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Malediven: Touristendollars für die Tyrannei

Ein Paradies sind die Malediven nur für Taucher und Touristen. Die Bevölkerung wird seit 26 Jahren von einem Despoten geknechtet. stern.de sprach mit zwei Exil-Oppositionellen über die Zustände auf der Insel.

Von Cornelia Fuchs

"Malediven-Touristen sollten wissen, dass sie mit ihren Dollars Menschenrechtsverletzungen eines Tyrannen unterstützen." Das sagt Mohammed Latheef, maledivischer Exil-Politiker im Interview mit stern.de. Im Taucherparadies vor der Küste Indiens herrscht seit 1978 der Despot Abdul Gayyoom. Mitte August wurde der Ausnahmezustand auf den Malediven ausgerufen.

Seitdem seien Hunderte Menschen nach Demonstrationen gegen das Regime des Präsidenten in Gefängnissen verschwunden, sagt die Opposition, die längst ins Ausland geflohen ist. Unter den Gefangenen sind auch ein früherer Minister und ein Generalstaatsanwalt. Soviel gibt die Regierung zu. Beide landesweit bekannte Reformer, die schon seit Jahren für Gewaltenteilung und freie Wahlen auf den Malediven kämpfen.

Im Juli 2003 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen des Regimes von Präsident Gayyoom, der die Malediven seit 26 Jahren totalitär regiert. Die Menschenrechtsorganisation beschuldigt den Herrscher der Folter: Häftlinge würden geschlagen und getreten, sie müssten stundenlang in Handschellen gefesselt in der Sonne ausharren. Vor Gericht würden ihnen Anwälte verwehrt, so Amnesty.

Die Herausgeber des unabhängigen Internetmagazins "Sandhaan" wurden wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt, unliebsame Politiker seien ebenso weggesperrt worden wie religiöse Führer oder Künstler. Gleichzeitig baut der Präsident ehemalige Militär-Gebäude zu Gefängnissen aus - auf Inseln weit weg von den Luxus-Hotels der Touristen.

Im September 2003 kam es zu ersten Massen-Demonstrationen, nachdem drei Häftlinge unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starben. Präsident Gayyoom versprach Reformen, das Rechtssystem sollte verändert, die Kompetenzen des Parlamentes erweitert werden. Doch Mohammed Latheef, Sprecher der "Maledivischen Demokratischen Partei" (MDP) und der Menschenrechtsaktivist Ibrahim Lutfy, bezweifeln im Interview die Ernsthaftigkeit der Vorschläge.

Herr Lutfy, nach den Verhaftungen wurden Internetverbindungen zu den Malediven gekappt, Telefongespräche werden abgehört. Wie geht es den Menschen?

Lutfy: "Wir schätzen, dass zwischen 300 und 500 festgenommen wurden, darunter sieben Reformpolitiker der Verfassungskommission, die gerade tagt. Informanten haben mir von Schreien aus dem Gefängnis auf Girifushi erzählt. Sie hörten Frauen, die darum flehten, nicht geschlagen zu werden. Einige mussten mehr als 20 Stunden Augenbinden tragen. Es wurden wahllos Familienmitglieder von Oppositionellen festgenommen - so der Sohn meines Kollegen Muad Zaki, der wie ich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er kritische Artikel veröffentlichte. Sein Sohn wurde jetzt so schwer geschlagen, dass Schulter, Arme und Beine stark geschwollen sind. Es herrscht eine Atmosphäre der Angst auf den Malediven. Es ist furchtbar."

Herr Latheef, was wissen Sie über die Situation auf den Malediven - besonders über die Haftbedingungen der Gefangenen?

Latheef: "Soweit wir wissen, hat der internationale Druck geholfen, dass die Gefangenen nicht mehr gefoltert werden. Währen der ersten zwei, drei Tage waren die Verhafteten einer fürchterlich brutalen Behandlung ausgesetzt. Die meisten wurden gefesselt, ihnen wurden Kapuzen über den Kopf gezogen und sie wurden systematisch geschlagen. Zusätzlich wurden beleidigt und angebrüllt. Der National Security Service, der staatliche Sicherheitsdienst, verhielt sich wie eine Besatzungsarmee und nicht wie eine Gruppe verantwortungsbewusster Gesetzeshüter. Offensichtlich war der Plan, die Menschen so schwer zu traumatisieren, dass sie sich aus Angst weiter unterdrücken lassen."

Ihre Tochter Jennifer Latheef ist eines der Opfer - wissen Sie, wie es ihr geht?

Latheef: "Auch Jenny wurde eine Kapuze über das Gesicht gezogen und sie wurde zusammengeschlagen. Meine anderen zwei Kinder wurden ebenfalls verhaftet. Mein Sohn Den wurde geschlagen. Ich weiß nichts über das Schicksal meiner jüngsten Tochter, Marnie."

Was bedeutet dies für den Demokratisierungsprozess, den Gayyoom einleiten wollte?

Latheef: "Die neuesten Ereignisse beweisen, was wir schon immer gesagt haben: Gayyoom steht nicht für ernsthafte Reformen. Er hat Angst, dass wirkliche, durchgreifende Reformen das Ende seiner 26-jährigen, despotischen Herrschaft bedeuten. Sie würden auch den unglaublichen Reichtum gefährden, den er, seine Familie und seine korrupten Anhänger über die Jahre zum Leidwesen der armen Bevölkerung der Malediven angehäuft haben. 42 Prozent der Bevölkerung lebt unter der internationalen Armutsgrenze, während der Präsident auf Yachten und in Privat-Clubs in Luxus lebt. Nach offiziellen Zahlen sind die Ausgaben für Gayyooms Palast höher als der gesamte Haushalt für außerschulische Bildung. Die internationale Gemeinschaft muss endlich und endgültig erkennen, dass Gayyoom nicht den politischen Willen - oder den Wunsch - hat, politische Reformen durchzuführen."

Lutfy:" Als der Präsident 1978 die Macht übernahm, versprach er, die Verfassung zu reformieren. Das ist 26 Jahre her - und immer noch ist die Verfassung nicht demokratisch. Ich persönlich glaube dem Präsidenten kein Wort mehr. Er hat alle seine Versprechen gebrochen. Ich war in sieben Jahren zehn Mal im Gefängnis, einfach, weil ich ein unabhängiges Internetmagazin gegründet habe. Als ich Misshandlungen im Gefängnis in einem Bericht anprangerte, kam ich dafür drei Monate in Einzelhaft."

Glaubt Sie, dass die Opposition und die Maledivische Demokratische Partei (MDP) noch an eine Chance haben, sich an dem Demokratisierungs-Prozess beteiligen zu können?

Latheef: "Die MDP und andere demokratische Reformer haben bemerkenswerte Geduld, Reife und Zurückhaltung innerhalb dieses Prozesses gezeigt - auch wenn wir keinerlei Illusionen über Gayyooms fehlenden Willen und mangelnde Aufrichtigkeit hegen. Während der Präsident über Reformen redet, verletzt er ständig und öffentlich das fundamentale und in der Verfassung vorgegebene Recht der Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Jedermann, der glaubt, unter solchen Umständen wäre ein Demokratisierungsprozess möglich, muss wirklich sehr naiv sein."

Was sollten Touristen tun, die auf die Maldiven reisen wollen?

Latheef: "Die Malediven sind eines der schönsten Urlaubsziele der Welt. Dennoch sollten die Touristen, die hierher kommen, sich darüber im Klaren sein, dass viele der Einwohner weniger idyllischen Lebensrealitäten unterworfen sind. Sie müssen wissen, dass ein Teil der Touristendollars helfen, die Menschenrechtsverletzungen eines despotischen Tyrannen zu unterstützen. Wer immer sich in dieses Land verliebt und beginnt, sich darum zu sorgen, sollte Druck auf die zuständigen Autoritäten ausüben, um den Einwohnern ein Leben frei von Unterdrückung zu ermöglichen."

Lutfy: "Sie sollten nicht nur in ihren Luxushotels bleiben, sondern sich die Inseln mit ihren Einwohnern anschauen. 60 Prozent leben immer noch in Armut. Ein Tourismus-Boykott träfe aber zuerst die einfachen Menschen. Wirksamer ist es, wenn die Deutschen ihre Regierung auffordern, auf den Präsidenten einzuwirken. Die Deutschen haben großen Einfluß auf den Malediven. Ich glaube, nur ständiger internationaler Druck wird die Situation wirklich ändern können."

Würden Sie zu einem Boykott der Malediven aufrufen?

Latheef: "Der Präsident hofft darauf, dass die Geschäftsleute aus Angst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen eines Boykotts sich hinter ihm versammeln und ihm damit freie Hand geben würden, seine despotische Herrschaft für die Ewigkeit einzurichten. MDP würde nur zu einem Boykott aufrufen, wenn dies für die langfristige Stabilität im Lande und für das Wohl der Menschen absolut unabdingbar wäre. Dann läge die Schuld aber allein bei Präsident Gayyoom."

Glauben Sie, dass es noch eine Lösung mit dem Präsidenten gibt - oder ist sein Rücktritt der einzige Ausweg?

Latheef: "Gayyoom ist offensichtlich nicht an einer Veränderung interessiert. Er hat nur Interesse daran, die internationale Gemeinschaft mit unehrlichen, kosmetischen Lösungen in die Irre zu führen. Solange er und seine Familie die Macht haben, gibt es keine Reformen. Bis heute hat er mit niemandem gesprochen, der wirklich für Veränderungen steht. Die MDP würde alle ernstgemeinten Vorschläge für Reformen aufnehmen - aber wir werden uns nicht einlullen lassen durch leere, unehrliche Versprechen."

Die Maledivischen Demokratische Partei im Internet

Das verbotene Internetmagazin Sandhaan im Netz