London Die "Massenvernichtungswaffe" aus den eigenen Reihen


Angebliche ABC-Waffen im Irak bleiben unauffindbar, dafür ist in der Downing Street eine politische Rakete eingeschlagen. Ex-Ministerin Clare Short führt einen Kreuzzug zum Sturz Tony Blairs.

Die Gespenster des Irak-Kriegs verfolgen Tony Blair ohne Ende. Da dachte der Premierminister, er könne endlich einen Schlussstrich unter alle Kritik ziehen. Doch da taucht wie aus dem Nichts plötzlich seine innerparteiliche Intimfeindin, die Ex-Ministerin und Kriegsgegnerin Clare Short, mit der Behauptung auf, der britische Geheimdienst habe UN-Generalsekretär Kofi Annan im Vorfeld des Krieges heimlich ausspioniert.

"Großbritanniens Spionage-Schande"

"Großbritanniens Spionage-Schande" titelte der linksliberale "Independent" und sah in einem Kommentar bereits das "Ende der Demokratie" nahen. Großen Schaden für Blair, der die Vorwürfe nicht dementieren wollte, konstatiert auch Nick Assinder, Politikkorrespondent der BBC. Falls Blair immer noch nach Massenvernichtungswaffen Ausschau halte, müsse er sich nur in den eigenen Reihen umsehen: "Clare Short ist direkt in seinem Gesicht explodiert", analysierte er.

Die ehemalige Entwicklungshilfeministerin hat sich nach der einhelligen Meinung politischer Beobachter den Sturz Blairs auf die Fahnen geschrieben, mit dem sie sich über den Krieg entzweite. "Außergewöhnliche Rücksichtslosigkeit" hatte sie ihrem Premier noch als Ministerin vor dem Krieg vorgeworfen, war aber erst Monate später während des Feldzuges zurückgetreten. Seitdem bescheinigte sie ihm wiederholt und öffentlich "messianischen Eifer", "Besessenheit" und "Machtmissbrauch". Ihre sehr persönlichen Angriffe aber konnte die früher als "linkes Gewissen" der Labour-Partei bezeichnete Short nicht mit Fakten belegen. Und dies trifft nun auch für die UN-Abhörvorwürfe zu.

Welche "Granate" kommt als nächstes?

Freunde und Feinde Blairs hätten sich nach den Anschuldigungen vom Vortag an den Kopf gefasst und sich gefragt, "welche Granaten sie als nächstes gegen den Premierminister werfen wird", hieß es im "Guardian". "Das ist pathologisch, nicht politisch", zitierte die angesehene Zeitung einen namentlich nicht genannten Staatssekretär. Und nicht zu Unrecht wird die Frage gestellt, warum Short ihr Wissen über mutmaßliche britische Geheimdienstschnüffeleien im UN-Hauptquartier nicht schon damals an die Öffentlichkeit gegeben hat.

Selbst Kriegsgegner Robin Cook, der als ehemaliger Außenminister Zugang zu allen Geheimdienstinformationen hatte, kommt Blair zu Hilfe und zweifelt die Behauptungen seiner Parteifreundin an: "Es ist Teil von Clares politischer Kampagne zur Unterminierung des Premierministers, und es schadet sowohl der Regierung als auch der Partei", der sie alles zu verdanken habe.

BBC-Korrespondent Assinder meint, Blair setze darauf, dass sich der Rauch dieser kleinen Schlacht bald verzogen und sich der nicht belegte Vorwurf in Wohlgefallen aufgelöst haben wird. Doch langfristig bestehe die Gefahr für den Premierminister, dass mit der ganzen Angelegenheit wieder Öl auf das fast schon erloschen geglaubte Feuer gegossen wird, wenn es in der Öffentlichkeit um die Frage geht, aus welchen Gründen britische Soldaten in den Irak geschickt wurden.

Jörg Berendsmeier DPA

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