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Neda - die Tote aus dem Iran: Das war die Frau hinter dem Mythos

Sie ist das Gesicht der Proteste im Iran, der Mythos der Revolution in Grün, die Jeanne d'Arc von Teheran: Jene Frau, die Neda genannt wird, und deren gefilmtes Sterben die ganze Welt schockiert. Nun verbreiten angebliche Freunde und Bekannte immer mehr Informationen über Nedas Leben, ihre letzten Tage - und ihr Begräbnis.

Von Felix Disselhoff und Sophie Albers

Neda. Neda. Neda. Auf Twitter. Auf Facebook. In Blogs. In den neuen Medien, in den, nun ja, etablierten Medien. Überall und immer wieder: Neda. Binnen Tagen, ja Stunden, ist das Sterben der jungen Frau - einmal gefilmt, unzählige Male geklickt - zu einem Symbol, zu einer Ikone der Proteste im Iran geworden. Neda ist tot, sie wurde ermordet. Aber ihr Name, ihr Gesicht, ihre Geschichte sind zu einer politisch-emotionalen Projektionsfläche, zu einem Kristallisationspunkt des Aufruhrs im Iran und in der virtuellen, globalen Internet-Gemeinschaft geworden. Der Mythos der schönen, toten Neda, diese Mischung aus Mona Lisa und Jeanne d'Arc, berührt, erzürnt und mobilisiert.

Allein: Bislang war über die Person Neda, den Menschen hinter dem Mythos, so gut wie nichts bekannt. Es gab keine gesicherten Informationen über den Namen, die Herkunft, die Umstände des Todes der jungen Frau. Alles beruhte auf Hörensagen, auf Zurufen, auf unprüfbaren Behauptungen. Neda, das war vor allem ein grausames Bild, ein brutaler Film. Neda war eine Hochgeschwindigkeits-Ikone. Und auch jetzt, nachdem immer mehr vermeintlich gesicherte Angaben über das Leben der jungen Frau an die Öffentlichkeit gelangen, lässt sich die Geschichte der Neda nur bruchstückhaft erzählen. Aber immerhin, auf der Basis von Aussagen von angeblichen Freunden, kann man zumindest beginnen, ein Mosaik des Menschen Neda zusammenzusetzen.

Nedas angeblicher Verlobter berichtet

Demnach hieß Neda tatsächlich Neda - Neda Salehi Agha Soltani. Sie war eine Kritikerin des Ahmadinedschad-Regimes, sagte eine junge Iranerin, die sich als Bekannte von Neda ausgibt, stern.de. Sie lebt im Ausland, wohnt jedoch in Teheran und behauptet, Neda gekannt zu haben. Aber obgleich sie Kritikerin des Regimes gewesen sei, habe Neda nicht an einer Demonstration teilgenommen, als sie mit einem gezielten Herzschuss getötet worden sei, berichtet ein Mann namens Caspian Makan, der sich als Verlobter Nedas bezeichnet. Ihn zitiert die persische Ausgabe des britischen Rundfunksenders BBC.

Demnach sei Neda mit ihrem Musiklehrer im Auto unterwegs gewesen. Wegen der Hitze und nach einem anstrengenden Tag hätten die beiden angehalten und seien in der Nähe der Proteste ausgestiegen. Dann, so berichten mehrere Quellen, sei der Schuss gefallen, der einzige, der tödliche Schuss. "Es war nur eine Kugel", zitiert die "Los Angeles Times" den angeblichen Musiklehrer und engen Freund Hamid Panahi. Abgegeben habe den Schuss ein Mitglied der Bassidsch-Milizen in Zivilkleidung, von einem Dach herunter. Das mutmaßt zumindest Caspian Makan gegenüber der .

Glaubt man der E-Mail der angeblichen Bekannten, hatte Neda wenige Tage vor ihrem mit ihrem Freund im Fernsehen Bilder der Proteste gesehen. Dabei soll sie, fast schon prophetisch, folgenden Satz gesagt haben: "Und wenn sie mir ins Herz schießen, ich werde weiter für mein Land kämpfen." Sie sei eine Intellektuelle gewesen, offen und tolerant, habe Gedichte geliebt wie auch ihr Land, sagt Nedas Bekannte. "Sie war keine Frau mit Ehemann und Kopftuch, die den ganzen Tag zu Hause saß. Wir arbeiten als Lehrer an Universitäten und sind politisch aktiv. Wir leben in guten Beziehungen mit unseren Männern." Neda, soll das heißen, war eine moderne, junge Frau, eine Frau aus der Mitte der Gesellschaft. Der Schuss auf Neda, soll das heißen, schoss auch mitten ins Herz der iranischen Mittelklasse und einer jungen Generation, die ihre Freiheit will.

Eltern mussten ihr Kind offenbar schnell beerdigen

Während Neda weltweit als Märyterin gefeiert wird, sind die iranischen Behörden, glaubt man den Berichten, mit ihren sterblichen Überresten offenbar schändlich umgegangen. Zunächst hätten ihre Eltern darum kämpfen müssen, die Leiche ihrer Tochter von den Behörden überstellt zu bekommen und beerdigen zu dürfen. Dann seien sie gezwungen worden, ihr Kind, anders als der Islam es vorsieht, am Abend zu beerdigen. Die übliche Beerdigung am Morgen musste demnach verschoben werden, um weitere Proteste zu verhindern. Viele Anhänger Mir-Hussein Mussawis hatten ihr Kommen angekündigt. Makan sagte laut BBC, die Eltern hätten Neda in einem speziellen Teil des Behescht-e-Sahra Friedhofs im Süden beerdigt, wo die Toten der Proteste liegen. Nedas Grab ist angeblich das mit der Nummer 3241257.

Völlig losgelöst von der tatsächlichen Lebens- und Sterbensgeschichte von Neda Salehi Agha Soltani entspinnt sich indes der Umgang mit der Ikone Neda, ihre politische Instrumentalisierung. John McCain, der US-Senator, berichtete in einer Rede von ihr, aber auch der im Exil lebende Sohn des früheren Schahs äußerte sich über sie: Reza Pahlavi sagte, er zähle sie fortan zu seinen Töchtern, ihre einzige Sünde sei die Forderung nach Freiheit gewesen. Das Schah-Regime war 1979 von den bis heute im herrschenden Ayatollahs gestürzt worden.

Und auch im Netz rollt die Neda-Lawine weiter. Auf Facebook wurde eine Seite mit dem Titel "Neda: Symbol des Iranischen Friedens" gegründet. Die Gruppe wuchs auf mittlerweile rund 14.000 Mitglieder. User aus aller Welt trauern dort um die Ermordete.

Viele davon haben ihr eigenes Profilfoto durch ein stilisiertes Bild vom blutüberströmten Gesicht der Toten ersetzt. In einem Diskussionsforum schreibt eines der Mitglieder: "Oh Neda, die Stille Deines Körper, der leblos auf der Straße lag, war ohrenbetäubend. Du warst mutig und Dein Tod war nicht umsonst."

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Von:

und Felix Disselhoff