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LEBENSGEFÜHL: Zeit der neuen Fragen

Flugzeuge, Feuersbrunst, Menschen, die verzweifelt aus dem Fenster springen: »Der Krieg gegen Amerika« war am 11. September live auf CNN zu sehen. Seitdem soll nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Immer wieder diese Bilder. Die stolzen Türme des World Trade Centers, die Flugzeuge, der Feuerball, Menschen, die verzweifelt aus dem Fenster springen, der Einsturz. Politiker versuchen, das Unfassbare in Worte zu fassen - und wiederholen wie ein Mantra: Nichts ist mehr so, wie es war. Die Terrorakte vom 11. September und der Krieg in Afghanistan, heißt es, hätten unser Leben verändert, und zwar bis in den Alltag hinein. Die Wochen und Monate vor dem schwarzen Tag verschwimmen in der Erinnerung. Wie ändern sich Weltsicht, Wünsche und Grundstimmungen wirklich?

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger (53 Prozent) hat »sehr große oder große« Angst vor einem neuen Weltkrieg, ergibt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des »Stern« noch im Herbst; drei von vier Menschen befürchten auch hier zu Lande Terroranschläge. Kaum ein Lebensbereich scheint verschont zu sein vom Stakkato der Veränderungen: Plötzlich brauchen Flugzeuge »Sky-Marshalls«, Ausweise Fingerabdrücke, und Atomkraftwerke sind auch nicht wirklich sicher. Heißt es zumindest in den Polit-Talk-Shows.

Zeit der neuen Fragen

Es ist die Zeit der neuen Fragen: Wie sicher sind unsere Städte? Was hat es auf sich mit dem Islam, mit Koran und Heiligem Krieg, mit Burka und Ramadan? Auf der Frankfurter Buchmesse werden die Motive der Attentäter von New York und

Washington heftig diskutiert - und die Haltung der westlichen Intellektuellen, denen mal zu wenig, mal zu viel Solidarität mit

Amerika vorgeworfen wird. War die US-Flagge früher in breiten Schichten entweder verpönt oder schlicht uninteressant, so trägt im Jahr 2001 nicht nur Madonna Stars & Stripes. »Wir fühlen mit euch«, soll die Botschaft lauten.

»Krieger aus Pearl Harburg«

Was nicht westlich ist, erscheint manchem verdächtig. Die Polizei erhält Tausende Anrufe, die ausländische Nachbarn denunzieren. Nicht nur in einem eigentlich verschlafenen, aber mittlerweile sogar bei CNN bekannten Hamburger Stadtteil

macht sich Angst vor »Schläfern« breit. Mohammed Atta und die »Krieger aus Pearl Harburg« (»Der Spiegel«) haben Misstrauen und Hysterie in eigentlich friedliche Siedlungen und Häuser gebracht.

Unternehmen, Parteien-Strategen und die Öffentlichkeit suchen dringend Antworten. Wenn morgen schon alles vorbei sein kann, was zählt heute noch? Binnen weniger Wochen häufen sich die Magazin- Titel, Trend-Prognosen und Studien wie die des Zukunftsinstituts von Matthias Horx: Ehrlicher Genuss statt prahlerischer Luxus sei im Kommen, heißt es, Bescheidenheit statt Konsum, Häuslichkeit statt Reiselust.

»Man kann nicht in so kurzer Zeit einen Wandel der Gesellschaft diagnostizieren«, sagt dagegen Jörg Ueltzhöffer, Mitbegründer des Mannheimer Sozialwissenschaftliches Institut für Gegenwartsfragen SIGMA. Seit Jahren spürt auch Ueltzhöffers Institut

mit Repräsentativumfragen der Entwicklung bei Konsumenten, Mediennutzern und Parteigängern nach. Der 11. September sagt er, beschleunige den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland nicht wesentlich - anders als vielleicht in den USA.

Wo ist wirklich Bewegung?

Wo aber ist dann langfristig wirklich Bewegung in der Bundesrepublik? Traditionelle und konventionelle Milieus machen nach den SIGMA-Forschungen ziemlich konstant eine Mehrheit von knapp zwei Fünfteln der Gesellschaft aus. Veränderung entsteht dagegen in neueren Gruppen. Ueltzhöffer: »Vor allem der Moderne Mainstream und das Postmoderne Milieu wachsen.« Hier zählt ein individuell immer wieder neu zu bestimmender Mix aus Lebensfreude, Berufserfolg, Freundschaften und einer möglichst frei von überkommener Ästhetik zusammengestellten Kleidung und Einrichtung. Solche Ideale prägen bereits das Leben bei rund einem Fünftel der Menschen in Deutschland.

Den Sozialforscher interessiert die »postmodern« genannte Minderheit von 2001 noch knapp sechs Prozent der Bevölkerung am meisten: junge Metropolenbewohner, die Lebensentwürfe auf ihre subjektive Stimmigkeit ausprobieren. Bestimmte Marken werden gefeiert oder abgelehnt, Widersprüche im Umfeld und dem eigenen Leben bewusst toleriert. »Ironie und Persiflage gehören hier zum Lebensstil dazu«, sagt Ueltzhöffer - und stellt sich damit gegen manche Kritiker der so genannten Spaßgesellschaft, die sich die Rückkehr zu stabileren Werte-Hierarchien gerade vom 11. September erhoffen.

Ärzte beobachten Zunahme von Angststörungen

Das einzige weitere stark wachsende Milieu ist den Forschungen zufolge das der Armen und Arbeitslosen - in dem ums Überleben und ein Stück Konsum gekämpft wird. Macht also vielleicht erst die drohende Rezession die Lust am spielerischen Leben zu einem Luxus, den sich immer weniger leisten können? Hausärzte beobachten einer Studie zufolge bei ihren Patienten bereits eine Zunahme von Angststörungen und depressiven Verstimmungen. Viele besuchen Gottesdienste. Sie finden »Trost in alten Ritualen«, hat Thomas Kröger, Sprecher der Evangelische Kirche in Deutschland, beobachtet.

Dazu scheint zu passen, dass die Deutschen so oft ins Kino gehen, wie seit den 50er Jahren nicht mehr: 170 bis 180 Millionen Besucher sollen es nach Schätzungen des Verbands der Filmverleiher bis zum Ende des Jahres sein. Die Menschen suchen wie in der Adenauer-Ära kleine Fluchten aus der Wirklichkeit und schalten ab bei »Die wunderbare Welt der Amélie« und »Harry Potter und der Stein der Weisen«. Vielleicht liegt es aber auch nur an der Qualität der Filme, meinen Cineasten. Demnach hätte der 11. September wenig an den Bedürfnissen der Deutschen geändert. Sie gehen immer noch auf Reisen, in Kaufhäuser und Kinos. Vielleicht mit den Bildern vom World Trade Center im Kopf - und vielleicht auch im Herzen.