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Gabrielle Giffords: Im Fadenkreuz des Hasses

Sie ist mal rechts, mal links, aber immer warmherzig und beliebt: die Demokratin Gabrielle Giffords. Nach dem Anschlag von Arizona ist sie das Symbol der Vereinigten Staaten des Hasses.

Von Niels Kruse

Ihre Homepage schmückt eine Wüstenlandschaft: Kakteen, Yuccapalmen und Steppengras - eine Flora, wie man sie aus Filmen kennt, in denen spröde Männer einsam durch die Wildnis ziehen und im Zweifel erst schießen und dann reden. Dieser vertrocknete Landstrich, irgendwo in den Weiten Arizonas, ist die Heimat von Gabrielle Giffords. Hier tobt der hysterische Kampf zwischen Rechts und Links besonders heftig und hier wurde die Abgeordnete jetzt von der Kugel eines offenbar geistig verwirrten 22-Jährigen niedergestreckt. Sie ist das erste prominentere Opfer einer Radikalisierung der US-Politik, in der seit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten rechte Hassprediger den Ton angeben.

Giffords, 40 Jahre alt, gehört nicht zu den Scharfmachern von der rechten oder linken Seite. Im Gegenteil. Sie ist rechts wie links, mal den Republikanern nahe, mal den Demokraten, für die sie im US-Kongress sitzt. So trommelte sie vehement für Obamas Gesundheitsreform, aber gegen die Wiederwahl von Nancy Pelosi als Sprecherin des Repräsentantenhauses, dem prominentesten Gesicht der umstrittenen Reform. Giffords macht sich zwar für scharfe Kontrollen an der US-mexikanische Grenzen stark, lehnt aber striktere Einwanderungsgesetze ab. Sie unterstützt die embryonale Stammzellenforschung und fordert möglichst liberale Waffengesetze - eine Position freilich, die in den Vereinigten Staaten parteiübergreifend Anhänger findet.

Kurzum: Gabrielle Giffords, genannt "Gabby" wurde in ihrer Heimat als gemäßigt und ausgesprochen pragmatisch geschätzt. Von ihrer politischen Gegnerin Sarah Palin allerdings wurde sie besonders aufs Korn genommen. Die konservative Tea-Party-Politikerin veröffentlichte vor den US-Kongresswahlen eine Liste mit 20 demokratischen Kongressabgeordneten, deren Sitze es für die Tea Party zu attackieren gelte. Alle 20 wurden auf einer USA-Karte mit Fadenkreuzen markiert, wie man sie aus dem Zielfernrohr von Gewehren kennt. Eine, auf die Palin zielte, war Giffords. Dennoch wurde sie im stockkonservativen Arizona wiedergewählt - wenn auch knapp.

Mit 18 trat Giffords zunächst den Republikanern bei, kehrte ihnen dann 1999 aus Enttäuschung über die sozialen Positionen der Partei den Rücken. Drei Jahre später, im Alter von 32, wurde sie jüngste weibliche Abgeordnete im Senat von Arizona - und die erste jüdische dazu.

Warmherzig, humorvoll, bodenständig - so wird die Giffords gerne beschrieben, und selbst politische Widersacher sagen über sie, es sei schwer, Gabby nicht zu mögen. Was wohl auch an ihrer Heimatverbundenheit liegt. Nahezu jedes Wochenende ist sie aus Washington nach Tucson gereist, um Kontakte zu pflegen und sich mit Menschen zu treffen. So auch jetzt wieder, als sie vor einem Einkaufszentrum eine Rede hielt, als Attentäter Jared Lee Loughner seine automatische Pistole abdrückte. Sie habe am Tag des Anschlags gemacht, was sie immer mache, sagte Barack Obama, "den Hoffnungen und Sorgen ihrer Nachbarn zuzuhören".

Mann und Schwager sind Astronauten

Bis zum 8. Januar dieses Jahres war Giffords trotz ihrer Beliebtheit freilich nur eine von vielen demokratischen Hinterbänklern. Oft im Gegensatz zu ihrem Mann, dem Astronauten Mark Kelly, der als Kommandant den letzten Flug der Raumfähre "Endeavour" geleitet hat. Auch ihr Schwager arbeitet im All: Scott Kelly ist zurzeit Chef der Dauerbesatzung der Internationalen Raumstation ISS. Der erste politisch motivierte Mordanschlag seit mehr als 30 Jahren wird Gabrielle "Gabby" Giffords zum Symbol für die zerrüttete politische Kultur der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts machen. Ob sie je in die Politik zukehren wird ist ungewiss. Immerhin schätzen die Ärzte ihre Heilungschancen als gut ein.