der US-Boykott, der so gerne als Alibi für viele Missstände herhalten muss. Der neue Machthaber im weißen Haus müsse entscheiden, ob er die "absurde, illegale und gescheiterte Politik" fortsetzen wolle, verkündete Raul Castro.

Was allerdings passiert, wenn die USA ihren Bannstrahl wirklich einmal aufheben und die Revolution fortan ohne Feindbild und Entschuldigung bleibt, wäre dann wirklich eine neue spannende Frage für die ergrauten Revoluzzer in Havanna. Irgendwann wird auch Übervater Fidel Castro nicht mehr sein, spätestens dann wird in Kuba nichts mehr so sein, wie es einmal war. So schnell wird sein jüngerer Bruder Raul das Land gar nicht umkrempeln können.