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Nach dem Terroranschlag von Boston Tripathi, zu Unrecht verdächtigt, ist tot


Erst verschwindet der geliebte Sohn und Bruder. Dann wird er von Möchtegern-Detektiven als Boston-Attentäter beschuldigt. Nun trauert die Familie um Sunil Tripathi. Eine Tragödie "Made in USA".
Von Thomas Schmoll

Was kann man tun, einen Menschen, der an Depression leidet, zu ermutigen, nach Hause, also ins Leben, zurückzukehren? Die Familie von Sunil Tripathi versuchte es mit einer fröhlichen Liebesbotschaft auf Youtube. Eltern, Schwester, Bruder und Freunde ließen den Vermissten wissen: "Wir lieben dich, Sunny. Ruf uns an und lass uns wissen, ob du okay bist." Sie versuchten es mit einer Facebook-Seite, deren Titel Hoffnung ausstrahlte und zugleich die Tragödie beschrieb. "Helft uns, Sunil Tripathi zu finden", lautet er. Die Seite ist voller Fotos aus glücklichen Zeiten. Sie legen Zeugnis davon ab, dass die einst aus Indien in die USA eingewanderte Familie in der neuen Heimat angekommen ist: Gute Laune ist Trumpf. Wer es nicht weiß, dass Sunil Tripathi gemütskrank ist, wie es seine Mutter in einem Interview sagte, kann es aus diesen Bildern nicht schließen. Sein Lachen wirkt sympathisch und kein Stück gequält.

Eine Aufnahme stellt eine krasse Ausnahme dar. Sie bildet den Vermissten von hinten ab. Das Bild ist das letzte, das Sunil Tripathi lebend zeigt, erzeugt von einer Überwachungskamera an einer Straßenkreuzung - genau so ein Gerät wie die in Boston, deren Bilder halfen, den Anschlag beim Marathon rasch aufzuklären. Das, was mit Tripathi nach dieser letzten Aufnahme passierte, ist nicht fotografisch dokumentiert. Die Familie berichtet es in wenigen Sätzen auf der Facebook-Seite: "Am 23. April wurde unser geliebter Sunil in den Gewässern des India Point Parks in Providence, Rhode Island, entdeckt. So, wie wir unbeschreibliche Trauer in uns tragen, fühlen wir auch unglaubliche Dankbarkeit." Und weiter unten heißt es: "Der vergangene Monat hat unser Leben für immer verändert, und wir hoffen, er wird auch eures verändern. Passt auf einander auf. Geht behutsam miteinander um, zeigt Mitgefühl. Lasst euch helfen, wenn ihr wankt. Seid hilfsbereit. Wir brauchen es, die Welt braucht es."

Kein Indiz, geschweige denn ein Beweis

Die Danksagung und der Appell zeugen von Größe und Menschlichkeit. Die Angehörigen von Sunil Tripathi hätten guten Grund, Mitbürger zu hassen und zu verachten. Kummer und Trauer der letzten Wochen beruhen nicht allein auf der Sorge um den verlorenen Sohn und Bruder und der Todesnachricht. Der junge Mann, gerade einmal 22 Jahre alt geworden, ist ein ganz eigenes Opfer des Boston-Attentats geworden. Er gehört zu jenen Unschuldigen, die übereifrige Möchtegern-Detektive namentlich des Blutbads bezichtigten, ohne auch nur den Ansatz eines Beleges zu haben, von Beweisen gar nicht erst zu sprechen.

Es ist der 16. März, kurz nach Mitternacht, an dem der Student der Philosophie, dem die Brown University in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island gerade wegen seiner Depression eine Auszeit gönnt, seine Bleibe ohne Handy, Geldbörse und Ausweis verlässt. Wenig später, exakt um 01.33 Uhr, macht die Überwachungskamera jene Aufnahme von Sunil Tripathi, bevor er für immer verschwindet. Die Hände in den Taschen der Jacke schickt er sich an, einen Zebrastreifen zu überqueren. Sein Ziel ist unbekannt. Weil er nicht heimkehrt, ist die Familie auf Grund seiner psychischen Erkrankung sofort in Alarmstimmung und schaltet rasch die Polizei ein. Sogar das FBI hilft bei der groß angelegten Suche. Die Facebook-Seite entsteht, das Video wird gedreht. Alles vergeblich. Niemand gibt den Hinweis, auf den die Familie so sehr hofft.

Tausende Tweets mit dem Namen eines Unschuldigen

Dann, nach dem Boston-Anschlag, melden sich plötzlich Zeugen zu Wort. Nicht einer, nicht zwei, sondern unfassbar viele. Sie alle wollen den Vermissten gesehen haben - beim Boston-Marathon. Über die Social-Media-Portale Reddit und Twitter wird der Name verbreitet und später auch von Journalisten in alle Welt transportiert, ohne dass jemals ein Ermittler Sunil Tripathi offiziell als Verdächtigen bezeichnet. Auch ein größerer deutscher Online-Newsanbieter berichtet: Nach - nie erfolgter - Veröffentlichung von Fahndungsbildern "verdichteten sich bei Twitter die Hinweise, es könnte sich bei ihm um den gesuchten Mann mit der weißen Mütze handeln". So wird aus dem von seiner Familie gesuchten Studenten, der unter Depression leidet, ein gesuchter Mörder. Schließlich liegen seine Wurzeln in Indien, wo ja auch Muslime leben. Dass er von Mitstudenten geschätzt wird, Schach und Musik mag, dem Saxophon huldigt, spielt in dem Wertekanon, der die Sicht seiner Jäger vernebelte, offenbar keine Rolle.

Auf der Titelseite der "New York Post"

Wie genau der haarsträubende Verdacht entstand, ist ungeklärt. In amerikanischen und britischen Medien wird davon ausgegangen, dass der Name erstmals auf Reddit genannt wurde. Auf Twitter befeuert ein Kameramann eines TV-Senders die Mutmaßungen, indem er unter Berufung auf den Polizeifunk zwei Personen nennt: Mike Mulugeta und Sunil Tripathi. Daraufhin werden die Namen zigtausendfach getwittert und von TV, Funk und Print- und Online-Medien aufgegriffen, die "New York Post" zeigt das Foto des Gesuchten auf dem Titel. Unklar ist, ob die Polizisten in dem Funkverkehr darüber gesprochen haben oder die zwei Männer tatsächlich als Verdächtige einstuften.

"Diese letzten Stunden waren unglaublich schmerzhaft"

Die Familie des Beschuldigten schließt ihre Helft-uns-Seite Facebook, weil sie mit Hasskommentaren und Todesdrohungen überhäuft wird. Bemerkt hat sie es, weil die Zugriffe auf das Profil urplötzlich in die Höhe schnellten. Drückte sie am 18. April, dem Tag des Boston-Anschlags, ihr Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörigen aus, schrieben die Unglücklichen einen Tag später: "Eine enorme und schmerzhafte Menge Aufmerksamkeit wurde über unseren geliebten Sunil Tripathi in den letzten 12 Stunden ausgeschüttet." Und: "Diese letzten Stunden waren unglaublich schmerzhaft für unsere Familie."

Bald wird klar, dass der Student nichts mit dem Fall zu tun hat. Es ist bereits eine beispiellose Fahndung nach den zwei mutmaßlichen Attentätern tschetschenischer Abstammung im vollen Gange. Erik Martin, Geschäftsführer von Reddit, entschuldigt sich für die "Hexenverfolgung und gefährliche Spekulationen", betont jedoch auch "edle Absichten" seiner Klientel. Die Tripathis haben da immer noch Hoffnung, ihren Sohn und Bruder lebend wiederzusehen. Sie fordern Mitbürger auf, liebevolle Botschaften für "Sunny" auf die Hand zu schreiben und zu fotografieren, um sie bei Facebook zu veröffentlichen. Dutzende folgen dem Aufruf. "Wir lieben dich", lautet die Botschaft. Vermutlich hat er sie nicht mehr gelesen und gesehen.

Rechtsmediziner bestätigen Identität

Am Donnerstag bestätigen Rechtsmediziner, dass es sich bei der am 23. April entdeckten Leiche um Sunil Tripathi handelt. In US-Presseberichten werden Todesursache und -zeitpunkt bislang nicht benannt. Der Umstand, dass die Identifizierung nach offiziellen Angaben anhand der Zähne erfolgte, lässt den Rückschluss zu, dass die Leiche längere Zeit im Wasser lag. ABC News berichtet unter Berufung auf das Gesundheitsministerium von Rhode Island, dass die Todesursache in weiteren Untersuchungen ermittelt werde. Eine Sprecherin der Polizei von Providence sagte dem Sender zufolge: "Es wird kein falsches Spiel vermutet."

So absurd es auch klingen mag: Werden die Gerichtsmediziner feststellen, dass Sunil Tripahti vor dem Boston-Anschlag starb, werden seine Eltern und Geschwister es vielleicht ein ganz klein bisschen leichter haben, den Schicksalsschlag zu verkraften. Dann müssten sie nicht denken, dass der falsche Verdacht zum Tod des Studenten beigetragen hat oder gar Auslöser war. So oder so - die Familie erklärt auf Facebook: "Die letzten 38 Tage erinnern uns an die Zerbrechlichkeit unserer Familien, Gemeinschaften und unseres Landes."


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