Neue Weltordnung beim Klimagipfel Wie China die USA degradierte


In Kopenhagen hat sich eine neue Weltordnung gezeigt. China war der mächtigste Spieler und ließ das Bild von den USA als globaler Nummer eins verblassen. Barack Obama bekam das deutlich zu spüren.
Von Peter Ehrlich, Kopenhagen

China ist eine uralte Macht und Chinesen kennen sich mit Herrschaftssymbolen aus. Aber selbst für einen Staat wie China war es eine ungewöhnliche Machtdemonstration. Ministerpräsident Wen Jiabao residierte in einem Hotel außerhalb des Konferenzzentrums.

Zweimal musste US-Präsident Barack Obama, der immer noch gern als der mächtigste Mann der Welt bezeichnet wird, am Freitag das Bella Center verlassen und bei Wen vorsprechen, um den Klimagipfel irgendwie zu retten. Beim zweiten Mal ließ Wen Obama sogar warten, nach Angaben aus internationalen Verhandlungskreisen über eine halbe Stunde. Er habe noch andere Gesprächspartner, ließ Wen ausrichten.

Ins Konferenzzentrum ging Wen nur einmal, um vor der Vollversammlung Chinas Sicht der Dinge darzulegen. An den Verhandlungen in der 25er-Gruppe nahm er anders als Obama, Kanzlerin Angela Merkel oder Brasiliens Präsident Jose Ignacio Lula da Silva nicht teil. Und Wens Vertreter dort verschwand am Freitag um 16 Uhr und kam erst um 20.30 Uhr zurück - offenbar ohne Begründung.

Rüde chinesische Diplomaten

"Es zeigt sich ein selbstbewusstes China", sagte Merkel in der Nacht zum Samstag vor ihrem Rückflug nach Berlin. Selbstbewusst war China allerdings schon lange. Chinesische Diplomaten galten in Berlin schon lange als eher rüde. Aber ihre manchmal harschen Interventionen beschränkten sich früher auf Themen wie die Ein-China-Politik und Tibet.

Je mächtiger sie wirtschaftlich wurden, umso mehr drängte der Westen China, sich auch für andere Themen mit verantwortlich zu fühlen. Auch Merkel versuchte in ihren Gesprächen mit Wen und Staatspräsident Hu Jintao immer wieder, Chinas Führung nicht nur beim Thema Klima von einer aktiveren Rolle zu überzeugen.

China hat das ernst genommen, aber nicht ganz so, wie sich das viele im Westen vorgestellt haben. Seit einigen Jahren nutzt China seine alten Kontakte zur rund 130 Staaten umfassenden Gruppe der G77, also der Entwicklungsländer, um weltweit Verbündete zu haben.

China sammelt Vasallen

Viele afrikanische Staaten hängen inzwischen an chinesischer Entwicklungshilfe. Europäische Diplomaten sind überzeugt, dass die harten Interventionen Sudans gegen die dänische Leitung der Klimakonferenz von China gesteuert wurden. China macht jetzt das, was die USA und die Sowjetunion in den 60er, 70er und 80er Jahren betrieben haben - Vasallen um sich sammeln.

Dabei ist China kein Entwicklungsland mehr. Bis das bevölkerungsreichste Land der Erde die USA als größte Wirtschaftsmacht überholt, wird es zwar noch viele Jahre dauern. Aber größter Umweltverschmutzer beim CO2 ist das Land schon, deshalb ist auch Klimapolitik ohne China unmöglich.

Als Exporteur liegen die Chinesen seit Jahren etwa gleichauf mit Deutschland. Die meisten weniger entwickelten Staaten haben auch im Klimaprozess längst andere Interessen als China. China ist seit Kopenhagen endgültig nicht nur Großmacht, sondern Weltmacht. Der Einfluss der restlichen Welt auf Weltmächte ist beschränkt, das haben die USA lange genug vorgemacht. Ausgerechnet jetzt, wo die USA unter Obama die multipolare Welt akzeptiert haben, tritt eine neue Weltmacht auf den Plan, die nach ihren eigenen Regeln spielen will.

FTD

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