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Last Call: T-Shirts und Minirock – warum frieren Briten nicht?

Viele Deutsche, auch viele Freunde von uns, glauben immer noch, in London regne es die ganze Zeit. Und falls es nicht regne, sei Nebel. Schlimmstenfalls sei beides, Regen und Nebel. Das ist ziemlicher Unfug. In London regnet es ungefähr genauso viel oder wenig wie in Düsseldorf oder in Köln und ganz gewiss weniger als in Hamburg. Jedenfalls gefühlt. Das können wir aus eigener Erfahrung und sogar eidesstattlich gefühlt bezeugen.

Viele Deutsche, auch viele Freunde von uns, glauben, dass Briten irgendwie kälteresistent sind oder zumindest denken, es zu sein. Ihnen fällt bei Besuchen auf, dass viele Menschen hier selbst im Winter T-Shirts tragen (Männer) und Kleider mit erstaunlicher Rücken-, Brust- und Beinfreiheit (Frauen). Auch das können wir aus eigener Erfahrung eidesstattlich bezeugen.

Über die Fragen nach dem Warum gibt es viele Theorien. Eine beginnt in der Schule und mit den Schuluniformen, sommers wie winters Anzug oder Rock, darunter Kniestrümpfe. Das härtet ab. Bei 25 oder auch null Grad. Darüber hinaus generieren die Uniformen offenbar einen Reflex, man könnte das auf die Formel bringen: Je mehr Konservatismus und Konvention in der Schule, desto mehr nackte Haut in der Freizeit. Allerdings erklärt das nicht, warum auch Menschen weit jenseits der 30 von Oktober bis tief in den März hinein auch in Blackpool und Derby so rumlaufen als seien sie in Benidorm oder Dubai.

Bier, Wein und Libido. Wer braucht da Klamotten?

Vor Ostern beispielsweise war es auch für hiesige Verhältnisse richtig kalt. Wir verbrachten ein Wochenende in der außerordentlich schmucken historischen Stadt York. Und nicht nur wir. Tausende junger Briten aus dem ganzen Land waren in York, die meisten von ihnen spartanisch bekleidet bei Temperaturen um vier Grad. Sie feierten „Stag and Hen-Parties“, so heißen hierzulande Junggesellen- und Junggesellinnen-Abschiede. Es ist ein schöner und leicht verharmlosender Begriff für mehrtägiges Druckbetanken. Die jungen Menschen verlassen zu diesem Zweck nur selten die Pubs und Restaurants, das wäre eine weitere Erklärung für wenig Textil. Die Verköstigung von viel Bier und Wein in Kombination mit sprunghaftem Libido-Anstieg trägt vermutlich auch zu einem einigermaßen geregelten Körperwärmehaushalt bei. So reimen wir uns das zusammen. Wissenschaftlich fundiert ist das, zugegeben, nicht. Aber besser als gar nichts.

Jedenfalls waren wir von den vielen T-Shirts und Minikleidern fast ebenso erstaunt wie von den mittelalterlichen Gassen und der Kathedrale. Die Frau macht sich immer gleich Sorgen, „die sind doch Montag alle erkältet.“ Die Töchter kennen das. Sie studieren in Großbritannien und können bekräftigen, dass viele ihrer Kommilitonen vor allem montags Schnupfen haben. Die Töchter sind diesbezüglich eher teutonisch geimpft und durchwirkt und tragen der Witterung angemessene Klamotten. Sie stecken sich dann montags an.

In York erinnerte ich mich jedenfalls an den Besuch bei einem Erkältungsguru in Cardiff. Es kann kein Zufall sein, dass sich das einzige universitäre Schnupfen-Programm der Welt in Großbritannien befindet. Es heißt „Common Cold Centre“, wird vom englischen Professor Ron Eccles geleitet und liegt praktischerweise direkt auf dem Campus der Uni. Eccles testet im Auftrag der pharmazeutischen Industrie Medikamente gegen Husten, Schnupfen, Gliederschmerz und beschäftigt sich tagaus, tagein mit dem Rhinovirus, dem kleinen Bruder des Grippevirus. Die walisische Hauptstadt ist ein ziemlich guter Ort dafür.

Studenten sind wunderbare Schnupfen-Probanden

Schnupfen-Professor Ron Eccles in seinem Büro mit Taschentüchern

Der Professor, sonore Stimme, kurz geschorener Schnauzbart sagte: „Meine Forschungsbedingung sind perfekt.“ Seine Patienten sind fast durchweg Studenten, mithin famose Probanden, weil: „Sie schlafen zu wenig. Sie ernähren sich schlecht, sie hängen gemeinsam in überfüllten Bars ab und tagsüber in überfüllten Hörsälen. Und sie haben Stress.“ Eine fürs Virus und Eccles traumhafte Konstellation. Früher oder später landen sie bei ihm im Schnupfen-Center, mit verrotzter Nase und krächzender Stimme. Sie bekommen dort Pillen und Hustensaft und leiden fortan unter wissenschaftlicher Beobachtung und gegen Bezahlung, bis zu 120 Pfund je nach Schwere der Erkrankung. Der akademische Nachwuchs muss einen Fragebogen ausfüllen und Tagebuch führen und schließlich beurteilen, ob die Mittelchen helfen oder nicht. Die meisten helfen im Übrigen nicht.

Für Eccles ist die Nase mehr als nur ein schnödes Sinnesorgan. Er liebt Nasen, sein Büro ein Nasen-Schrein. Becher in Nasen-Form, Nasen-Modelle, Nasen-Poster und sogar eine aufziehbare Nase, die - natürlich - über den Tisch läuft, auf dem selbstverständlich eine Kleenex-Packung ruht.

Ron Eccles Passion für die Nase wird allerdings noch übertroffen von seiner Passion für das gemeine Erkältungsvirus, das Rhinovirus, diesen listigen, cleveren Burschen. Er hielt sogar eine Laudatio: „Das Virus steht inzwischen am oberen Ende der Nahrungskette. Der Mensch hat seine natürlichen Feinde entweder ausgerottet oder domestiziert. Löwen, Tiger, Wölfe? Keine Gefahr mehr. Aber das Virus? Wächst, gedeiht, repliziert sich unentwegt. Und wir können nichts dagegen tun.“

Das Virus wünschte Frohe Ostern und Gesundheit

Eccles grinste, Eccles schwelgte und schwärmte. Dann schaute er auf die Uhr, es ging gegen elf. „Der Student steht nun langsam auf, und mit etwas Glück kommen die ersten gleich.“ Minuten später erschien ein junger Mann, der sich als Josh vorstellte und Wirtschaftswissenschaften studierte. Eccles musterte ihn, Joshs Augen waren glasig, was auf einen bunten Abend im Pub oder eine Erkältung oder beides hindeutete. Seine Stimme ähnelte der einer Nebelkrähe. Ein kurzer Dialog sodann:

Eccles: „Nun, wie geht`s dir, Josh?“

Josh: „Ich fühle mich schrecklich.“

Eccles: „Wunderbar. Nimm Platz.“

Tausende von Studenten, die meisten Briten, hat der Professor in den vielen Jahren seiner Forschungsarbeit vermessen. Er hat ein feines Näschen für seine Klientel, aber Mitleid hat er nicht. Mitleid wäre auch geschäftsschädigend. Ein Mittel gegen Schnupfen und Erkältung hat er allerdings immer noch nicht gefunden, das ist in etwa so aussichtslos wie die Suche nach dem Stein der Weisen oder dem Heiligen Gral. Er empfiehlt schlicht die Klassiker: Vitamine und viel Händewaschen. Der Professor sagte noch: „Das Rhinovirus ist dem Menschen immer einen Schritt voraus.“ Es eilt um die Welt, täglich stecken sich 50 Millionen Leute an. Und kurz vor Ostern, es war wirklich kalt, reiste es nach York. Es traf dort die jungen Menschen in Pubs und Bars. Und als es mit denen fertig war, besuchte es unsere Familie und sprach: „Wenn Ihr Deutschen glaubt, Eure dicken Jacken und Pullover könnten mich abschrecken, seid ihr schief gewickelt.“

Dann wünschte uns das Virus noch Frohe Ostern und vor allem: Gesundheit.

Twitter: @StreckMichael