Naher Osten Vom Kriegsgewinn der Hardliner


Die US-Regierung wird die Gewalt im Nahen Osten vorerst nicht stoppen - und hilft damit womöglich einem Erzfeind: Irans Präsident Ahmedinedschad. Das jedenfalls sagt Flynt Everett, führender US-Nahost-Experte, im Interview mit stern.de.
Von Katja Gloger

Herr Leverett, der Konflikt im Nahen Osten eskaliert. Die USA liefern Präzisionsbomben an ihren Verbündeten Israel, israelische Truppen agieren im Südlibanon. Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine Lösung?

Wir haben nicht mehr viel Zeit, ein paar Wochen vielleicht. Man müsste jetzt sehr schnell einen Waffenstillstand verhandeln, dann die schrittweise Freilassung der gefangenen israelischen Soldaten und später vielleicht eine internationale Truppe im Libanon. Doch man muss eine Lösung wollen. Und da bin ich nicht sonderlich optimistisch.

Außenministerin Rice hat jetzt einen Plan vorgelegt. Sie spricht von den "Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens".

Sie will und wird Erwartungen wecken. Und die halten in der Region höchstens 24 Stunden. Ich glaube nicht, dass die Bush-Administration langfristig wirklich etwas erreichen möchte. Denn sonst müssten die USA ernsthaft versuchen, eine strategische Verständigung mit den Beteiligten in der Region zu suchen. Mit Syrien und dem Iran.

Die USA haben noch nicht einmal Botschafter in diesen Ländern. Und mit dem Iran spricht man seit fast dreißig Jahren nicht.

Ich befürchte, die Gewalt wird andauern, mindestens noch einige Wochen, vielleicht sogar Monate. Dann wird die Diplomatie so gut wie keine Chance mehr haben.

Warum?

Israelis und Palästinenser werden sich erneut radikalisieren. Hamas wird Zulauf erhalten, weiterhin zur Zerstörung Israels aufrufen. Im Libanon wird die Regierung diskreditiert. Und Hisbollah wird unberührbar. Von der geplanten Entwaffnung der Hisbollah, die ja in einer UN-Resolution gefordert wird, kann nicht mehr die Rede sein. Und Syrien und der Iran werden wieder einmal Beweise dafür haben, dass es sich gar nicht lohnt, über Verhandlungen und Frieden in der Region überhaupt nachzudenken.

Führt der Iran mit Hilfe der Hisbollah einen Stellvertreterkrieg gegen den Westen, gegen die USA?

Zu einem gewissen Grad ja. Der Übergriff auf israelisches Staatsgebiet am 12. Juli war sicher kein Zufall. Vielleicht gelang die Entführung der Soldaten zufällig. Aber Hisbollah hätte die Aktion auf keinen Fall ohne das Einverständnis der Syrer und des Iran begonnen.

Was will der Iran erreichen?


Es geht auch um eine innenpolitische Auseinandersetzung. Und zwar zwischen Präsident Ahmedinedschad und dem obersten religiösen Führer, Ajatollah Chamenei. Und die entscheidende Frage lautet: Wer hat in der Außenpolitik und vor allem in der Nuklearfrage das Sagen?

Das vermutete geheime Atomwaffenprogramm des Iran wird nun erneut vor dem UN-Sicherheitsrat verhandelt. Zum ersten Mal drohen Sanktionen.

Ja, und der iranische Präsident vertritt dabei offenbar die Kräfte, die keinen Sinn in Verhandlungen über das Atomprogramm sehen und keine echten Zugeständnisse machen wollen. Chamenei hat in den vergangenen Monaten versucht, Ahmedinedschad an die Seite zu drängen. Bislang konnte der nicht zurückschlagen. Was jetzt im Libanon passiert, ist möglicherweise sein Eröffnungszug in einer Art politischen Gegenoffensive. Und die revolutionären Garden ...

... die Hisbollah ausbilden und unterstützen...

... diese Garden gehören zu seiner Wählerbasis. Mit Hilfe der Hisbollah und der eskalierenden Gewalt erhält sich Ahmedinedschad Einfluss auf die Außenpolitik.

In den USA fordern Konservative, mit Luftschlägen gegen die iranischen Nuklearanlagen vorzugehen. "Warum warten?" fragt die einflussreiche Wochenzeitung Weekly Standard.


Ein militärisches Vorgehen wäre in jedem Fall eine sehr, sehr schlechte Idee. Das sehe ich im Moment nicht. Die USA werden Israel noch eine Weile agieren lassen. Sie werden sehen, was sich daraus entwickelt.

Kann Israel die Hisbollah denn zerstören?

Ich glaube nicht, dass man eine Bewegung zerstören kann. Und genau das ist das Problem. Was passiert, wenn weiter Raketen auf Israel fliegen? Dann könnte Israel Angriffe gegen Ziele in Syrien fliegen. Hisbollah wiederum könnte eine Terror-Kampagne gegen israelische Ziele überall in der Welt starten - wir wissen, dass sie dazu fähig sind.

Schon werden erste Vergleiche zum Jahr 1914 gezogen. Damals zog die Krise auf dem Balkan die Welt in einen großen Krieg.

Dieser Vergleich ist weit hergeholt. Aber das Potential für die Eskalation des Konfliktes ist gewaltig.

Viele Konservative sind wütend auf die angebliche "fruchtlose Diplomatie" von Bush. Sie fordern endlich hartes Vorgehen gegen Länder wie Iran, Syrien und Nordkorea.

Ja. Und dies kann dazu führen, dass auch die USA den Weg der Eskalation beschreiten. Der Druck auf die Bush-Administration wird wachsen, innerhalb des nächsten Jahres etwas in Bezug auf die iranische Nuklearfrage zu unternehmen. Da spricht man vom "neuen Ton" in der US-Außenpolitik, vom Ende der "Cowboydiplomatie" gar. Aber dass Frau Rice nun Außenministerin ist und der Präsident ein paar nette Reisen nach Europa unternommen hat, ändert noch gar nichts. Die Neokonservativen sind nicht besiegt. Die Krise im Nahen Osten ist auch für sie der Beginn einer Gegenoffensive. So könnten die Hardliner auf beiden Seiten, in Washington und Teheran, wieder die Oberhand gewinnen.


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