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Nicolas Sarkozy: Der neue Napoleon für Frankreich

Als Hardliner ist er bekannt: Ehrgeizig, eitel und machtbesessen - Nicolas Sarkozy hat all seine Kontrahenten aus dem Weg geräumt. Jetzt wurde er in Paris vor 70.0000 Parteigenossen zum Präsidentschaftskandidaten der Konservativen gekürt.

Von Markus Rothe, Paris

Federnden Schritts tritt Nicolas Sakrozy ans Mikrofon, begrüsst mit Siegerlächeln die sich drängenden Journalisten: "Schön, dass sich so viele unter ihnen für Sicherheitsfragen interessieren!" Dann rattert der "erste Polizist Frankreichs" seine Erfolge runter: weniger Kriminalität, weniger Drogen, weniger Unfalltote - so lautet sein selbst zufriedenes Urteil. Die Pariser Banlieue, die vor über einem Jahr nicht zuletzt wegen seiner verbalen Ausfälle gegen das "Gesindel" in Flammen aufging, bleibt unerwähnt. Die Methoden und Resultate des Innenminister sind umstritten. Doch die Journalisten kamen letzten Donnerstag nicht ins Innenminsterium, um die Bilanz des Hardliners zu hören, sie wollten den Mann sehen, der nun mit aller Macht in den Elysée-Palast will.

Am Sonntag lies er sich in einem pompösen, fünf Millionen Euro teuren Spektakel vor 70.000 Parteimitgliedern der konservativen UMP zum Präsidentschaftskandidaten küren. Die 98-prozentige Zustimmung seiner "Union pour un mouvement populaire" (Union für eine Volksbewegung) ist der bisherige Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Hartnäckig hat er die gewichtigen Konkurrenten im eigenen Lager ausgeschaltet, die sich gegen seinen skrupellosen Machtwillen stemmten. Sowohl der frühere Chef der UMP, Alain Juppé, der jetzige Premier Dominique de Villepin, als auch die Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie mussten ihre Präsidentschaftsambitionen begraben. Unwahrscheinlich ist auch, dass der beim französischen Volk in Ungnade gefallene Chirac sich noch einmal zur Wahl stellt, um seinem einstigen Vertrauten und jetzigen Rivalen Sarkozy den Weg in den Elyséepalast zu versperren.

Trotz aller Hindernisse und Querschüsse ist Sarkozy im Laufe der Jahre zum populärsten Politiker seines rechten Lagers aufgestiegen. Vom höchsten Staatsamt träumt Sarkozy seit der Wiederwahl Chiracs zum Präsidenten im Jahr 2002 ganz öffentlich. "An die Präsidentschaft denke ich ich nicht nur, wenn ich mich morgens rasiere", gab er schon vor Jahren zur Protokoll. Sein blanker Ehrgeiz verblüffte. Sarkozys innerer Zwang, die Macht zu erobern, verfolgt nur ein Ziel: Der Erste zu sein.

Auf dem Weg dorthin muss er das Duell gegen die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal gewinnen. Obwohl Royal in einer Umfrage des "Journal du Dimanche" zur Zeit für den ersten Wahlgang am 22. April noch mit zwei Prozentpunkten vor Sarkozy liegt, gilt der jetzige Innenminister als Favorit.

Seilschaften mit einflussreichen Unternehmern

Denn "Sarko" - wie ihn Freund und Feinde nennen - hat sich in dreißig Jahren politischer Kämpfe auch ohne das Diplom der Eliteschule ENA in Paris das Zentrum der Macht erobert. Mittlerweile finden sich seine einflussreichen Seilschaften in der der Industrie, der Hochfinanz und den Medien. Freunde wie der Bau- und Fernseh-Tycoon Martin Bouygues, der Chef der Luxus-Gruppe LVMH Bernard Arnault, oder der Rüstungs- und Zeitschriften-König Arnaud Lagardère sorgen für die nötige finanzielle Rückendeckung und eine überwältigende Medienpräsenz.

Sarkozy, 1955 als Sohn eines ungarischen Aristokraten und einer griechisch-jüdischen Arztochter geboren, steht in Konkurrenz zu seinem älteren Bruder Guillaume. Früh fühlte er sich von seinem Vater vernachlässigt, der die Familie verließ und sich nicht für ihren Unterhalt verantwortlich fühlte. Von Anfang an musste er lernen, so seine Biographin Catherine Nay in "Un pouvoir nommé désir", dass ihm nichts geschenkt wird und dass er sich allein gegen alle durchsetzen muss. Anfang der Siebziger Jahre trägt er lange Haare, einen Schal und Jeans, aber mit den Ideen der 68er hat er nichts gemein. Sein erklärtes Vorbild ist der Gaullist Jacques Chirac.

Entschlossen, listig und ehrgeizig

"Er hat Jura nur studiert, um finanziell unabhängig zu sein und sich seiner Leidenschaft für die Politik zu widmen", erinnert sich sein Jugendfreund Jean-Marie Chausssonière. "Entschlossen, listig, ehrgeizig", so beschreiben ihn seine frühen Weggenossen. Schnell wird der Anwalt Sarkozy zum Jugendvertreter von Chiracs gaullistischer Partei RPR im Reichen-Vorort Neuilly. Dort bootet er den alten Platzhirsch Charles Pasqua aus und wird mit 28 Jahren durch einen Handstreich zu einem der jüngsten Bürgermeister Frankreichs. Auch innerhalb der Partei "Rassemblement pour la République" (RPR) macht der Emigrantensohn eine rasante Karriere.

"Sarko" ist Vertreter des Prinzips "Null Toleranz"

Die nationale Bühne betritt der enge Vertraute Chiracs 1993 als Haushaltsminister und Regierungssprecher des Premiers Edouard Balladur. Nachdem er Balladur im Wahlkampf unterstützt, schickt ihn der Gewinner Chirac in die Wüste. Erst 2002 holt ihn Chirac wieder in die Regierung Jean-Pierre Raffarins, wo er als Innenminister "Null Toleranz" predigt. Auch als Chirac den unbequemen Ehrgeizling mit dem "Superministerium" für Wirtschaft, Finanzen und Industrie aufreiben will, entgeht Sarkozy allen Fallstricken. Der Machtkampf Chirac-Sarkozy dominiert: Nach Chiracs Debakel beim französischen Nein zur Europäischen Verfassung zieht Sarkozy 2005 wieder ins Innenministerium ein. Seiner harten Linie in Sicherheitsfragen und Ausländerpolitik blieb er treu. Als der Populist tönte, den "Abschaum" in den Einwanderervierteln mit dem "Besen" säubern zu wollen, löste er Gewaltausbrüche in den Vororten und eine wochenlange Staatskrise aus. Bei einem grossen Teil der Jugendlichen wird er zur Hassfigur.

Opferte Privatleben beruflichen Interessen

Nachdem er sein Familienglück jahrelang in den Medien vermarktet hat, kam sein perfekt inszeniertes Privatleben ins Trudeln, als ihn seine zweite Frau und enge politische Mitarbeiterin Cécilia verlässt. Sarkozy wirkte reizbar, aggressiv und agierte keineswegs staatsmännisch. Den Chefredakteur Alain Genestar von "Paris-Match", der Fotos vom neuen Glück seiner Frau veröffentlichte, lies er feuern - ein Beispiel für Sarkozys skrupellose Machtgier.

Ein Jahr später kehrte Cécilia dann wieder zu ihm zurück. Rechtzeitig genug, um ihn bei seinem Endkampf um die Präsidentschaft zu unterstützen. Alles läuft jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Sozialistin Ségolène Royal hinaus. Aber mit Macho-Methoden gegenüber seiner weiblichen Gegnerin ist die Schlacht um die Gunst der Franzosen nicht zu gewinnen. Daher feilt Cécilia Sarkozy an einer hollywoodreifen Kommunikationstragie für ihren kleinwüchsigen "Napoleon".

"Sarko-Overdose" auf allen Kanälen

Der Personenkult erreicht bereits erschreckende Ausmasse: Sarkozy prangt diese Woche auf der Titelseite von vier der fünf großen französischen Nachrichtenmagazine, die Zeitungen widmen ihm bis zu zehnseitige Dossiers, über zwanzig Bücher wurden über ihn veröffentlicht und im Fernsehen ist kein Politiker öfter im Bild als er. In den letzten sechs Monaten, so die Boulevardzeitung "Le Parisien", wurde er dort zwei Stunden und 46 Minuten interviewt. Sogar die telegene Sozialistin Ségolène Royal zieht da den Kürzeren. Sarkozys mediale Übermacht ist erdrückend. Nicht nur seine politischen Konkurrenten wie der liberale Präsidentschaftskandidat François Bayrou protestieren gegen die "Sarko-Overdose".