Merkel in Israel "Tun Sie was, Frau Merkel!"

Auf den Besuch Angela Merkels fällt wie auf jeden Besuch eines Deutschen in Israel der Schlagschatten der Vergangenheit. Am letzten Tag ihres Israel-Besuchs sprach die Kanzlerin vor dem israelischen Parlament - und antwortete auf den Appell der Knesset-Präsidentin: "Reichen Sie uns die Hand. Tun Sie was, Frau Merkel!"
Von Franziska Reich, Jerusalem

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sie dort stehen zu sehen. Gleißendes Licht, diesig die Luft, deutsche Flagge, israelische Flagge, und sie im schwarzen Anzug neben der Präsidentin der Knesset, kerzengerade auf dem roten Läufer. Uniformierte stehen Spalier - mit Instrumenten die einen, mit Maschinengewehren die anderen - und die deutsche Hymne erklingt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, Angela Merkel dort in Jerusalem vor der Knesset stehen zu sehen und dem Lied der Deutschen zu lauschen.

Und als dann die israelische Hymne erklingt, so viel nachdenklicher als pompös, so melancholisch in Moll, da fragt man sich unwillkürlich, wie es die Menschen in Israel nur 70 Jahre nach der Ermordung ihres Volkes durch die Deutschen, wie es also die Angehörigen der Ermordeten ertragen können, dass die deutsche Hymne in ihrem Land erklingt.

Stärkung für den historischen Moment

Auf den Besuch Angela Merkels fällt wie auf jeden Besuch eines Deutschen in Israel der Schlagschatten der Vergangenheit. Und auch wenn die Bundeskanzlerin wieder und wieder betont, es gehe bei diesem Besuch auch um die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehung, so wohnt doch in jeder ihrer Gesten, in jedem ihrer Worte die Erinnerung inne. An diesem Dienstagnachmittag, dem letzten Tag des Israel-Besuchs, wird der Höhepunkt der Reise erwartet: die Rede der Kanzlerin vor dem israelischen Parlament. Reden von Politikern reißen nur selten wirklich aus dem Sessel, zumal Reden von Angela Merkel. Doch diese Rede wird von der Hoffnung ihrer Berater begleitet, sie könnte ja vielleicht doch - bitte, bitte - historisch werden. Wenigstens ein bisschen.

Doch vor der Historien-Bezirzung kommt das leibliche Wohl, und so soll zuerst einmal in der Chagall Halle getafelt werden. An der Wand der riesige Chagall-Behang, der die Geschichte von der Eroberung Jerusalems durch König David erzählt. Blumengestecke aus weißen Lilien, weißen Rosen und lilafarbenen Glockenblumen, leichte musikalische Kost von Querflöte und Harfe. Bildungsministerin Schavan, Verteidigungsminister Jung und Staatsministerin Hildegard Müller sitzen am Tisch der Kanzlerin. Die Präsidentin der Knesset begrüßt die Gäste, und Angela Merkel erwidert freundlich, alle stehen auf und prosten auf das Wohl von Deutschland und Israel und spachteln dann Lachsfilet und "ein Duett von Frühlingshühnchen und Lamm".

Unter der Zeitangabe 16.10 Uhr hat das Programmheft des Bundespresseamtes: "Die Kanzlerin zieht sich zurück" vermerkt - und so zieht die Kanzlerin sich programmgemäß zurück, und die über 100 Gäste springen noch vor dem angekündigten Erdbeer-Zitronen-Sorbet-Turm auf und drängeln sich in den Plenarsaal der Knesset - gestärkt und bereit für den historischen Moment.

"Der Schatten muss bleiben"

Es sind außergewöhnlich viele Zuhörer an diesem Nachmittag gekommen. Als Bundespräsident Horst Köhler vor drei Jahren in eben diesem Saal seine Rede mit hebräischen Worten begann und ihm dabei die Stimme vor Aufregung versagte, saß gerade einmal ein gutes Dutzend Parlamentarier im Plenum. Viele waren ferngeblieben, weil sie es nicht ertragen konnten, die deutsche Sprache in ihrem höchsten Haus zu hören. Heute aber sind die Ränge voll besetzt und auch in den Stuhlreihen der Parlamentarier fehlen nur wenige. Angela Merkel wird begleitet von der Präsidentin der Knesset. Sie nehmen Platz auf dem dunkelbraunen Podest. Alle erheben sich und singen die israelische Hymne.

Und dann beginnt die Präsidentin der Knesset ihre Rede: "Verehrte Kanzlerin, Israel empfängt Sie mit der Gastfreundschaft, die zu diesem Volk gehört seit unserem Urvater Abraham." Sie spricht eindrücklich vom "Schatten der Shoa", in dem jeder Jude noch heute lebt. "Es gibt kein Genug, es gibt kein Vorbei. Dieser Schatten muss bei uns bleiben", sagt sie. Ihr Land befinde sich auch heute in großer Gefahr, und es beruhige niemanden in Israel, wenn von anderen versichert werde, der Iran werde die Atombombe schon nicht bauen. Der Iran baue an der Bombe - gegen Israel. Um Israel zu vernichten. "Aus dem Haus der Überlebenden rufe ich Ihnen zu: Reichen Sie uns die Hand. Schweigen Sie nicht. Tun Sie was, Frau Merkel, weisen Sie uns nicht ab. Wenn Sie es nicht schaffen, schaffen wir es auch nicht," sagt sie. Und es ist so still, so erdrückend still in diesem riesigen Saal.

Merkels Antwort - in Substantiven

Es ist schwer, auf ein solches Appell zu antworten. Es ist unmöglich, nach einem solchen Appell eine historische Rede zu halten. Wie Horst Köhler vor drei Jahren so beginnt auch Angela Merkel ihre Rede mit hebräischen Worten: "Ich danke Ihnen, hier sprechen zu dürfen. Ich empfinde dies als große Ehre." Applaus brandet auf in diesem Saal, in dem doch eigentlich nie applaudiert wird. Und es ist ja nicht die Schuld von Angela Merkel, dass eben Horst Köhler diesen Moment der Rührung mit seinen hebräischen Worten für immer für sich eingenommen hat. Und es ist ja auch nicht ihre Schuld, dass die Rede der Knesset-Präsidentin so eindringlich war, so nahe ging - doch die Worte der Kanzlerin wirken in diesem Kontrast hölzern und steif. Sie versichert Israel der unbedingten Solidarität Deutschlands. Sie verweist auf die Schuld durch die Vergangenheit und die Verantwortung für die Zukunft. Sie ruft die Hamas auf, den Terror einzustellen und endet mit den Worten "Herzlichen Glückwunsch zu 60 Jahre Staat Israel! Shalom!" - wieder in Hebräisch.

Eigentlich sagt sie wirklich alles, was sie sagen muss. Und doch ist nicht die Rede sondern einzig der Moment historisch. Vielleicht, weil große Gefühle nun mal nicht Angela Merkels Sache sind. Vielleicht auch, weil sie immer in Substantiven denkt und spricht - und nie in Bildern. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sie da stehen zu sehen. Dunkler Saal. Die israelische Flagge links in ihrem Rücken und die Menschen im Saal, die aufstehen und applaudieren. In diesem Moment scheint es wirklich eine gemeinsame Zukunft von Israel und Deutschland zu geben - jedenfalls solange die Erinnerung so sehr gelebt wird.


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