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Luisa Neubauer im stern Diese Klimakonferenz war eine Katastrophe. Was sollen wir denn noch machen?

Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Kolumnistin des stern
Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Kolumnistin des stern
© Michael Kappeler/ / Picture Alliance
Luisa Neubauer ist eine der führenden Figuren von "Fridays for Future" in Deutschland. Die UN-Klimakonferenz markiert für sie ein "Regierungsversagen von neuer Qualität". Was nun passieren muss, schreibt die 23-Jährige im stern.
Von Luisa Neubauer

Die 25. UN-Klimakonferenz ist zu Ende, die Bilanz der zweiwöchigen Klimaverhandlungen ist desaströs. Weder die Frage der Klimaschädenfinanzierung, noch die des Emissionshandels konnten geklärt werden - und auch der Zeitplan für das nächste Jahr steht nicht, dabei ist die To-Do-Liste kilometerlang. Die Konferenz wird vermutlich als die unerfolgreichste Klimakonferenz jemals in die Geschichte eingehen. Zu Recht. Dabei war die Zeit für unerschrockenen Klimaschutz selten reifer.

Noch nie gab es im Jahr vor einer Klimakonferenz so viele Demonstrationen, Streiks und Forderungen nach mehr Bemühungen. Noch nie waren die Warnungen der Wissenschaft deutlicher, als die der vergangenen 18 Monate. Noch nie haben sich so viele Menschen im Vorfeld einer Klimakonferenz an Aktionen des zivilen Ungehorsams beteiligt - und im Bewusstsein potentieller Verhaftungen klimapolitischen Willen eingefordert. Und niemals zuvor in der Geschichte, haben junge Menschen ein geschlagenes Jahr lang jede Woche nichts anderes gefordert, als das Regierungen rund um die Welt die größte Krise der Menschheit behandeln, wie man nun mal die größte Krise der Menschheit behandeln sollte: mit der kollektiven Bereitschaft, zu geben, was eben notwendig ist. 

Regierungsversagen von neuer Qualität

Bei der Bewertung der Klimakonferenz geht es entsprechend nicht nur darum, dass von den drei großen Aufgaben, vor denen die Regierungen standen, keine im weitesten Sinne zufriedenstellend gelöst werden konnte. Vielmehr geht darum, dass wir ein Regierungsversagen von neuer Qualität erleben. Wir besprechen dabei ein beispielloses "disconnect", eine Lücke, zwischen dem wissenschaftlichen Bewusstsein über die katastrophalen Konsequenzen von unzureichendem Klimaschutz, übermittelt von nie da gewesenen Massen einer bewegten Zivilgesellschaft auf der einen Seite, und dem politischen Willen, die Warnungen in politische Maßnahmen umzusetzen auf der anderen. Diese Lücke war nie größer. 

Menschen sprechen vom Ergebnis als "Minimalkonsens". Was für ein merkwürdiger Term, impliziert er doch, man hätte irgendwas erreicht, was eben "minimal okay" wäre. Als wäre zwar mehr drin gewesen, aber zumindest hätte man ja ein paar kleine Erfolge zu feiern. Unsinn. Statt von einem Minimalkonsens zu sprechen, müssten man ehrlicherweise von einem Scheitern der Regierungen sprechen, sich auf notwendige Maßnahmen zu einigen. Und das ist katastrophal - an allererster Stelle für die Menschen, die heute schon jeden Tag mit der Klimakrise zu kämpfen haben, weil sie nicht ihre Zukunft, sondern ihre Gegenwart dominiert.

Ich spreche von Menschen, die im vergangenen Jahr dabei zusehen mussten, wie Menschen, die sie lieben, von den immer drastischer werdenden Naturkatastrophen eingeholt wurden, von Menschen, deren Lebensgrundlagen vor ihren Augen erodieren, weil die Klimakrise in all ihrer Unbarmherzigkeit, in ihrer tosenden Gewalt und Aggressivität immer härter um sich schlägt, Menschen, die zu den Ärmsten der Welt gehören, den am wenigsten Privilegierten, denjenigen, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben und denen diese Tage, heute und morgen schlicht alles genommen wird, worauf sie einmal ihre Zukunft aufbauen wollten.

Einige dieser Menschen konnte ich bei der Klimakonferenz in Madrid kennen lernen. Wir haben dort Hand in Hand Klimagerechtigkeit eingefordert. Offensichtlich vergeblich. Ich frage mich, wie man diesen Menschen die Erfolglosigkeit dieser Klimakonferenz verkaufen kann? Wie kann man ihnen erklären, dass Regierungen auf der ganzen Welt, im vollen Bewusstsein um die Gefahren der Klimakrise, sich dagegen entschieden haben, ihr Leben und ihre Zukunft zu beschützen? Ich weiß es nicht.

Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Kolumnistin des stern
Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Kolumnistin des stern
© Michael Kappeler/ / Picture Alliance

Was sollen wir denn noch machen?

Es ist ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass ich und so viele andere zehntausende junge (und alte) Menschen auf der Welt, ein Jahr lang jede Woche alles gegeben haben, um zu ermöglichen, dass auf dieser Klimakonferenz Erfolge gefeiert werden können. Es stellt sich unweigerlich die Frage, was wir denn noch machen sollen? Wie viele Warnungen der Wissenschaft, wie viele Millionen Protestierende braucht es, damit sich Regierungen genötigt fühlen loszulegen? Wie oft müssen Kinder noch in Fernsehkameras weinen und von ihrer großen Angst um ihre Zukunft erzählen? Wie viele Freitage werden sich Kinder noch aufgefordert fühlen, ihren Unterricht zu verpassen, weil die Bemühungen der Staaten daran zweifeln lassen, ob sie den Ernst der Lage verstanden haben? Wie viele Tote braucht es noch? Und wie viele Menschen müssen sich noch auf die Flucht machen, weil ihre Heimat keine mehr ist, bevor gehandelt wird? 

Es ist nicht leicht nach dieser Klimakonferenz zuversichtlich zu bleiben. Ich kann jede und jeden verstehen, die nach dieser Konferenz an der erfolgreichen Umsetzbarkeit des Paris-Abkommen zweifelt. Doch wäre es falsch, sich nach dieser Konferenz in Resignation zu begraben.

Denn neben all den kleinen und großen Katastrophen dieser Klimakonferenz und ihren Ergebnissen, haben wir in den letzten zwölf Monaten alle erlebt, wie unwahrscheinlich groß die Macht von Menschen sein kann, die zusammenkommen, um die Verhältnisse zu ändern. In den letzten zwölf Monaten ist eine klimapolitische Öffentlichkeit erwacht, die es in der Form noch nie gab, Betroffene auf der ganzen Welt werden jeden Tag lauter und artikulieren ihre Sorgen, aber auch ihre Bereitschaft, der Klimakrise den Kampf anzusagen. Ich denke an die Mädchen und Frauen aus Uganda, Chile und den indigenen Communities auf der ganzen Welt, die auch nächste Woche noch weiter für den Schutz ihrer Lebensgrundlagen kämpfen werden, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Und das, ungeachtet der Klimakonferenz und der unverhohlenen Idiotie manch einer Regierung. Wer wären wir, angesichts dieses Kampfgeistes aufzugeben? 

Deutschland und Europa sind in den nächsten Wochen gefragt, das Paris-Abkommen wieder zu beleben, machbar ist das durchaus. Klare internationale Signale, eine Ambitionssteigerung und Zahlungsbereitschaft werden von ihnen erwartet. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es notwendig ist. Nichts anderes hat uns auf der Straße im letzten Jahr vorangetrieben. Und nichts weniger erwarten wir nun von den Regierungen in Europa, die jetzt gefragt sind zu handeln.

Anmerkung der Redaktion: Luisa Neubauer ist eine von vier Kolumnistinnen und Kolumnisten, die unter dem Titel "Auf dem Weg nach morgen" im Wechsel im stern zum Thema Nachhaltigkeit und Klima schreiben. Diese und weitere Kolumnen finden Sie hier.

fs

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