Mohammed-Karikaturen Jagd auf Europäer

Bewaffnete Palästinenser drohen mit der Entführung von Dänen, Franzosen, Norwegern und Deutschen, falls sich deren Regierungen nicht für den Abdruck von Mohammed-Karikaturen entschuldigen. Ein Deutscher wurde im Westjordanland für eine Stunde gekidnappt.

Nach Drohungen gegen Europäer wegen des Nachdrucks umstrittener Mohammed-Karikaturen in mehreren Zeitungen haben Palästinenser im Westjordanland kurzzeitig einen Deutschen verschleppt. Palästinensische Sicherheitskreise teilten jedoch mit, die Polizei hätte die Entführer am Donnerstagabend umgehend gestellt und die Geisel nach weniger als einer Stunde befreit. Ein Hotelangestellter in Nablus hatte berichtetet, der Deutsche habe mit einer Gruppe Palästinensern in einem Hotel in der Altstadt gesessen, als zwei bewaffnete Palästinenser ihn verschleppt hätten.

Geisel nach einer Stunde befreit

Die Polizei habe vier Entführer und die Geisel gefunden und zwei Bewaffnete festgenommen, hieß es aus Sicherheitskreisen. Der Mann befinde sich in Sicherheit. Augenzeugen berichteten, ebenfalls in Nablus hätten bewaffnete Palästinenser ein französisches Kulturzentrum geschlossen. Zuvor hatten Palästinenser am Donnerstag mit Gewalt gegen Dänen, Franzosen, Norweger und Deutsche gedroht. Deren Regierungen müssten sich bis zum Abend entschuldigen, sonst würden sich Europäer aus diesen Ländern Gefahr aussetzen, erklärte ein Extremist in Gaza.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lehnte eine Entschuldigung ab. "Warum sollte sich die Regierung für etwas entschuldigen, was in Ausübung der Pressefreiheit passiert ist?" sagte er der Tageszeitung "Die Welt". Hintergrund ist der Streit über die Karikaturen von Mohamed, die erstmals im September in einer dänischen Zeitung erschienen waren, und nun von mehreren Blättern nachgedruckt wurden.

Europäer sollen Autonomiegebiete verlassen

In Nablus hatten am Donnerstag Mitglieder der Al-Aksa-Märtyrerbrigaden nach eigenen Angaben zwei Wohnungen nach Ausländern durchsucht, um sie zu verschleppen. Die Europäer hätten 72 Stunden Zeit, die Autonomiegebiete zu verlassen, erklärten die Extremisten auf einer improvisierten Pressekonferenz. Ausländische Journalisten verließen am Donnerstag den Gazastreifen. Die dänischen und französischen Mitglieder eines EU-Teams, das den Grenzübergang Rafah beobachtet, erschienen aus Sorge vor Übergriffen nicht zum Dienst. Norwegen stellte die Arbeit in seinem Büro im Westjordanland ein. Die Evakuierung des Personals werde erwogen, sagte ein Außenamtssprecher in Oslo.

In Gaza-Stadt bezogen bewaffnete Anhänger der Fatah am frühen Morgen Stellung vor dem örtlichen EU-Büro und erklärten es für geschlossen. Alle Palästinenser wurden zum Boykott von Waren aus den vier europäischen Ländern aufgefordert. Den im Gazastreifen anwesenden Bürgern dieser Staaten drohten die Bewaffneten offen Gewalt an, falls bis Donnerstagabend keine Entschuldigung eingegangen sei. Ferner wurden Angriffe auf Kirchen sowie die Schließung von Pressebüros angekündigt, insbesondere das der französischen Nachrichtenagentur AFP.

Chefredakteur von "France-Soir" entlassen

Ein Führer der bei der Parlamentswahl siegreichen Hamas, Mahmud Sahar, besuchte demonstrativ eine Kirche im Gazastreifen und sagte den Christen Schutz zu. "Ihr seid unsere Brüder", sagte Sahar dem Geistlichen Pater Manuel Musallam.

Auch in anderen muslimischen Ländern weiteten sich die Proteste gegen die Bilder aus, die unter anderem den Propheten Mohammed mit einem Turban in Gestalt einer Bombe zeigen. Dabei gossen zwei islamische Zeitungen Öl ins Feuer: Die jordanische Zeitung "Schihan" und die indonesische Zeitung "Rakyat Merdeka" (Online-Ausgabe) druckten eine oder mehrere der Karikaturen nach. Der Nachdruck der Zeichnungen in der Pariser Zeitung "France-Soir" am Mittwoch führte zu personellen Konsequenzen. Der ägyptische Zeitungsbesitzer Raymond Lakah entließ Chefredakteur Jacques Lefranc. Das iranische Außenministerium bestellte den österreichischen Botschafter als Vertreter der EU-Ratspräsidentschaft ein und legte formellen Protest ein.

mit

Mehr zum Thema



Newsticker