Mail aus Mumbai Der "Nano"-Zwerg, der Indien beherrscht


Für den Westen ist er eher ein Gag- für die Inder ihr persönlicher Volkswagen: Seitdem der Großindustrielle Ratan Tata das 1700-Euro-Auto "Nano" auf den Markt gebracht hat, träumen indische Durchschnittsfamilien davon, ihr Familienmoped gegen den fahrbaren Untersatz auf vier Rädern auszutauschen.
Von Swantje Strieder, Mumbai

"Nano, Nano, Nano", stöhnt Isra, mein ständiger Taxifahrer in Mumbai, "alle reden hier nur noch vom neuen Zwerg!" Dabei ist der Kleine (Nano heißt in Mumbai und in Gujarat klein) kaum eine Woche auf der Auto-Welt. Sein Vater, der Großindustrielle Ratan Tata, hat ihn am 10. Januar auf der Auto-Expo in Neu Dehli aus der Taufe gehoben. Klar, ein ganzes Auto mit vier Rädern, vier Sitzen, zwei Zylindern, aber nur einem Scheibenwischer zum Nano-Preis von einem Lakh, also 100.000 Rupien = 1700 Euro, das ist eine Weltsensation. Dafür bejubelten die indische Presse und das politische Establishment den großen Boss, als sei ihm die Landung auf dem Mars gelungen. "Tata hat mit seinem revolutionären Kleinauto das Herz des kleinen Mannes erobert", lobte selbst Mumbais Rechtsaußen-Politiker Bal Thackeray.

Für den saturierten Westen mit Autos im Hochpreissegment ist das indische Westentaschenformat eher ein Gag. Eine Reminiszenz an Nachkriegszeiten mit Isetta, Goggomobil, Käfer und Co. Für die Grünen aller Herren Länder ist der Kleine ein großer Schritt in die falsche Richtung - zu noch mehr Erderwärmung, Abgasen und schädlichem Individualverkehr. Sie haben ja so recht. Aber Millionen aufstrebender kleiner Leute in Indien oder China sind- Global warming hin, Globalisierung her- im Modernisierungsrausch. Für sie ist das neue People's Car, der indische Volkswagen, ein Fahrschein in eine bessere Zukunft. Für die typische Mittelklassefamilie, die sich heute noch zu viert auf's Moped quetschen muss - Papa lenkt, Sohnemann steht wacklig zwischen seinen Knien, Mama hockt im flatternden Sari mit dem Töchterchen im Arm hintendrauf- , ist der Wagen wie gemacht: relativ mehr Raum, relativ mehr Komfort, relativ mehr Sicherheit. Denn Mopeds verunglücken hier doppelt so häufig wie Autos. Fußgänger sind mit zehnfach höherem Unfallrisiko die Todeskandidaten schlechthin. Und hat Tata nicht versprochen, dass das 5-Liter-Auto, das keinen Katalysator hat, angeblich weniger Dreck ausstößt als die herkömmlichen Zweiräder!

"Einfach mal am Sonntag mit der Familie raus ans Meer"

Dank des Nano war die indische Auto-Expo, eher ein Event für Leute mit dem Geldbeutel für Luxuskarossen, diesmal ein Volksauflauf wie sonst nur indisch-australische Cricket-WM-Spiele. Hundertausende kamen per Bus, Rikscha, Metro, sogar Traktor und Pferdewagen, um Dehlis Ausfallstraßen zu verstopfen, bevor noch ein einziges Exemplar des Volks-Wagens vom Band gerollt ist. "Der Nano ist mein Traumauto", so Kutscher Jumman Khan, der seine sechsköpfige Familie aus Alt-Dehli herangekarrt hat, " mein Pferd wird nämlich langsam zu alt." Akram Rashid Sheik, 35, aus Mumbai ist ein weiterer Nano-Kandidat. Seit zehn Jahren fährt der Sportlehrer mit dem Moped durch die 18-Millionen-Stadt: "Jede Sekunde riskiere ich mein Leben in diesem monströsen Verkehr", sagt er. Seit die Familie Sheik drei Kinder hat, passt sie bei bestem Willen nicht mehr auf's Zweirad. Und spart für den Nano: "Einfach mal am Sonntag mit der Familie raus ans Meer!"

Aber ob Moped, Mercedes oder Nano, Mumbais Verkehr ist Horror. Schon jetzt verstopfen nur (!) 680.000 Kraftfahrzeuge und 1,2 Millionen Zweiräder die Metropole. Ein winziger Trip in Mumbais Innenstadt dauert zwei bis drei Stunden, es gibt fast keine Parkhäuser oder Tiefgaragen. Reiche Mumbaier lassen ihre Chauffeure so lange um den Block fahren, bis die Herrschaften ihre Termine erledigt haben. Und wenn der Nano kommt? Gerade hat die Mumbaier Stadtverwaltung angekündigt, drei seit langem brachliegende Straßenprojekte endlich anzugehen. Doch einige Bürger haben endgültig genug. Am 10. Januar, dem Geburtstag des Nano, hat die Mumbaier Busgesellschaft eine klimatisierte Schnellbus-Linie aus dem Vorort Thane in die Innenstadt eingerichtet. Der Bus hält direkt vor dem Obersten Gerichtshof. Seither haben 300 Rechtsanwälte und Gerichtsangestellte ihrem Auto Lebewohl gesagt.


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