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Machtwechsel in Kiew: Das Volk jubelt auf den Straßen

Es ist ein historischer Tag in der Ukraine: Das Parlament hat Viktor Janukowitsch abgesetzt, Oppositionsführerin Timoschenko ist frei und will Präsidentin werden. Die Hauptstadt ist im Siegestaumel.

Tränen und Siegesfeiern liegen in Kiew nur wenige Hundert Meter auseinander. Stolz ziehen Kämpfer der Opposition durch das Regierungsviertel. Zum Schutz vor Übergriffen auf das Parlament bilden sie einen Wall mit Schilden. Das Signal: Alles läuft geordnet, es gibt kein Chaos. Auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, trauern Tausende um die Dutzenden Toten der vergangenen Tage. Nun steht hier, auf der großen Bühne, noch der Höhepunkt an: Der erste Auftritt von Oppositionsführerin Julia Timoschenko in Freiheit. "Kämpft bis zum Ende!", ruft sie, im Rollstuhl sitzend und mit zitternder Stimme. Zehntausende jubeln ihr zu. Immer wieder warnte sie davor, den Maidan jetzt zu räumen. "Wenn irgendjemand Euch sagt, Ihr sollt nach Hause gehen, traut ihm nicht, geht bis zum letzten Schritt!"

Ihr Erzfeind, Präsident Viktor Janukowitsch, ist zwar verjagt, aber eigentlich noch im Amt - denn Experten halten seine Amtsenthebung durch das Parlament juristisch zumindest für fragwürdig. Aus dem Osten des Landes hetzt der geflohene Staatschef, seine Gegner seien Nazis, ihre Entscheidungen illegal. Einen Rücktritt schließt er klipp und klar aus. Das ist sein Recht. Doch es wirkt, als klammere er sich an sein Amt.

Denn die Realität überrollt ihn. Fast im Minutentakt verlassen Mitglieder der Regierungspartei die Fraktion. Polizei, Armee, Spezialeinheiten - alle versprechen, sich nicht in den Machtkampf einzuschalten. Der Noch-Präsident hat so gut wie keine Verbündeten mehr. Der mächtige Mann des Landes hat alle Macht verloren.

In Kiew übernimmt derweil das Volk die Stadt - Sicherheitskräfte sind nicht zu sehen. Massen strömen ins Zentrum. Viele haben Blumen bei sich und legen sie auf die Barrikaden, an denen noch vor kurzem tödliche Schüsse fielen. Schweigend trauert die Menge auf dem großen Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan. Priester sprechen Gebete für die Opfer. Auf einem Hügel bilden Windlichter die Worte "Ehre den Helden". Alle halten inne. Männer entblößen ihr Haupt. Zwei ältere Frauen weinen bitterlich und halten sich aneinander fest.

Auf dem Weg zum Regierungsviertel markieren rote Nelken die Spur des Bluts. Unbekannte Scharfschützen hatten hier gezielt auf Menschen geschossen. Vor dem Präsidentensitz steht eine metallene Absperrung in den blau-gelben Landesfarben. Dahinter haben sich Mitglieder der sogenannten Selbstverteidigungskräfte mit Schilden und Helmen aufgebaut. Eine ältere Frau sagt stolz: "Alles unsere Jungs". Die Kämpfer grinsen und schieben den Helm noch ein Stück in den Nacken.

Auch vor dem Parlament hat sich eine Menschenmenge versammelt. Hunderte warten auf die Entscheidungen im Inneren. Eine Gruppe selbst ernannter Selbstverteidiger sitzt auf einem Laster mit der rot-schwarzen Fahne der ukrainischen Nationalisten. Passanten fragen: "Jungs, wo fahrt ihr hin?". "Wir besuchen Janukowitsch", ruft einer der jungen Burschen übermütig zurück.

bak/Andreas Stein und Benedikt von Imhoff/DPA / DPA