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NEUANFANG: Von Schuld und Sühne

MARION GRÄFIN DÖNHOFF - Die große alte Dame des deutschen Journalismus und Herausgeberin der ' Zeit' über Siegerjustiz und einen Besuch bei Bundeskanzler Konrad Adenauer

MARION GRÄFIN DÖNHOFF - Die große alte Dame des deutschen Journalismus und Herausgeberin der ' Zeit' über Siegerjustiz und einen Besuch bei Bundeskanzler Konrad Adenauer

Blickt man heute auf das Jahr 1949 zurück, fallen demjenigen, der vorwiegend an Außenpolitik interessiert ist, sofort folgende Ereignisse ein, die mit Langzeitwirkung ausgestattet waren: Die bewundernswerte Leistung der Amerikaner und Engländer, die mit Hilfe der Luftbrücke das eingeschlossene Berlin mit allem Lebensnotwendigen versorgten. Bis zur Beendigung der Aktion im Herbst '49 hatten sie 279414 Hilfsflüge durchgeführt.

In jenes Jahr fällt ferner der Sieg Mao Tse-tungs über Tschiang Kai-scheck und die Evakuierung der nationalchinesischen Regierung nach Taiwan. Wichtig und fortzeugend ist auch der Abschluß des Nordatlantikpakts gewesen, dem die Bun-desrepublik 1955 beigetreten ist. Schon zuvor hatten zehn europäische Staaten in London den Europarat gegründet, dessen Ziel die Einigung Europas war.

Emotional viel bewegender für mich war naturgemäß alles, was die Zukunft Deutschlands betraf. Zwölf Jahre Verbrecherherrschaft hatten den Wunsch nach einem rule of law, dem Rechtsstaat, übermächtig werden lassen. Darum setzten viele von uns große Hoffnung auf die alliierte Rechtsprechung. Hat das Tribunal in Nürnberg bewiesen, daß diese Hoffnung berechtigt war? Ich habe mich in den ersten Jahren viel mit Kriegsverbrecherprozessen beschäftigt, war ein paarmal in Nürnberg, auch in Oradour und beim Auslieferungsgericht in Hamburg.

Ich werde die erste Begegnung mit Nürnberg nie vergessen: Zusammen mit Richard Weizsäcker und Axel Bussche fuhr ich in einem klapprigen DKW in die Stadt, wo Recht gesprochen werden sollte. Wir wollten selber erleben, wie die Alliierten das machen. Vor dem 'Palais de Justice' standen zwei Panzer mit amerikanischer Besatzung. In die Richtung der Panzer weisend hörte ich einen der Freunde sagen: 'Die Kerle raus und wir rein.' Ich sah die Männer entsetzt an, aber ihre Antwort überzeugte mich: 'Wir gehören auch an den Richtertisch. Die haben sich auch an uns versündigt.'

Es war zweifellos ein Fehler, daß die Alliierten - Richter und Ankläger zugleich - weder Neutrale noch Leute vom Widerstand als Richter zugezogen hatten. Zweitens ist unbegreiflich, warum sie, ungeachtet des Grundprinzips der Strafjustiz 'nulla poena sine lege', mit Hilfe eines Sondergesetzes Recht sprachen, anstatt das geltende deutsche Strafrecht anzuwenden; auch daß Angeklagte als Angehörige einer bestimmten Kategorie verurteilt wurden und nicht wegen ihrer individuellen Schuld, war für uns sehr befremdlich.

Zwei ganz besonders absurde Fälle, die das chaotische Denken deutlich machen, möchte ich erwähnen. Da ist der Fall des General von Falkenhausen, eines untadeligen Mannes, der keinerlei Schuld auf sich geladen hat, aber als Militärbefehlshaber in Belgien in die Kategorie 'Führerkorps' eingestuft wurde. In einem Artikel, den ich im Dezember 1949 schrieb, heißt es: 'Seit 1930 hatte man in Dresden und Umgegend seine warnende Stimme in Vorträgen gehört. Im August 1932 versuchte er vergeblich, Schleicher zum Verbot der SA zu bewegen. Nach der Harzburger Koalition trat er aus der DeutschNationalen Partei aus. Schließlich griff er zu, als Marschall Tschiang Kai-scheck ihn aufforderte, in seine Dienste zu treten. Aber die Freiheit währte nicht lang. 1938 zwang Ribbentrop ihn zur Rückkehr, mit der Drohung, er werde andernfalls seine Familie in Sippenhaft nehmen, weil es nicht angehe, daß nach Abschluß des deutsch-japanischen Paktes Deutsche noch private militärische Berater in China seien.'

Im Herbst 1939 wurde er eingezogen und im Mai 1940 als Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich eingesetzt. Für Falkenhausen war diese Zeit ein ständiger Kampf mit Partei, Sicherheitsdienst und Polizei. Als er sich 1944 weigerte, den Jahrgang 1925 auszuheben, führte dies schließlich dazu, daß er am 14. Juli seiner Stellung enthoben wurde und die nächsten neun Monate im KZ verbringen mußte. Ungeachtet dessen wurde er kurz nach der Befreiung als Kriegsverbrecher verhaftet. Seither sind Jahre vergangen, in denen Falkenhausen - diesmal von den Alliierten - durch 51 Gefängnisse und Lager in sechs verschiedenen Ländern geschleppt wurde.

er absurdeste Fall, auf den ich bei meinen Recherchen damals gestoßen bin, war der von Arthur Dietzsch. Er war, dreiundzwanzigjährig, als junger Reichswehroffizier zu zehn Jahren Festung verurteilt worden, weil er - verlobt mit der Tochter eines Altkommunisten - sich an kommunistischen Versammlungen aktiv beteiligt hatte. Als seine zehn Jahre um waren, hatten gerade die Nazis die Macht ergriffen - ihr Verdikt: ein Kommunist - rein ins KZ. Da saß er nun die nächsten dreizehn Jahre, bis das Tausendjährige Reich zu Ende war. Aber auch dann hatte für ihn die Stunde der Befreiung noch nicht geschlagen.

Er war im Konzentrationslager gezwungen worden, bei Fleckfieberversuchen mitzuwirken. Aufgrund dieser Tatsache verurteilte ihn ein amerikanisches Sondergericht zu 15 Jahren Gefängnis, obgleich dieser Fall eindeutig unter den Begriff des gesetzlichen Notstands fiel. Erst nach 1950 - Dietzsch war jetzt fünfzig - gelang es mir, mit Hilfe einer Reihe von Artikeln in der 'Zeit' seine Freilassung zu erwirken.

Im Jahre 1945 war fast jeder Deutsche bereit, angesichts der ungeheuerlichen Taten - die sich für die Allgemeinheit ja erst jetzt enthüllten - alles daran zu setzen, die Verbrecher der verdienten Strafe zuzuführen. Diese Haltung hatte sich nach ein paar Jahren alliierter Rechtsprechung vollkommen verändert. Warum? Weil nur Leute angeklagt wurden, die sich an Ausländern versündigt hatten, nicht aber Bonzen, unter denen deutsche Bürger gelitten hatten: Gauleiter, Gestapo-Chefs und höhere Polizeioffiziere.

Das Jahr 1949 war für Deutschland von allergrößter Bedeutung, denn damals wurden die Fundamente gelegt - leider nicht für das neue Deutschland, sondern für die Bundesrepublik. Im Mai nahm der Parlamentarische Rat, dessen Aufgabe es war, die neue Verfassung auszuarbeiten, das Grundgesetz an und entschied sich für Bonn als Bundeshauptstadt. Als Grundgesetz wurde die Verfassung bezeichnet, weil es sich um ein Provisorium bis zur Wiedervereinigung handeln sollte. Drei Monate später fanden die ersten Wahlen statt, und im Herbst konstituierten sich dann Bundestag und Bundesrat, wurden Theodor Heuss zum Bundespräsidenten und Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt.

Bald darauf suchte ich den Bundeskanzler auf - Grund: Mein Freund Eric Warburg hatte mir erzählt, daß sein Freund McCloy, der damals amerikanischer Hochkommissar war, ihm verraten habe, die Alliierten würden aufhören, Industrieanlagen zu demontieren, wenn die Deutschen von sich aus eine bestimmte Anzahl Fabriken vorschlagen würden. Die Demontage stellte damals ein für die Wirtschaft sehr großes Problem dar, darum hatte ich das Gefühl, ich sei verpflichtet, dem Regierungschef von jenem Wissen Kenntnis zu geben.

Ich saß also eines Tages Adenauer gegenüber und berichtete ihm. Zu meiner Überraschung erklärte er, er könne da nichts machen, er habe keinen Ansprechpartner. 'Aber, Herr Bundeskanzler, Sie sehen doch regelmäßig McCloy.'

'Mit ihm kann ich darüber nicht reden.'

'Und warum nicht?'

'Weil seine Frau eine geborene Zinsser ist und meine Frau auch.'

Ich war sehr verblüfft, packte meine Papiere zusammen und sagte: 'Dann werde ich jetzt zu Kurt Schumacher (dem Führer der Opposition) gehen.' Ich hatte den Namen kaum ausgesprochen, da rief Adenauer laut: 'Blankenhorn!' In der zum Nebenzimmer offenstehenden Tür erschien sein engster Mitarbeiter, Herbert Blankenhorn, der nun den Auftrag bekam, sich um die Sache zu kümmern.

Wer, wie ich, Adenauer anfangs bewunderte, weil er Deutschland fest im Westen verankert und damit wieder Vertrauen für die Deutschen erworben hatte, für den brachte dieses Jahr die ersten Enttäuschungen: Die CDU war zunächst, und zwar schon 1945, in Berlin von Andreas Hermes, Jakob Kaiser, Hans Schlange-Schöningen und anderen gegründet worden. Sie alle waren bewährte Widerstandskämpfer gewesen. Hermes war schon 1933 verhaftet worden, weil er die Hakenkreuzfahne, die am Sitz seines Bauernverbandes gehißt worden war, heruntergeholt hatte. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er zum Tode verurteilt, aber das Urteil nicht mehr vollzogen.

Nach 1945 haben die Russen ihm die Versorgung von Berlin übertragen, aber als er sich eines Tages weigerte, einen ihrer Befehle auszuführen, verstießen sie ihn. Hermes ging nach Westen. Dort angekommen, hörte er, daß ein paar Tage später in Herford der CDU-Beirat der britischen Zone zusammentreten werde, um einen Vorsitzenden zu wählen.

In der Annahme, als Gründer der CDU dort selbstverständlich willkommen zu sein, fuhr Hermes nach Herford. Aber Konrad Adenauer, der als Alterspräsident die Leitung der Sitzung übernommen hatte, wußte, daß sich einige der Anwesenden Hermes als Vorsitzenden wünschten, und verbot ihm den Zutritt mit der Begründung, die Besatzungmächte hätten nur einem bestimmten Personenkreis das Recht zur Versammlung erteilt.

Das Jahr 1949 hat die Grundlage für den neuen Start geschaffen: Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Gewaltenteilung, offene Gesellschaft - nun mußten die Bürger nur noch lernen, in rechter Weise damit umzugehen.

MARION GRÄFIN DÖNHOFF, 87, IST AUCH EINE ERFOLGREICHE BUCHAUTORIN. ZULETZT ERSCHIEN VON IHR: 'ZIVILISIERT DEN KAPITALISMUS'