Libanon Die Lage verschlechtert sich stündlich

Bei den schwersten Kämpfen in Libanon seit 1990 hat sich die Zahl der Getöteten auf mindestens 65 erhöht. Unter den Opfern ist auch Saddam al Hajdib. Er wurde im Zusammenhang mit dem geplanten Kofferbombenattentaten auf deutsche Züge gesehen.

Bei erneuten Kämpfen im Libanon sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens acht Zivilisten getötet worden. Zwanzig weitere Menschen seien bei den Gefechten zwischen der libanesischen Armee und Extremisten in einem palästinensischen Flüchtlingslager verletzt worden, heißt es.

Augenzeugen berichteten, die Armee habe das Lager Nahr al Bared im Norden mit Panzern unter Beschuss genommen. Kämpfer der radikal-muslimischen Splittergruppe Fatah al Islam schossen den Angaben zufolge mit Granaten und Maschinenpistolen zurück.

Ein Verdächtiger im Zusammenhang mit den geplanten Kofferbombenanschlägen in Deutschland ist bei Kämpfen getötet worden. Es handele sich dabei um Saddam al Hajdib, die Nummer vier der Fatah al Islam und Bruder des in Deutschland inhaftierten Youssef Mohamed al Hajdib. Bei der Erstürmung eines Hauses in der Hafenstadt Tripoli waren zehn islamische Extremisten getötet worden. Eine Leiche wurde den Angaben zufolge als die al Hajdibs identifiziert, dem in Beirut wegen der versuchten Kofferbombenanschläge vom Juli vergangenen Jahres auf zwei Regionalzüge in Deutschland in Abwesenheit der Prozess gemacht wird.

Bei den schwersten Kämpfen seit dem Bürgerkrieg bis 1990 waren in dem Lager und der nahe gelegenen Stadt Tripoli am Sonntag 57 Menschen getötet worden, darunter 15 Zivilisten.

Die Bundesregierung brachte ihre Sorge über die Gewalt zum Ausdruck. Deutschland sei darauf bedacht, die Stabilität und Souveränität des Libanon zu unterstützen, sagte Regierungssprecher Thomas Steg. Das Auswärtige Amt rief die Konfliktparteien dazu auf, eine weitere Eskalation zu vermeiden. "Es darf nicht geschehen, dass der Libanon in eine neuerliche Spirale der Gewalt hineingezogen wird", so ein Sprecher. Deutschland beteiligt sich mit rund 3000 Soldaten an einem UN-Friedenseinsatz im Südlibanon.

Hintergrund der Kämpfe im Nordlibanon sind der Regierung in Beirut zufolge die Pläne der Vereinten Nationen für ein Tribunal wegen des Anschlags auf Ex-Regierungschef Rafik al Hariri. Fatah al Islam wolle Unruhe stiften und das Tribunal verhindern, sagte Telekommunikationsminister Marwan Hamadeh. Er deutete an, dass die Extremisten-Gruppe von Syrien unterstützt werde, das auch am Hariri-Mord beteiligt gewesen sein soll.

Nach palästinensischen Angaben droht die Zahl der Toten weiter zu steigen, da Teile des Lagers wegen der Kämpfe für die Rettungskräfte unzugänglich waren. In der Nacht hatte das libanesische Rote Kreuz etwa 20 Verletzte in Sicherheit gebracht. Nahr al Bared ist mit 40.000 Bewohnern eines von zwölf palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon.

Das libanesische Kabinett will sofort über die Krise beraten. Die Armee hatte Nahr al Bared in jüngster Zeit stärker bewacht, seit vier Mitglieder von Fatah al Islam wegen Bombenanschlägen in einer christlichen Gegend nahe Beirut im Februar angeklagt wurden. Damals wurden drei Zivilisten getötet.

Mehrere sunnitische Politiker und Geistliche bekräftigten ihre Unterstützung für das Vorgehen der Armee. Palästinenser in dem umkämpften Lager erklärten per Telefon, die humanitäre Lage in Nahr al Bared verschlechtere sich stündlich. Verletzte erhielten kaum mehr als Erste Hilfe. Auch Nahrungsmittel würden langsam knapp.

AP/Reuters AP Reuters

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