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Nach "Blutfreitag" in Syrien: Assad lässt auf Trauernde feuern

Das Regime in Syrien geht auch nach dem "Blutfreitag" mit mehr als 100 Toten weiter brutal gegen Oppositionelle vor. Sicherheitskräfte eröffnen das Feuer auf Trauerzüge - wieder gibt es Tote.

Einen Tag nach den Todesschüssen auf Dutzende Demonstranten sind in Syrien wieder Zehntausende mit der Forderung nach einem Systemwechsel auf die Straße gegangen. Nach Augenzeugen-Berichten eröffneten Sicherheitskräfte das Feuer auf Teilnehmer eines Trauerzugs für getötete Demonstranten. Dabei sollen mindestens sechs Menschen getötet worden sein.

Scharfschützen hatten am Freitag in mehreren Städten auf Demonstranten geschossen. Nach einer neuen Zählung syrischer Aktivisten wurden dabei 112 Menschen getötet. Die Liste mit den Namen der Todesopfer wurde am Samstag von Oppositions-Websites veröffentlicht. Demnach starben im Großraum Damaskus 47 Menschen, in der südlichen Stadt Asraa 31, in Homs 27 in Hama fünf und in Lattakia einer.

Wo es Tote gab, war das Muster laut Augenzeugen immer gleich: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs seien dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC.

"Der Zorn nimmt zu, die Straße brodelt"

"Heute sind die Beerdigungen, und wir haben Angst, dass dabei mehr Blut vergossen wird, was mehr Proteste und Tote zur Folge haben wird", sagte ein Oppositioneller am Samstagmorgen. "Das ist wie ein Schneeball, der von Woche zu Woche größer wird. Der Zorn nimmt zu, die Straße brodelt."

International wurde das brutale Vorgehen des syrischen Sicherheitsapparats scharf verurteilt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte ein sofortiges Ende der "anhaltenden Gewalt gegen friedliche Demonstranten". EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton schloß sich dem an. Das Töten sei erschreckend und nicht zu tolerieren. "Die Verantwortlichen dieser Verbrechen müssen ihre gerechte Strafe bekommen", sagte sie in Brüssel. US-Präsident Barack Obama sagte: "Dieser ungeheuerliche Einsatz von Gewalt zur Unterdrückung der Proteste muss jetzt beendet werden." Bundesaußenminister Guido Westerwelle rief Assad zu Zugeständnissen auf: "Es ist an der Zeit, dass die syrische Regierung der Demokratiebewegung entgegenkommt und endlich auf die dringlichen Appelle der internationalen Gemeinschaft reagiert."

Aus Protest gegen die tödliche Gewalt gegen Demonstranten verkündeten zwei Parlamentsabgeordnete des Landes ihren Rücktritt. Sie könnten nicht mehr die Menschen schützen, die sie gewählt hätten, sagten die beiden Politiker. Auch ein islamischer Geistlicher ist abgetreten. Der Mufti von Deraa, Resk Abdulrahman Abaseid, sagte, er trete zurück, weil Protestteilnehmer von der Polizei erschossen worden seien. Er bezeichnete die Getöteten als Opfer und Märtyrer.

Aufhebung des Ausnahmezustands kommt zu spät

Syriens Staatschef Assad war mit der Aufhebung des Ausnahmezustands am Donnerstag einer zentralen Forderung der Demonstranten entgegengekommen. Die kriegsrechtsähnliche Gesetzgebung hatte es dem Regime ermöglicht, Bürger willkürlich zu verhaften und jede politische Opposition mit behördlichen und geheimdienstlichen Mitteln zu verfolgen.

Doch wie die Eskalation der Gewalt am Freitag zeigte, dürften die neuen Maßnahmen des Präsidenten zu spät gekommen sein. Die Gewalt der Sicherheitskräfte, der seit Beginn der Proteste nun schon rund 300 Menschen zum Opfer fielen, hat die Demonstranten radikalisiert. Verlangten die Proteste bislang nur echte Reformen und Freiheiten, so dominierten am Freitag bereits die Forderungen nach dem Rücktritt Assads und nach einem Regimewechsel.

fw/Reuters/DPA / DPA / Reuters