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Menschen, die Mut machen: Vergiss' den Rollstuhl

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Richman Sinyoro aus Simbabwe. Von klein auf an den Rollstuhl gefesselt trotzte er dem Schicksal von Behinderten in Afrika - und baute sich, Stück für Stück, eine Karriere als Kaufmann auf.

Von Eva Wolfangel

Wenn sich Richman Sinyoro von seinem Platz hinter der Nähmaschine erhebt und auf seine Krücken stützt, füllen seine breiten Schultern beinahe den halben Raum seines kleinen Ladens. Er ist als Kind an Kinderlähmung erkrankt und sitzt im Rollstuhl. Seither verrichten seine Arme die Hauptarbeit.

In den sechziger Jahren im Hinterland von Simbabwe, 150 Kilometer entfernt von der Stadt Bulawayo, machten sich die Menschen keine Gedanken um Kinderkrankheiten. Als Richman mit drei Jahren an Kinderlähmung erkrankte, schickte der Vater die Mutter kurzerhand zurück zu ihren Eltern und heiratete eine andere. Ein Jahr später kehrte die Mutter zurück zu ihrem Mann und Richman wuchs zusammen mit zwei Müttern und 17 Geschwistern auf.

Förderung der "anders begabten"

Bei der Jairos Jiri Association spricht man nicht von "Behinderten", sondern von "anders Begabten". Das war das erste, was Richman auffiel, als sein Vater den damals 15-Jährigen nach Bulawayo brachte und bei der Hilfsorganisation abgab. Das zweite, was ihm auffiel, waren seine Leidensgenossen. Richman besuchte das Internat der JJA und machte anschließend eine Ausbildung als Lederbearbeiter. Die Organisation JJA ist die größte ihrer Art in Afrika. Seit 58 Jahren bildet sie Behinderte aus und hilft ihnen, ein selbstständiges Leben zu führen. "Bis heute gibt es viele Vorurteile und Behinderte haben es schwer, sich im Leben zu behaupten", erklärt Gombe, Referentin der JJA.

Auch Sinyoro hatte mit Vorurteilen zu kämpfen. Er wisse nicht, ob er der Richtige sei, sagte der Besitzer einer Textilfabrik, als sich der damals 25-Jährige bewarb. Aber Sinyoro überredete ihn, zunächst einmal probehalber arbeiten zu dürfen. "Erst war ich ein kleines Licht an der Nähmaschine, am Ende lag die Qualitätskontrolle der ganzen Fabrik in meiner Hand", sagt er lachend. 15 Jahre lang arbeitete er in der Textilfabrik, nebenbei gründete er eine Familie.

Weg in die Unabhängigkeit

Doch Sinyoro wollte nicht ewig abhängig arbeiten. Als er bemerkte, dass es in seiner ärmlichen Siedlung kaum private Telefonanschlüsse gab, beschloss er einen Telefonladen zu eröffnen. Sinyoro wandte sich an seine früheren Förderer der Jairos Jiri Association. Sinyoro wurde in das Income-Generating-Project aufgenommen. Die Grundlage des Programms ist einfach: Wer eine gute Geschäftsidee hat, bekommt einen Minikredit und die Startmittel. Wenn das Geschäft läuft, zahlt der Klient das Geld zurück und der Nächste wird damit gefördert.

Ein Computer, zwei Telefone und drei Nähmaschinen sowie die ersten drei Monate Lohn - das war Sinyoros Startkapital. Dazu brachte man ihm die Grundlagen der Buchführung bei. Sinyoro arbeitet hart, sein Laden läuft gut. "Ich will zeigen, dass es sich lohnt, Behinderten eine Chance zu geben", sagt Sinyoro.