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Mao Tse-Tung: Der große Verführer

Als Lichtgestalt gilt er schon lange nicht mehr. Die bisher umfangreichste Biografie des Revolutionärs entlarvt Mao nun endgültig als Monster. Doch China hält trotz der unglaublichen Gräuel am Mao-Kult fest.

Es sind Hunderttausende. Sie schwenken die kleine rote Mao-Bibel, die jeder Chinese stets mit sich führen muss. Jeder hat ein Mao-Abzeichen angesteckt, 4,8 Milliarden davon wurden hergestellt. Schüler und Studenten, aus allen Teilen Chinas angereist, schreien im Chor: "Der Vorsitzende Mao möge 10 000 Jahre leben!" Dann erscheint der 72-Jährige am Tor des Himmlischen Friedens. "Lernt Revolution machen, indem ihr Revolution macht", ruft er ihnen zu. Mädchen kreischen, weinen, viele brechen zusammen. Es ist der 18. August 1966, die erste Massenkundgebung der "Großen Proletarischen Kulturrevolution".

Zwei Wochen zuvor schlugen Schülerinnen einer Pekinger Mädchenschule ihre Rektorin, begossen sie mit kochendem Wasser, trampelten sie zu Tode. Eine der Mörderinnen darf nun Mao auf der Kundgebung eine rote Armbinde umlegen. Der Dialog zwischen ihr und dem "Großen Vorsitzenden" steht tags darauf in allen Zeitungen. "Wie heißt du?", fragt er. "Song Binbin", antwortet sie. "Bin bedeutet wohlerzogen und sanft", stellt er fest. Sie bejaht. Mao sagt ihr: "Sei gewalttätig!" Song ändert darauf ihren Namen in "Sei gewalttätig." Auch ihre Schule wird in einer feierlichen Zeremonie umbenannt - in "Rote gewalttätige Schule".

Ein Viertel der Menschheit

gerät in Ekstase für einen Despoten, der selbstherrlicher ist als je ein Kaiser von China, der mehr Menschen auf dem Gewissen hat als je ein Diktator zuvor; ein übler Bursche - und ein übel riechender dazu. Mao benutzt keine Zahnbürste, sagt zu seinem Leibarzt: "Ein Tiger putzt sich auch nie die Zähne, und trotzdem sind sie scharf." Er wäscht sich nie die Haare und duscht nicht. "Seine Unterhose fühlte sich so dünn an, dass ich mich nicht traute, sie zu reiben und sie nur sanft glatt strich", erzählt eine Dienerin, die seine Wäsche wusch, Jahrzehnte später. "Ich dachte dabei an den Vorsitzenden Mao: Er ist der Führer der Menschen auf der Welt und führt doch so ein hartes Leben."

9. September 1976, ein Jahrzehnt nach Beginn der Kulturrevolution, Universität von Sichuan in der Stadt Chengdu: Die Vorlesungen werden abgebrochen. Um 15 Uhr sollen sich alle Studenten versammeln. Nichts Besonderes, denkt die Englischstudentin Jung Chang, das ist Alltag an chinesischen Universitäten. Mit schmerzverzehrtem Gesicht tritt die Parteisekretärin der Fakultät vor die Studenten, aus den Lautsprechern krächzt ihre stockende Stimme: "Unser Großer Führer, der Vorsitzende Mao, unsere verehrungswürdige Eminenz..." In diesem Moment begreifen alle, was passiert ist, und beginnen zu schluchzen: Mao ist tot.

Keiner traut sich, ihn zu beerdigen. Noch heute, 29 Jahre später, liegt seine Leiche in Peking unter Kristallglas aufgebahrt, stehen Menschen anderthalb Stunden Schlange, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sein 6,50 Meter hohes und fünf Meter breites Bild prangt weiter am Tor des Himmlischen Friedens. "Es ist, als würde Hitlers Porträt am Brandenburger Tor hängen", erregt sich Jung Chang, die Englischstudentin von damals, inzwischen weltweit bekannt durch ihren Bestseller "Wilde Schwäne" von 1991.

China bekennt sich in der Verfassung weiter zum Maoismus. Präsident Hu Jintao, heute der starke Mann, sagt: "Für immer und unter allen Umständen werden wir das Banner der Mao-Tse-tung-Ideen hochhalten." Auch einfachen Chinesen fällt es schwer, sich von ihm zu lösen.

September 2005, Maos Geburtsort Shaoshan: Der "Große Vorsitzende" thront auf einem Sessel und raucht. Vor der Marmorstatue wirft sich eine Bäuerin auf den Boden. Touristen aus Peking prosten Mao mit Schnaps zu wie sonst in China Trauernde am Grab den verstorbenen Eltern. Ein junges, schick gekleidetes Paar aus der Provinz Anhui und seine zwölfjährige Tochter zünden Räucherkerzen an wie in einem Tempel: "Der Vorsitzende Mao wird unsere Familie segnen."

Anderthalb Millionen Chinesen

pilgerten vergangenes Jahr nach Shaoshan. Nicht alle kommen freiwillig. Vor einer sechs Meter hohen Bronzestatue des Diktators fahren zwei Busse vor mit Lehrern aus der Provinz Hubei, denen von der Schulbehörde dieser Besuch verordnet wurde. Sie falten die Hände, beten den Atheisten Mao an. "Sie können sich jetzt etwas wünschen, der Vorsitzende Mao wird Sie erhören", brüllt die Reiseführerin in ihr Megafon. Mao ließ Tempel, Moscheen und Kirchen sprengen - und soll jetzt selbst Gott sein? "Das entspricht unserer chinesischen Tradition", sagt Tian Haiming. "Konfuzius war auch erst ein Mensch. Später wurde er wie ein Gott verehrt."

Der Bildhauer stellt Mao-Statuen her, von der Schreibtischfigur bis zur überlebensgroßen Skulptur für den Garten. Tian verdient nicht nur an Mao, er glaubt auch an ihn, führt Besucher zu einem Berg, der die Form von Maos Gesicht angenommen haben soll - ein Wunder, das sich nur Tiefgläubigen erschließt. Ein großer Führer? Gott?

Die Autorin Jung Chang, heute 53, hat sich in den vergangenen zwölf Jahren mit Mao beschäftigt, gemeinsam mit ihrem Mann, dem britischen Historiker Jon Halliday, 66. Sie interviewten Hunderte Zeitzeugen inner- und außerhalb Chinas, die Mao getroffen hatten, durchstöberten Archive in zehn Ländern. Herausgekommen ist dabei die bisher umfassendste Mao-Biografie.

Als Mao starb,

hatte Jung Chang ihren Kopf auf die Schulter einer Mitstudentin gelegt, um ihre Freude zu verbergen. Ihr Vater war in einem von Maos Arbeitslagern ums Leben gekommen. "Ich habe mich in dem Buch Mao vorurteilsfrei genähert", versichert sie. Das verblüffende Ergebnis: Fast alles, was in China über Mao erzählt wird, stimmt nicht.

Das fängt mit einfachen Daten an. Die Kommunistische Partei Chinas wurde von Mao 1921 gegründet, heißt es in China, und die angebliche Gründungsstätte in Schanghai gehört heute zu den Sehenswürdigkeiten für Touristen. In Wahrheit entstand die Partei bereits 1920, allerdings ohne Mao. Der sieht sich in jener Zeit noch um, welche politische Gruppe ihm beste Aussicht auf Karriere bietet. "Menschen wie ich sind nur sich selbst verpflichtet, wir haben keine Verpflichtung anderen gegenüber", notiert er.

Chinas Führer preisen in Sonntagsreden, Mao habe die Bauern befreit. Jung Changs Buch ist voll von schier unglaublichen Geschichten über diese "Bauernbefreiung". Sie befragte nicht nur Opfer, sondern auch Maos engste Kampfgefährten. Chinas Regierung warnte davor, mit der abtrünnigen Autorin zu sprechen, doch Chang stellte fest: "Sie schmachten danach, die Wahrheit zu erzählen."

So schildert eine beteiligte KP-Funktionärin, was in Maos "Befreiungskrieg" 1947 passierte: Rotarmisten klopfen in der Region Yanan an jede Hütte, fordern die Bauern auf, Getreide abzugeben für die revolutionäre Truppe. "Ich habe nichts", wimmert eine junge Mutter. Die Revolutionäre packen sie und schleppen sie mit ihrem Baby zum Dorfplatz. Dort fesseln sie die Frau. Der Kommandant schlägt sie mit einem Stock. Er reißt ihr die Bluse vom Leib. Da sie noch stillt, tropft Milch herab. Das Baby weint und krabbelt auf dem Boden, versucht Milchtropfen aufzulecken.

Immer mehr Schaulustige sammeln sich. Einer überragt sie alle, ist 1,83 Meter groß. Er trägt einen einfachen Soldatenmantel. Alle hören ihm respektvoll zu, als er mit feierlicher Stimme sagt: "Wir müssen töten. Es ist gut zu töten." Sie nennen ihn schon jetzt den "Großen Vorsitzenden". Es ist Mao. Als die Mutter stirbt, reißen sie den Säugling in Stücke und werfen ihn in einen Brunnen.

Maos Aufstieg

wird von Exzessen begleitet. Eine junge Halbchinesin aus England erlebt, wie im Zentrum Pekings 200 Menschen zur Schau gestellt und dann durch Kopfschüsse getötet werden, ihre Hirnmasse spritzt auf die Umstehenden. Als sich Bauernführer der Provinz Hunan über das Morden beschweren, brüllt Mao sie an: "Eine Revolution ist kein Bildermalen oder Deckchensticken. Es ist notwendig, eine Schreckensherrschaft in jedem Bezirk zu errichten."

Während des von Mao inszenierten "Großen Sprungs nach vorn" 1958 bis 1961 verhungern 38 Millionen - die größte Hungersnot in der Geschichte der Menschheit. Mao presst den Bauern Getreide und Fleisch ab, um damit bei der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern Know-how für den Bau der Atombombe zu kaufen. "In den beiden kritischen Jahren 1958 und 1959 hätten allein die Getreideexporte, die fast genau sieben Millionen Tonnen ausmachten, genügt, um 38 Millionen Menschen täglich mit weiteren 840 Kalorien zu versorgen - dem Unterschied zwischen Leben und Tod", schreibt Jung Chang.

Auch die DDR kommt in den Genuss der Lieferungen und kann 1958 die Lebensmittel-Rationierung aufheben. Chinesische Bauern ernähren sich von Gras und Blättern. Ganze Dörfer sterben. "Die Toten sind nützlich", erklärt Mao am 9. Dezember 1958 vor Spitzenfunktionären der Partei, "sie düngen den Boden."

Viele im Westen glauben, China habe, anders als Indien, den Hunger besiegt. Mao persönlich versorgt Bewunderer wie den US-Journalisten Edgar Snow mit Märchen über gigantische Umwälzungen, die dieser in seinem Buch "Roter Stern über China" verbreitet. Revolutionsromantik mischt sich mit Fernost-Exotik, Unkenntnis mit politischem Kalkül. Paul Breitner liest demonstrativ die Mao-Bibel beim Training der Nationalmannschaft. Der Philosoph Jean-Paul Sartre lobt Maos "revolutionäre Gewalt" als "tief moralisch". Der "Spiegel" würdigt Mao bei dessen Tod als "größten Politiker des Jahrhunderts", US-Außenminister Henry Kissinger nennt ihn einen "Mönch, der seine revolutionäre Reinheit bewahrt hat".

In Wirklichkeit ist Mao nur eines wichtig: seine Macht. Die will er auf die ganze Welt ausdehnen. 1957, beim Gipfel der kommunistischen Parteien in Moskau, sieht er seine Stunde gekommen. Stalin ist seit vier Jahren tot, der neue sowjetische Parteichef Chruschtschow umstritten. Als einziger ausländischer Parteiführer wohnt Mao im Kreml, wo ein Zimmer eigens für ihn eingerichtet ist, mit Holzbett und Hocktoilette. Über das weiche Federbett und die westliche Kloschüssel hatte er sich zuvor beschwert.

Die versammelten KP-Führer ruft er zum Atomschlag gegen den Westen auf: "Im schlimmsten Fall stirbt die Hälfte der Weltbevölkerung. Aber der Imperialismus würde ausgelöscht, und die ganze Welt würde sozialistisch." Die Zuhörer schauen sich entsetzt an.

Viele Chinesen feiern

den Bauernsohn im blauen Kittel weiter als Erlöser. "Der Osten ist rot, China hat einen Mao Tse-tung geboren, er ist des Volkes großer Retter." Die Hymne der Kulturrevolution schallt über den Platz, während die Rentner in Shaoshan morgens um sechs ihre Holzschwerter schwingen. "Mao hat den Frühsport erfunden", sagt die 62-jährige Zhang Jihong. Die Alten erinnern sich daran, dass es unter Mao fast nichts zu essen gab. Doch das, glauben sie, "war die Schuld der örtlichen Funktionäre. Mao wusste davon nichts. Mao ist und bleibt der größte Führer unseres Landes".

Wer heute durch die chinesischen Fernsehkanäle zappt, findet 15 Seifenopern, die Mao verherrlichen. Es wird viel geschossen, schließlich befreit er das Land von den japanischen Besatzern - eine Geschichte, die man in China von klein auf hört. Nur: Sie ist frei erfunden. Den Krieg gegen Japan führten die Nationalisten - die Gegner Maos, die später nach Taiwan flohen. 1937 befiehlt Mao seinen Soldaten, sich aus den Kämpfen gegen die japanischen Eindringlinge herauszuhalten und abzuwarten, bis diese die Nationalisten geschwächt haben. Im Dezember töten die Japaner in Nanjing 300 000 chinesische Männer, Frauen und Kinder. Als sich japanische Besucher später bei Mao für die Kriegsverbrechen entschuldigen, entgegnet er: "Ich würde eher den japanischen Kriegsherren danken."

Er begeht nicht nur Verrat an der Nation, sondern auch an der eigenen Familie. Auf dem "Langen Marsch" der Roten Armee bringt seine Frau He Zizhen 1935 in einer Strohhütte ein Mädchen zur Welt. Das Kind wird einer alten Bäuerin anvertraut, die mit Silberdollar und Opium bezahlt wird. Maos Frau protestiert, denn die Greisin kann keine Milch geben. Nach drei Monaten stirbt der Säugling. Mao zuckt mit den Schultern: "Das war richtig, wir mussten das tun."

Maos Frau weint,

er ließ schon ihre drei vorherigen Kinder zurück, sie sind verschollen. Als sich andere Kämpferinnen empören, spottet Mao: "Was habt ihr Frauen so Angst vor der Geburt? Schaut euch meine Frau an, ihr geht eine Geburt so leicht von der Hand wie einer Henne das Eierlegen." Später löst er die Ehe mit He Zizhen per Brief auf: "Ab jetzt sind wir nur noch Genossen." Seine zweite Ehefrau, Yang Kaihui, wird von Maos Gegnern in Changsha zum Tode verurteilt. Er liegt mit seinen Truppen vor der Stadt, aber er rettet sie nicht, er ist bereits mit einer neuen Partnerin zusammen.

Während seiner vier Ehen nimmt sich Mao jede andere Frau, die er will. Er treibt es mit Bordbegleiterinnen in seinem Zug und mit Schauspielerinnen, mit Beamtinnen der Staatskanzlei und mit Dolmetscherinnen. 1966, im Land tobt der Terror der Kulturrevolution, vergnügt sich Mao im abgeschirmten Regierungssitz Zhongnanhai mit zwei Dutzend blutjungen Mädchen. Sie tanzen zur Melodie von "Der freudesuchende Drache flirtet mit dem Phönix", ein Lied, das zu dieser Zeit in China als pornografisch verboten ist. Dann wählt Mao die fünf hübschesten aus und zieht sich mit ihnen zurück. Mao steht auf Sex mit mehreren Frauen. Die Mädchen empfinden es als Ehre, sich dem "Großen Vorsitzenden" hinzugeben.

Überall im Land lässt er monströse Gebäude für sich errichten. In Shaoshan wird unter dem Decknamen "Projekt 203" ein gigantischer Wohnkomplex aus Stahl und Beton gebaut, mit eigener Bahnlinie sowie erdbeben- und atombombensicherem Bunker. Ein kompletter Gebirgszug wird dafür abgeriegelt, die Bauern müssen das Gebiet verlassen. Mao wohnt dort ganze elf Tage. Er lebt wie ein Kaiser, regiert wie ein Despot. "Mao war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten", fasst Jung Chang das Ergebnis ihrer Recherchen zusammen. "Kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran."

Trotzdem genießt Mao in China weiter großes Ansehen - selbst unter den neuen Kapitalisten. "Er ist ein Vorbild für uns Unternehmer", sagt Edward Zeng, 42, Gründer und Chef von Sparkice, einem der größten Internetunternehmen in China. "Mao war ein Mann mit Visionen." Der Kommunist wollte einst das Geld abschaffen. Heute prangt sein Porträt auf jedem Schein.

Adrian Geiges/print