Merkel in Lateinamerika Die schwierige Suche nach der Wahrheit


Kanzlerin Angela Merkel unterstützt die Versöhnungsarbeit in Kolumbien. Es ist die politischste Station ihrer Lateinamerika-Reise, auch weil die Bevölkerung unter den Folgen von 40 Jahren Bürgerkrieg leidet.
Von Susann Kreutzmann, Bogota

Die Generalstaatsanwaltschaft in Bogotá wird auch Bunker genannt. Nicht, weil das Gebäude für eine dunkle Vergangenheit steht, sondern der graue Beton so massig wirkt. In der Fiscalia wird kolumbianische Geschichte geschrieben. Die Staatsanwaltschaft ist für die Untersuchung der begangenen Greueltaten während fast 40 Jahren Bürgerkrieg verantwortlich. Rund 120.000 Anzeigen liegen schon vor. "Die Menschen müssen wieder Vertrauen in die staatlichen Institutionen gewinnen", sagt Merkel, die sich dort über den Versöhnungsprozess unterrichten ließ. "Der Blick in die Zukunft kann nur frei werden", wenn den Opfern Gerechtigkeit widerfahre.

Die Zahlen sind schockierend. Der Bürgerkrieg hat fast 60.000 Menschen das Leben gekostet hat. Zehntausende gelten noch als vermisst. Fast täglich werden Leichen gefunden. 1.220 Massengräber wurden inzwischen ausgehoben und es wurde versucht, die Identität der Toten festzustellen. "Wir wissen genau, dass wir Ihren Mut, den Sie aufbringen, nicht ersetzen können", sagt Merkel sichtlich beeindruckt über die Schilderungen der Arbeit der Staatsanwälte.

Auf dem schwierigen Weg der Versöhnung helfen auch so genannte Anhör- oder Zeugenmobile, die Merkel der Staatsanwaltschaft überreicht. Die mit modernster Satellitentechnik ausgerüsteten Pickups sind für den Einsatz in entlegenen Orten bestimmt, so dass auch dort die Opfer per Videokonferenz an den Prozessen teilnehmen können. "Die Menschen haben ein Anrecht darauf, die Wahrheit zu erfahren", sagt Andreas Forer, der als deutscher Staatsanwalt das Projekt unterstützt. "Versöhnung kann nur erreicht werden, wenn die Angehörigen wissen, was passiert ist."

Bislang finden die meisten Prozesse gegen ehemalige Paramilitärs, aber auch Ex-Guerilleros in Bogota statt. Doch lediglich 23 Staatsanwälte kümmern sich um die Aufklärung. Experten schätzen, dass die Bearbeitung aller Fälle bis zu 90 Jahre dauern wird.

Das Schweigen der Täter ist oftmals die größte Last für die Familien. Meistens schauen die Frauen per Videokonferenz dem Mörder ihres Mannes oder Sohnes so das erste Mal in die Augen. "Was ist passiert, warum hast du meinen Sohn umgebracht. Er war kein Guerillero", fleht eine Mutter. "Dann habe ich mich geirrt", lautet lapidar die Antwort. Insgesamt haben die Paramilitärs 300.000 Verbrechen gestanden.

Der Aufenthalt in Kolumbien ist die politischste Station der einwöchigen Lateinamerika-Reise von Merkel, die sie zuvor nach Brasilien und Peru geführt hat. Zu Staatspräsident Alvaro Uribe, der es geschafft hat, den Menschen in Kolumbien wieder mehr Sicherheit zu geben, hat sie offenbar einen guten Draht gefunden. Sie lobt den "freundschaftlichen und warmen Empfang". Doch auch Merkel weiß, es herrscht noch lange kein Frieden. Zuviel ist passiert, wie Vertreter von Gewerkschaften und nichtstaatlichen Institutionen ihr in einem Gespräch berichten. Die meisten Konflikte werden in Kolumbien noch immer mit der Waffe in der Hand gelöst.

Es ist das erste Mal dass ein deutscher Regierungschef das Andenland besucht. Entsprechend hoch waren die Erwartungen. "Merkel - die mächtigste Frau der Welt", titelt die einflussreiche Tageszeitung "El Tiempo" nach dem ersten Besuchstag und widmet der Kanzlerin ein ganzseitiges Porträt. Die gemeinsame Pressekonferenz mit Präsident Uribe wird live im Fernsehen übertragen. Sogar die in Lateinamerika so beliebten Telenovelas machen der Politik Platz. Danach wird Merkel zum Ehrengast der Hauptstadt Bogota erklärt und erhält den goldenen Schlüssel der Stadt. US-Präsident George W. Bush, der als engster Verbündeter der kolumbianischen Führung gilt, wurde diese Ehre bei seinem Besuch im vergangenen Jahr nicht zuteil. Im Gegenteil: Heftige Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei verwandelten die Hauptstadt in einen Hexenkessel. Für die "excelentissima senora" stehen dagegen Schulkinder mit Fähnchen bereit und sagen artig "Buenos dias", als die deutsche Delegation die Treppen zur Zeremonie im Rathaus hinaufeilt.

Uribe ist vor allem wegen seines harten Vorgehens gegen die linke Guerillaarmee FARC umstritten. 15.000 Kämpfer sollen die Revolutionären Streitkräfte (FARC) noch zählen. Die genaue Zahl kennt keiner, denn die Guerilleros halten sich in Camps im unwegsamen Amazonas-Dschungel an der Grenze zu Ecuador und Brasilien versteckt.

Nach wie vor lehnt Uribe Verhandlungen mit der FARC ab, die noch bis zu 3.000 Geiseln in ihren Händen haben sollen. Als prominentestes Opfer wartet die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt seit mehr als sechs Jahren auf ihre Freilassung. "In Kolumbien gibt es keine Guerilla gegen Diktaturen, sondern Terrorismus gegen die Demokratie", sagt Uribe auf eine kritische Frage eines kolumbianischen Journalisten auf der Pressekonferenz mit Merkel. "Der einzige, der Verbrechen bekämpft, ist der Staat."

Wenn nicht die Guerilla, machen Paramilitärs das Land unsicher. Die kriminellen Banden finanzieren sich aus dem Drogenhandel. Kokain im Wert von 80 Milliarden Dollar soll im vergangenen Jahr über die Grenze geschmuggelt worden sein, meist in Richtung USA und Europa.

Mit dem so genannten Waldhüterprogramm sollen Kleinbauern den Schritt aus dem Drogenanbau schaffen. "Eine sehr interessante Idee", lobt Merkel. "Wir werden prüfen, wie wir das Projekt unterstützen." Nach offiziellen Angaben haben so 66.000 Familien eine neue Beschäftigung gefunden.


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