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Martin Luther King III.: "Irgendwann bricht eine Revolte aus"

Er ist der älteste Sohn des Pastors und Bürgerrechtlers, der für seinen Kampf um die Gleichberechtigung der Schwarzen vor 40 Jahren ermordet wurde. Für Martin Luther King III. spielt Hautfarbe auch heute noch eine große Rolle im Leben Amerikas. Auch bei den Wahlen im November.

Mr. King, herzlichen Glückwunsch zur Geburt Ihrer Tochter Yolanda..

Vielen Dank.

Das erste Enkelkind Ihres Vaters, wäre er noch am Leben.

Ich bin mir sicher, dass er vom Himmel mit einem Strahlen auf uns blickt. Ich stelle mir vor, wie er heute wohl wäre - als weißhaariger Großvater, fast 80 Jahre alt.

Und, wie wäre er?

Sehr stolz. Sehr liebevoll. Er war ein wunderbarer Vater in den wenigen Jahren, die wir mit ihm hatten.

Erinnern Sie sich noch an jene Todesnacht vor 40 Jahren?

Ja, als wäre es gestern. Meine Geschwister und ich schauten Fernsehen zu Hause in Atlanta, als die Meldung eintraf: Auf Dr. Martin Luther King Junior wurde geschossen. Wir rannten zu unserer Mutter ins Schlafzimmer. Mutter setzte sich zu uns ans Bett und sagte, Daddy sei nun bei Gott, eines Tages würden wir ihn wiedersehen.

Haben Sie damals als Zehnjähriger begriffen, welche Tragweite sein Tod hatte?

Nein, für uns war er nur Daddy. Aber dann besuchten uns alle: Richard Nixon, Bobby Kennedy, Jackie Kennedy, Bill Cosby, Marlon Brando, Aretha Franklin. Da begriff ich: Mein Vater muss ein sehr wichtiger Mann gewesen sein.

Sie tragen seinen Namen.

Ja, und das ist eine ungeheure Herausforderung. Er war eine alles überragende Persönlichkeit. Meine Mutter erzog uns nach der Devise: "Du musst nicht wie Vater sein. Du musst die Bürgerrechtsbewegung nicht anführen. Sei einfach der beste Martin, der du sein kannst." Ich versuche heute, mit meiner Arbeit seinen Traum von einer gerechten Welt zu verwirklichen.

Was würde Ihr Vater von dieser Welt halten?

Er wäre sehr enttäuscht von Amerika. Enttäuscht, dass eine Nation, die so viel zu bieten hat, sich in einem solch traurigen, ja tragischen Zustand befindet. Mein Vater sprach immer davon, die drei großen Übel zu überwinden: Armut, Militarismus, Rassismus. Schauen Sie, wo wir heute stehen.

Wo stehen wir?

Die Armut hat zugenommen. Zu seiner Zeit lebten 22 Millionen Amerikaner in Armut, heute sind es 37 Millionen. Ich war gerade auf einer Tour zu 20 sozialen Brennpunkten, in Miami, Detroit, East St. Louis, Oakland. Überall das gleiche Bild: schlechte Schulen, keine Krankenversicherung, keine Jobs, hohe Kriminalität. Ein Teufelskreis. Irgendwann bricht eine Revolte aus.

Eine Revolte? Ist das Ihr Ernst?

Ja, ich weiß nicht, wie nah wir davorstehen, aber die Lebensmittelpreise steigen, die Gallone Benzin kostet vier Dollar und könnte auf sechs Dollar steigen, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Hätten wir nur die Hälfte der Irak-Kriegskosten in unser eigenes Land investiert, hätten wir Amerika fit machen können fürs 21. Jahrhundert. Unter Bush hat der Militarismus seinen Höhepunkt erreicht. Seine Haltung ist: Wir haben die größte Knarre von allen - und das zeigen wir auch. Auge um Auge, Zahn um Zahn, bis alle Zähne draußen sind.

Aber zumindest das dritte Übel, der Rassismus, ist heute doch weniger ausgeprägt als vor 40 Jahren.

Wir haben große Fortschritte gemacht, aber noch einen weiten Weg vor uns. In New York wurden gerade drei Polizisten freigesprochen, die einen Schwarzen mit 50 Schüssen niedergestreckt hatten. Hier in Atlanta wurde eine 80 Jahre alte schwarze Frau während einer Drogenrazzia erschossen, von 30 Kugeln durchsiebt. In Philadelphia haben Polizisten vor wenigen Wochen Afroamerikaner aus einem Auto gezerrt und misshandelt. In weißen Gegenden passiert so was nicht.

Aber ist mit dem Aufstieg Barack Obamas zum Präsidentschaftskandidaten nicht der Traum Ihres Vaters Realität geworden?

Ein Schwarzer im Weißen Haus ist nicht die Erfüllung seines Traums. Vielleicht ein Teil davon. Sein Traum wird erst wahr, wenn alle Amerikaner eine Krankenversicherung haben, alle den gleichen Zugang zu guten Schulen, zu Jobs, zu bezahlbaren Wohnungen.

Obama wird gern mit amerikanischen Legenden verglichen: mit John F. Kennedy oder auch mit Ihrem Vater. Sind sich die beiden wirklich ähnlich?

In der Fähigkeit, Menschen zu mobilisieren, auf jeden Fall. Wie viele kamen am Sonntag, um Obama live zu sehen? 75.000. Er hat unheimliches Charisma, ist sehr eloquent, einer der intelligentesten Menschen in unserem Land. Das sind Qualitäten, die auch mein Vater hatte. Aber es gibt einen großen Unterschied: Mein Vater war kein Politiker. Mr. Obama muss viele Leute zufriedenstellen. Das merkt man gerade in diesen Wochen.

Obama zeigt sich plötzlich als Bier trinkender Kegler.

Sehen Sie.

Er steckt sich die US-Fahne ans Revers, obwohl er sich zuvor gegen diese plumpe Symbolik aussprach.

Mein Vater wurde eben nicht davon geleitet, was die Massen denken. Wenn Mr Obama allerdings erfolgreich ist, kann er vielleicht mehr bewirken, als es mein Vater je konnte.

Obama verspricht ein von Grund auf erneuertes Amerika. Was wird er konkret bewirken können?

In unserem Land wird sich etwas Fundamentales ändern. Er zeigt den Kindern - Schwarzen und Weißen -, was ein Afroamerikaner erreichen kann. Viele schwarze Kinder wachsen in Armut auf, in Drogenmilieus, aber wenn dieser Mann es an die Spitze schafft, werden sie sagen: Ich schaffe das auch. Gerade war ich bei einem Diskussionsforum, wo alle, wirklich alle sagten: Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass wir in unserem Leben einen Schwarzen im Weißen Haus erleben werden.

Sie selbst haben aber John Edwards unterstützt.

Nicht offiziell. Ich habe mich oft mit ihm getroffen. Er war der einzige Kandidat, der die Armut zum Thema Nummer eins machte.

Sie kennen auch Obama und Hillary Clinton gut. Hand aufs Herz, wer wäre der bessere Präsident?

Ich bin mir nicht sicher. Senator Obama schafft es, viele junge Menschen für die Politik zu begeistern. Clinton ist eine der Besten, wenn es um die Umsetzung von Politik geht.

Ein Drittel der Amerikaner gibt zu, dass die Hautfarbe bei dieser Wahl ein Kriterium ist. Für Sie auch?

Nein. Mir geht es um die Politik, die der Präsident umsetzt. Es gab schon früher Afroamerikaner, die fürs Weiße Haus kandidierten, aber ich habe sie nicht unterstützt. Du kannst jemanden nicht wegen seiner Hautfarbe wählen.

90 Prozent der Schwarzen unterstützen Obama vor allem wegen seiner Hautfarbe. Warum ist einer, der eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater hat, automatisch "black"?

Das geht zurück auf eine Definition, die die Europäer mal entwickelten. Wenn du nur einen Tropfen schwarzen Bluts in dir hast, bist du Schwarzer. Ich glaube, Leute schauen sich Obama an und halten sein Aussehen für das eines Schwarzen. Selbst wenn er noch etwas weißer wäre, würde er als Schwarzer gelten.

Etwas weißer?

Ja, zum Beispiel wie…

Colin Powell?

Nein.

Oder Halle Berry?

Nein, schwierig.

Obama wuchs aber in einer sehr weißen Welt auf, wie er selbst schrieb.

Stimmt, aber sobald du gemischte Eltern hast, bist du nicht weiß, sondern schwarz. So ist es nun mal.

Selbst Schulkinder müssen auf Formularen ankreuzen, ob sie schwarz, weiß, hispanisch sind. Ist diese ständige Kategorisierung noch zeitgemäß?

Wenn man mich nach meiner Ethnie fragt, gebe ich einfach amerikanisch an. Einst war ich stolz und kreuzte schwarz an, aber das verstärkt die Spaltung nur. Wir müssen an den Punkt kommen, wo wir alle Amerikaner sind.

Ihr Vater sagte einst in seiner großen "I Have a Dream"-Rede, die sich im August zum 45. Mal jährt: "Ich hatte den Traum, dass eines Tages meine vier kleinen Kinder nicht aufgrund Ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeit." Nun aber, im Wahlkampf, sehen wir: Weiße in Kentucky oder West Virginia haben Vorbehalte gegen einen farbigen Kandidaten.

Das mag für Kentucky gelten und West Virginia, aber nicht für alle Staaten. Die große Frage ist, werden diese Weißen im November sagen: Ich wähle Obama nicht, weil er Afroamerikaner ist? Werden Schwarze sagen: Ich wähle ihn nicht, weil er eine weiße Mutter hat? Sehr spannend. Mein Eindruck ist: Je mehr Menschen ihn sehen, ihn erleben, ihn berühren, desto mehr schwinden alle Zweifel. Klar ist aber eins: Gäbe es einen weißen Kandidaten mit ähnlichen Qualitäten wie Obama, hätte McCain keine Chance.

Eigentlich haben die Wähler die Nase voll von Bush und seinen Republikanern. In Umfragen liegen Obama und John McCain trotzdem gleichauf.

Glauben Sie mir, diese Wahl wird sehr, sehr knapp ausgehen. Wir wollen es nicht wahrhaben, aber Rasse ist der Hauptfaktor. Und dann gibt es andere Zweifel: Mr. Obama hat im US-Senat noch keine große Bilanz aufzuweisen. Er ist noch sehr jung. Und sein zweiter Vorname Hussein wird sicher eine Rolle spielen.

Elf Prozent glauben, er sei Muslim. Aber weder sein Name noch sein muslimischer Vater haben Wähler bisher abgeschreckt.

Die Mehrheit nicht, aber bei fünf Prozent bleibt das hängen. Die Republikaner sind Profis darin, das Thema Rasse unterschwellig immer wieder einfließen zu lassen. Das hat schon Ronald Reagan gemacht. Er benutzte das Wort "Welfare Queens", Sozialhilfe-Königinnen. Weiße Amerikaner verstanden diese Botschaft: Wir müssen was gegen Schwarze tun, die von Sozialhilfe leben. Es ist ein Codewort, es bedeutet: Ich bin auf eurer Seite.

Die Republikaner werden einen TV-Spot ständig zeigen: Obamas Pastor und Mentor Jeremiah Wright, der brüllt: "Gott verdamme Amerika."

So wird es kommen. Obama hat sich distanziert, er ist sogar aus seiner Kirche ausgetreten. Aber eines ist auch klar: Wright hat das ausgedrückt, was viele Schwarze empfinden. Gehen Sie in irgendeine schwarze Gemeinde Amerikas, und Sie werden die Worte so ähnlich wieder hören. Obamas Erfahrungen sind andere als die der meisten Schwarzen. Seine Mutter war weiß, auch die Großeltern, bei denen er aufwuchs. Er wurde von Weißen immer mit Liebe und Respekt behandelt. Auch ich, Martin Luther King III., werde stets gut behandelt - wegen meines Namens.

Wenn Obama es schafft, reizt es Sie nicht, bei diesem Neuanfang dabei zu sein?

Nein…, na ja, ich sollte niemals nie sagen. Ich war in der Lokalpolitik, ich wollte immer Senator werden. Aber ich sage zu gern meine Meinung, da hat man es schwer.

Wie eine Absage klingt das nicht.

Um ehrlich zu sein: Irgendwie würde ich doch noch mal gern in den US-Senat einziehen. Hunderte Schwarze sind so inspiriert von Obama, dass sie jetzt für Ämter kandidieren. Aber ich fürchte, viele hätten sehr hohe Erwartungen an einen Mann mit Namen Martin Luther King III.

Interview: Jan Christoph Wiechmann / print