Mord an Journalist Attentäter droht Nobelpreisträger


Gerade erst wurde der ermordete Journalist Hrant Dink beigesetzt, nun drohen die Täter auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Der mutmaßliche Anstifter des Dink-Anschlags rief: "Pamuk, sei klug".

Nach der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink hat ein mutmaßlicher Anstifter des Mordanschlags dem türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk gedroht. "Orhan Pamuk, sei klug", rief Yasin H., als er in Istanbul dem Haftrichter vorgeführt wurde, wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Der wegen eines Bombenanschlags auf ein McDonalds-Restaurant vorbestrafte Verdächtige soll die Mordwaffe beschafft und den als mutmaßlichen Dink-Attentäter festgenommenen Ogün S. zu dem Mord angestiftet haben.

Wie der Journalist Dink ist auch der Schriftsteller Pamuk von türkischen Nationalisten angefeindet und wegen Äußerungen zum Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt worden. Der Prozess war Anfang vergangenen Jahres eingestellt worden. Die Verleihung des Nobelpreises an Pamuk war in der Türkei von vielen als "politisch" motiviert missbilligt worden.

Trauerzug mit 100.000 Menschen

In stiller Trauer hatten bis zu 100.000 Menschen dem ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul das letzte Geleit gegeben. Die Menschen versammelten sich vor dem Büro von Dinks Zeitung "Agos", wo der prominente Intellektuelle am vergangenen Freitag erschossen worden war. Angeführt von Dinks Witwe Rakel folgte der Trauerzug dem Sarg, der mit einem Leichenwagen über das Goldene Horn zur armenischen Kirche gefahren wurde. Der Journalist wurde nach der Totenmesse auf dem armenischen Friedhof Balikli beigesetzt.

Dink war wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an Armeniern während des Ersten Weltkriegs massiven Anfeindungen von Nationalisten, Politikern und Staatsanwälten ausgesetzt gewesen. Er hatte sich deswegen auch wegen "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht verantworten müssen. In der Totenmesse sagte der Armenische Patriarch Mesrob II.:"Wir hoffen weiter darauf, dass die Türken Armenier als türkische Bürger akzeptieren, die hier schon seit tausenden Jahren siedeln, und nicht als Feinde oder Ausländer ansehen."

"Wir sind alle Hrant Dink"

Zu der Trauerfeier hatten sich neben Ministern auch zahlreiche ausländische Diplomaten sowie viele Mitglieder der armenischen Gemeinde eingefunden. Dennoch fehlten die höchsten Repräsentanten des türkischen Staates. "Wenn der Präsident, der Ministerpräsident und der Stabschef erschienen wären, wäre das ein Zeichen der Hoffnung gewesen. Ein Zeichen dafür, dass der Staat sich von der Lynchkultur verabschiedet hat und zu Selbstkritik fähig ist", sagte der liberale Kolumnist Cengiz Candar. In Zeitungen war der Regierung zuvor vorgeworfen worden, Dink trotz zahlreicher Drohungen gegen ihn nicht ausreichend geschützt zu haben.

Viele Menschen hielten am Dienstag Schilder hoch, auf denen "Wir alle sind Hrant Dink" oder "Wir sind alle Armenier" stand. Weite Teile der Innenstadt von Istanbul waren für den Autoverkehr gesperrt. "Wegen des Faschismus in der Türkei haben wir einen großartigen Mann verloren. Er war ein Symbol dafür, wie Menschen zusammenleben können, seien es nun Armenier, Kurden oder Aleviten", sagte der Textilarbeiter Haydar Bilgili, einer der Teilnehmer am Trauermarsch. "Wir verabschieden uns von unserem Bruder mit einem Schweigemarsch, ohne Schlachtrufe und ohne danach zu fragen, wie ein Kind zum Mörder werden konnte", sagte Rakel Dink an die Trauernden gerichtet. Den Mord an dem Journalisten hat ein 17-Jähriger gestanden. Ein befreundeter Nationalist hat zugegeben, den Jugendlichen zu der Tat angestiftet zu haben. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hatte den Mord als Angriff auf Frieden und Stabilität des Landes verurteilt.

Das Massaker an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Dem Vorläufer der heutigen Türkei, dem Osmanischen Reich, wird systematischer Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1923 vorgeworfen. Die Türkei bestreitet, dass es sich bei den Tötungen um Völkermord handelte. Allerdings haben mehrere ausländische Parlamente Gesetze verabschiedet, in der die Vorfälle klar als Völkermord definiert werden - sehr zum Ärger der Regierung in Ankara.

DPA/Reuters DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker