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Nach dem Anschlag von Arizona: Tucson - eine Stadt in Schockstarre

Blumen liegen am Tatort, auf Schildern steht: Hoffen und beten. Die Bürger von Tucson trauern um ihre Abgeordnete. Szenen aus einer gelähmten Stadt.

Von Karsten Lemm, Tucson

Auch am Tag danach ist der Tatort weiträumig abgesperrt. Gelbe Plastikbänder der Polizei ziehen sich rund um das Gelände des Einkaufszentrums am Nordrand von Tucson, auf dem sechs Menschen starben und 14 weitere verletzt wurden. Es ist kurz Sonntag, kurz vor 12 Uhr mittags, und die Sonne brennt vom Himmel. Die Ampel springt auf Grün, Jennifer Urias geht über die achtspurige Straße auf die Ecke zu, an der die Absperrung beginnt. Eine Bank steht dort, dahinter liegt der Parkplatz des Supermarkts, vor dem die Polizei-Fahrzeuge der Spurensicherung warten. Streifenwagen bewachen jede Zufahrt.

Urias legt ihre Blumensträuße ab. Allesamt Rosen, in Rot, Weiß und Gelb. Sechs Sträuße, für jede Familie der Todesopfer einen. "Sie sollen wissen, dass wir sie in unsere Gebete einschließen", sagt Urias. Sie kennt niemanden der Betroffenen persönlich, und doch hat sie 30 Dollar ausgegeben, um die Blumen zu kaufen. Sie findet das ganz selbstverständlich. "Dies ist eine Gemeinde mit großem Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt sie. "Was hier passiert ist, ist einfach niederschmetternd." Mehr mag die Mittdreißigerin nicht sagen, es geht ihr nicht um Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit. Sie steigt gleich wieder in ihren Wagen und fährt davon - die Polizei lässt eh niemanden am Tatort herumlungern. Wer stehenbleibt, wird per Megaphon sofort angeherrscht, weiterzugehen. Das gilt auch für die, die Rosen bringen.

Jareds Nachbar ist schockiert

Der Schütze Jared Lee Loughner wuchs in einer Arbeitersiedlung auf, ganz in der Nähe. Die Fahrt mit dem Auto dauert kaum eine Viertelstunde, sie führt durch eine karge Wüstenlandschaft, der Weg ist gesäumt von Palmen, Büschen und Kakteen. George Gayan, 82, kennt Familie Loughner gut. Seit seit 30 Jahren schon sind sie Nachbarn. Der kleine Jared kam früher, als Gaians Frau noch lebte, manchmal vorbei und spielte mit Gayans Urgroßenkeln. Später, als Jared in die High School ging, sah er den Teenager manchmal mit einer Freundin händchenhaltend auf der Straße vorbeigehen.

Dass derselbe junge Mann, den er aufwachsen sah, nun ein solches Blutbad angerichtet haben soll - George Gayan kann es nicht fassen. "Ich bin schockiert. Ich hätte nie geglaubt, dass er zu so etwas in der Lage wäre", sagt der ehemalige Bergarbeiter, ein Mann mit weißem Haar und großer Brille, der bedächtig spricht und offenbar andere nicht gerne vorschnell verurteilt. "Er wirkte immer ganz normal auf mich. Ich habe ihn nie mit einer Waffe gesehen, und wenn er am Steuer saß, fuhr er immer vorsichtig."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Über das uramerikanische Recht, Waffen zu tragen

Irgendetwas muss katastrophal schiefgegangen sein bei der Familie nebenan. Der Kontakt wurde seit Jahren immer spärlicher. Vater Randy Loughner, mit dem Gayan ursprünglich gut auskam, zog sich immer mehr zurück, andere Nachbarn berichten von Wutausbrüchen, wenn ihn etwas störte - sofern er sich überhaupt blicken ließ. Nach der Tat ist es still rund um das Haus. Der Sohn sitzt in Haft, die Eltern sind, so heißt es, bei Bekannten untergekommen. Vor dem Haus stehen lediglich zwei alte, verbeulte Autos. Und ein Baum, so groß, dass er den Blick auf den Eingang versperrt. Ein Schild warnt: "No soliciting" - Hausieren verboten!

Was hinter dieser Tür vor sich ging, sollte die Welt nichts angehen. Und doch muss in dem, was sich in diesem unscheinbaren beigefarbenen Bungalow abspielte, die Erklärung für das Blutbad liegen. Der 22-jährige Loughner, so viel ist inzwischen bekannt, war ein Einzelgänger, der mit Drogenproblemen kämpfte, der vom College verwiesen wurde, als er sich immer seltsamer benahm, und der wohl als geistig verwirrt gelten kann. Dass so jemand ohne Schwierigkeiten eine halbautomatische Pistole kaufen darf, findet Paula Aboud unerhört. "Menschen, die emotionale Probleme haben, sollten nicht so einfach Zugang zu Schusswaffen bekommen", sagt sie. "Wir haben kein Gesetz, das so etwas verhindert. Andernfalls wäre dieser junge Mann nicht so leicht an eine Pistole gekommen."

Die Dankbarkeit des Timothy Robinson

Aboud ist Senatorin der Demokraten im Parlament von Arizona, eine schlanke, elegante Frau von 60 Jahren, die ihr halbes Leben in der Politik verbracht hat. Sie will ihren Mitbürgern nicht das Recht nehmen, eine Waffe zu tragen - das käme in Arizona nicht gut an: Das Westernstädtchen Tombstone, in dem noch heute täglich die berühmte Schießerei am O.K. Corral nachgestellt wird, liegt kaum anderthalb Autostunden entfernt von Tucson. "Ich besitze selbst eine Waffe", sagt Aboud, und auch ihre Parteifreundin Gabrielle Giffords, die nun mit dem Tod ringt, hat sich immer für das uramerikanische Recht eingesetzt, eine Waffe zu tragen. Doch der Staat dürfe es Geistesgestörten nicht ganz so leicht machen wie bisher, argumentiert Aboud - zumal in einem politischen Klima, das sich so dramatisch aufgeheizt hat. "Das Säbelrasseln hat zugenommen, die persönlichen Attacken, der Mangel an Rücksicht und Respekt." Von persönlichen Angriffen, die aus Worten bestehen, zu Angriffen, die körperlich werden, ist es aus Sicht der Senatorin nur ein kleiner Schritt. "Auch verbale Attacken können Folgen haben."

Aboud steht vor einem zweistöckigen Geschäftshaus am Rande von Tucsons Innenstadt, in dem Gabrielle Giffords ihr Büro hat. Besorgte Anhänger der schwerverwundeten Politikerin bringen zu Dutzenden Blumensträuße vorbei, legen sie auf dem Boden nieder, zünden Kerzen an, sprechen Gebete. "Hope" steht auf einem der Schilder, die zwischen den Blumen liegen, und "just pray": Hoffen und beten, mehr können sie im Augenblick nicht tun.

Auch Timothy Robinson hat Blumen gebracht. Er ist Giffords unendlich dankbar dafür, dass sie sich für ihn einsetzte, als er sie brauchte. Der Irakkriegs-Veteran arbeitete im Anschluss an seinen Militärdienst als ziviler Angestellter der US-Regierung in Kuwait, und seine Chefs weigerten sich, ihn nach Hause gehen zu lassen, als seine Frau krank wurde, damit er sich um sie und die beiden Söhne kümmern konnte.

Robinson hält er der Demokratin die Treue

Robinson war kein besonders aktiver Wähler, doch er wandte sich hilfesuchend an seine Abgeordnete, und Giffords machte sich für ihn stark. "Dann ging alles sehr schnell", erzählt der 44-jährige Reserve-Offizier. Er durfte nach Hause kommen, und seitdem hält er der Demokratin die Treue. Das Attentat führt er nicht zuletzt auf "den Hass und die Bitterkeit" unter Politikern zurück. "Es ist beängstigend, dass sie nicht zivilisierter miteinander umgehen können", sagt Robinson. "Es gibt Verrückte da draußen, die sich von solchen Dingen anstacheln lassen. Was dieser junge Mann getan hat, steht in direktem Zusammenhang mit der Feindseligkeit in unserer Politik." Bei seinem Einsatz im Irak musste der Soldat mit ansehen, wie mehrere seiner Kameraden im Krieg fielen. Nun holt ihn die Gewalt auch im eigenen Land ein. "Dass solch eine Sache hier zu Hause passiert", sagt Robinson und schüttelt den Kopf, "es fühlt sich fast so an, als wäre ich wieder da drüben."