Libanon Nach Ministermord wächst die Angst


Der libanesische Industrieminister Gemayel ist bei einem Attentat ums Leben gekommen. Im Libanon wächst nun die Angst vor einer Eskalation der politischen Spannungen. US-Präsident Bush und Kanzlerin Merkel verurteilten den Anschlag.

Der christlich-libanesische Politiker und Industrieminister Pierre Gemayel ist einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Damit wächst 16 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs die Sorge vor einer Eskalation der politischen Spannungen im Libanon. Gemayel ist der fünfte Politiker oder Intellektuelle aus dem antisyrischen Lager, der in den vergangenen zwei Jahren ermordet wurde.

Gemayel war Augenzeugen zufolge mit seinem Auto in der Beiruter Vorstadt Dschdeideh unterwegs - in diesem christlichen Wohngebiet am Nordrand der libanesischen Hauptstadt lag auch der Wahlkreis des Politikers. Sein Auto wurde von einem anderen Fahrzeug gerammt. Der Täter stieg aus und erschoss den Politiker aus kurzer Distanz. Gemayel wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo nur noch sein Tod festgestellt werden konnte, wie die christliche Phalange-Partei mitteilte.

"Die Hand Syriens ist überall"

Politische Beobachter erwarten, dass das Attentat die politischen Spannungen im Libanon weiter verschärfen wird. Die Phalange-Partei gehört der antisyrischen Parlamentsmehrheit an, die in den vergangenen Tagen einen erbitterten Machtkampf mit der prosyrischen Hisbollah führte. Diese hat mit dem Sturz der Regierung gedroht, falls sie kein größeres Mitspracherecht im Kabinett erhält.

Der politische Führer der antisyrischen Mehrheit, Saad Hariri, brach nach der Nachricht vom Attentat auf Gemayel eine Pressekonferenz ab. Er würdigte Gemayel als guten Freund und sagte den Tränen nahe, es werde alles getan, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Al-Hariri machte Syrien für den Mordanschlag auf Industrieminister Pierre Gemayel verantwortlich. "Wir glauben, dass die Hand Syriens überall ist", sagte Saad al-Hariri dem TV-Sender CNN. Der Politiker ist Sohn des ebenfalls bei einem Mordanschlag getöteten früheren Ministerpräsident Rafik al-Hariri.

"Akt des Terrorismus"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Ermordung des libanesischen Industrieministers verurteilt. "Das heutige Attentat stellt offenbar einen weiteren Versuch dar, die Entwicklung eines unabhängigen, souveränen und demokratischen Libanon zu sabotieren", erklärte Steinmeier in Berlin. "Den dafür Verantwortlichen gilt es, entschlossen entgegen zu treten", forderte der Minister. Zugleich warnte er vor einer weiteren Destabilisierung des Landes: "Ich appelliere an alle Kräfte im Libanon und in der Region, jetzt ihrer Verantwortung gerecht zu werden und alles zu unterlassen, was die innenpolitische Lage im Libanon weiter destabilisiert."

Auch der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat den "abscheulichen Anschlag" auf Gemayel mit größter Entschiedenheit verurteilt. Die Mörder sollten verfolgt und bestraft werden, forderte Chirac in Paris.

Die US-Regierung sieht in dem Attentat einen Akt des Terrorismus. "Wir sind geschockt wegen des Mordanschlages", sagte Außenamts-Staatssekretär Nicholas Burns in Washington. Jene Kräfte, die den Libanon politisch destabilisieren wollten, dürften keinen Erfolg haben. Die USA werden nach den Worten von Burns weiterhin die Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora unterstützen. Ziel bleibe ein Libanon, der vom Einfluss Syriens sowie von einer Politik der Gewalt und Anschläge befreit werde. Die internationale Gemeinschaft müsse helfen, damit die Einheit des Libanons erhalten bleibe.

US-Präsident George W. Bush hat eine umfassende Untersuchung des Mordes gefordert. Die hinter der Tat stehenden Personen und Kräfte müssten gefunden werden, sagte Bush bei einem Truppenbesuch in Hawaii. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) müsse nun sobald wie möglich das geplante Sondertribunal zur Untersuchung des tödlichen Attentats auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri einsetzen. Bush machte den Iran und Syrien nicht direkt für den Mord verantwortlich, nannte die beiden Staaten jedoch im Zusammenhang mit der Tat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem amtierenden libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora ihr Beileid aus. Das Attentat sei ein weiterer Versuch, die Entwicklung des Libanon auf dem Weg zur nationalen Einheit und zu einem unabhängigen Staat zu behindern, erklärte sie.

Erfolgreicher Sprössling einer Politiker-Dynastie

Pierre Gemayel, der einer der einflussreichsten Politiker-Dynastien des Libanon entstammt, ist bereits das zweite Mitglied der Gemayel-Familie, das einem Attentat zum Opfer fällt. Sein Onkel, der Milizführer Beschir Gemayel, war 1982 kurz nach seiner Ernennung zum libanesischen Präsidenten bei einem verheerenden Bombenanschlag auf das Falange-Hauptquartier in Beirut ums Leben gekommen. Nachfolger wurde Pierre Gemayels Vater, Amin Gemayel (1982-1988). Großvater Pierre (1905-1984) gründete die Kataeb-Partei, auch Falange genannt, der auch sein Enkel Pierre Gemayel angehörte.

Pierre Gemayel (Jahrgang 1972) ist maronitischer Christ und gehörte zur anti-syrischen Fraktion von Ministerpräsident Fuad Siniora. Seit dem Jahr 2000 war er Abgeordneter des libanesischen Parlaments. 2005 wurde er zum Industrieminister ernannt. Er war das jüngste Mitglied des Kabinetts. Gemayel hatte an der so genannten Zedernrevolution teilgenommen, die zu Neuwahlen nach dem Attentat auf den damaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar 2005 geführt hatte. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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