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Nordirak: Gesteinigt, weil sie den Falschen liebte

Es waren die eigenen Cousins und Onkel, die ein 17-jähriges Mädchen im Nordirak zu Tode quälten. Sie hatte gegen die Regeln der frommen Jeziden verstoßen

Von Christoph Reuter

Mitten im Wahnsinn des Irak lag eine friedliche Insel: Bashiqa, eine kleine Stadt inmitten grüner Hügel, von Weitem erkennbar an ihren seltsamen Kuppeln, die wie versteinerte, riesige Zitronenpressen in den Himmel ragen. 25 Kilometer sind es von Bashiqa bis nach Mosul, der Horrormetropole des Nordens, die beherrscht wird von Al- Qaeda-Ablegern und konkurrierenden Milizen und zu der im Vergleich selbst Bagdad friedlicher erscheint. Doch Bashiqa blieb lange ruhig, und das lag an ihren Bewohnern: Zwei Drittel sind Jeziden, weder Christen noch Muslime, sondern Angehörige einer uralten Glaubensgemeinschaft, die Gottes Erzengel in Form eines Pfaus anbeten und das ewige Feuer verehren. Sie hielten sich fern von allen Kämpfen und schätzten ihre Nachbarn. Neben den gefalteten Kuppeln ihrer Tempel stehen die Kirchen der christlichen Gemeinde und die Moscheen der Muslime. Nach Bashiqa kamen die Menschen aus Mosul zum Picknicken, so friedlich war es hier. Bis zum 7. April.

Bis ein entfesselter Mob die schreckensstarre 17-jährige Dua Khalil Aswad zu Boden zerrte, schlug, trat, ihren Rock hochzerrte, sie erst mit Steinen bewarf und ihr schließlich mit kiloschweren Kalksandsteinziegeln den Schädel zertrümmerte. Vor Hunderten johlender Zuschauer, die den inneren Kreis der Mörder anfeuerten. Die ihre Handys aufs Geschehen hielten, filmten und fotografierten. Es waren keine Fremden. Es waren Jeziden, Duas Cousins und Onkel, die sie auf eine solch barbarische Weise ermordeten, wie es selbst im Irak zuvor noch nicht bekannt geworden war.

Das Vergehen des Mädchens: Sie hatte sich in den Falschen verliebt und alles richtig machen wollen. Die 17-jährige Schülerin der Kunstschule liebte einen muslimischen Nachbarn, Muhannad, der einen kleinen Kosmetikladen besaß und nach der Schule immer auf sie wartete. Ihre Eltern wussten davon, beteuert Khalid Rasul, ein Nachbar, und sie seien nicht glücklich gewesen. Denn so sehr sich die Jeziden aus allen Glaubens- und Machtkämpfen ihrer großen Nachbarn heraushalten, so sehr wollen sie auch für sich bleiben. Kein Jezide darf zum Islam konvertieren oder einen Muslim, eine Muslimin heiraten. Dua aber liebte Muhannad. Und schlug ihm vor, gemeinsam zu fliehen. So zumindest machen es Jeziden, deren Eltern die Erlaubnis zur Heirat verweigern. Meist dürfen sie nach einer Weile zurückkehren, und ihnen wird vergeben. Dua wollte fliehen. Muhannad aber wollte seinerseits nur eine Muslimin heiraten. Es müsse doch alles seine Ordnung haben.

Ob Dua wirklich konvertierte, ist unklar. Es genügte das Gerücht, um die Verwandtschaft gegen sie aufzubringen. Dua und Muhannad flüchteten zur Polizei, die Dua nach drei Tagen dem Geistlichen Sleman Sivo übergab - sie hätten schlicht keine Zellen für Frauen. Vier Tage blieb sie dort, ihre Eltern flehten Sivo an, sie an niemanden auszuliefern. Aus gutem Grund: Monate zuvor war bereits ein anderes in einen Muslim verliebtes Jeziden-Mädchen zum Islam konvertiert und hatte heimlich den halben Koran auswendig gelernt. Sie wurde von Verwandten mit einem Kopfschuss getötet, einer jener euphemistisch "Ehrentötungen" getauften Morde. Niemand sprach, niemand schrieb darüber. Aber jeder wusste, was einem Mädchen geschehen kann, das die "Ehre" verletzt.

Am fünften Tag von Duas Asyl kam eine Delegation ihrer Onkel zu Sivo: Die Familie habe ihr vergeben, sie möge herauskommen. "Sie hat denen wirklich geglaubt", sagt Mustafa Muslim, ein Gemüsehändler, der die Steinigung beobachtete. "Dabei lief sie direkt in den Tod." In schwarzem Rock und roter Jacke kam sie die Stufen herunter, als sie auch schon von einem Dutzend ihrer Cousins umringt war, die sie an den Haaren zu Boden rissen, traten, schlugen und zu steinigen begannen. "Der Einzige, der ihr verzweifelt zu helfen versuchte, war ihr Vater", erinnert sich Muslim, "sie schrie um Hilfe, und er versuchte, zu ihr zu kommen. Aber die anderen haben ihn einfach abgedrängt. Sie hatte keine Chance."

Etwas verwackelt, aber minutenlang sind die Videoaufnahmen aus der Menge: wie Dua erst noch versucht, wenigstens ihren Kopf zu schützen, wie sie schließlich aufhört, sich zu bewegen, wie das Blut eine wachsende Lache formt und die Menge skandiert. Auch Soldaten der kurdischen Miliz, die ihr Einflussgebiet nach Bashiqa ausgedehnt hat, stehen reglos dabei. So hat es ein weiterer Augenzeuge beobachtet, Samir Juma, ein Lehrer.

Ihre Mörder schleppten die tote Dua zu einer Müllkippe, verscharrten sie dort zum Zeichen, dass sie nicht mehr wert sei als Unrat. Vielleicht wäre sie vergessen worden wie das andere Mädchen, hätten die stolzen Mörder und Zuschauer ihre Videoclips nicht übers Internet geschickt und vervielfältigt. Woraufhin eine Welle des Mordens losbrach, die bis heute andauert: Am 22. April hielten Maskierte, mutmaßlich radikale Islamisten, einen Bus mit Textilarbeitern aus Mosul an und zwangen alle Passagiere auszusteigen. Den Muslimen und Christen geschah nichts, alle 23 Jeziden wurden erschossen. Drei Tage später traf es einen jezidischen Bäcker und drei seiner Gehilfen, am 29. April starben zwei Polizisten, am 18. Mai wurden drei Jeziden aus dem Ort Shangar getötet. In Mosul, aber auch in den kurdischen Städten, Arbil, Sulaimanija und Dahuk, wurden Jeziden bedroht und vertrieben. Vor dem Hotel "Mergasur" in Arbil wollte eine wütende Menge dessen jezidische Angestellte lynchen.

Als hätte jemand ein brennendes Streichholz in eine Benzinlache fallen lassen, hat die barbarische Tat den latenten Hass der Völkerschaften entfesselt. Bashiqa und die anderen jezidischen Gemeinden liegen in einem Areal, über dessen künftigen Verbleib laut Artikel 140 der irakischen Verfassung Ende 2007 ein Referendum entscheiden soll: Bleiben sie im Irak? Oder werden sie dem sich langsam loslösenden kurdischen Autonomiegebiet zugeschlagen? In dieser Atmosphäre der Verdächtigungen und Verschwörungstheorien, der Machtkämpfe und Mordkomplotte vermutet jeder eine Ranküne seiner Feinde hinter dem Mord, und von der Neutralität der Jeziden ist nichts geblieben. "Das war alles nur inszeniert, damit wir uns aus Angst vor den Muslimen den Kurden anschließen", ist sich Assim Khalil sicher, ein Jezide. Ein kurdischer Lokalpolitiker, Ghayyath Soorchi, wiederum meint, dass "Saddams Baath-Partei-Anhänger und Aufständische" die Urheber der Steinigung Steinigung seien, und offeriert eine eigenwillige Begründung: "Warum sonst wurde sie nicht einfach erschossen?" Andere beschwören, dass die irakischen Kommunisten dahintersteckten, ohne irgendein Motiv dafür liefern zu können, außer dass einer von Duas Onkeln bei der KP ist.

Während jeder jeden verdächtigt, haben die Anhänger des al-Qaeda-nahen "Islamischen Staates Irak" in Mosul Flugblätter aufgehängt: Sie versprechen jedem Jeziden Schutz, der zum Islam konvertiert. Und jedem den Tod, der nicht konvertiert. Bashiqa, der einst friedliche Ort, ist abgeriegelt von kurdischen Milizen, die Anschläge der Islamisten verhindern sollen. Die Familie von Duas Bräutigam ist unterdessen nach Mosul geflohen, der Verbleib von Muhannad selbst ist unklar. Es ist nicht der Tod des Mädchens, der die meisten bekümmert - sondern ein Detail, das in der Atmosphäre des Wahns schwerer wiegt als ein Menschenleben: Wurde Dua gesteinigt, weil sie zum Islam konvertierte, wie es radikale Muslime behaupten und zur Rechtfertigung ihrer Mordkampagne nutzen? Oder wurde sie gesteinigt, weil ihr muslimischer Freund ihr die Jungfräulichkeit genommen hatte? Damit rechtfertigt Duas mörderische Verwandtschaft die Tat und verlangt - bislang erfolglos - die Freilassung von vier Festgenommenen.

So wichtig war diese Frage, dass die kurdischen Behörden drei Wochen nach Duas Tod am 28. April ihre Leiche exhumierten, um ihre Jungfräulichkeit zu überprüfen. Sie war, so der offizielle Bericht der Gerichtsmedizin in Dahuk, unberührt. Duas Vater Khalil Aswad, der seine Tochter vergebens zu schützen versuchte und nach dem Mord ausgrub, um sie wenigstens im Familiengrab zu bestatten, hat sie so ein weiteres Mal beerdigen müssen. Versteinert vor Schmerz und Zorn sagt er nur: "Ich war immer dagegen, dass sie getötet wird! Ich will Vergeltung für meine Tochter für das, was ihr angetan wurde!" Doch viele sind nicht auf seiner Seite. Zwar hat Mir Tahsin Beg, das Oberhaupt der Jeziden im Irak, den Mord als "barbarisch" verurteilt. Aber viele Jeziden in Bashiqa verwünschen Duas Cousins - nicht fürs Töten an sich, sondern nur für die allzu demonstrative Art und Weise: "Warum haben die sie nicht einfach erschossen, heimlich umgebracht? Dann wäre nichts weiter passiert."

Mitarbeit: Cornelia Fuchs / print