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Osthoff-Entführung: Der Verräter war ihr Fahrer

Wer hat sie verraten? Wie wurde sie entführt? Woher kannte sie den Mann, der ihr zum Verhängnis wurde? Die Vorgeschichte von Susanne Osthoffs Entführung ist eine schillernde Kombination von verratenen Verrätern, aufrechten Idealisten, deutschen Verbindungen und irakischen Knastfreundschaften, von Wohnungsnot und Geldgier.

Von Christoph Reuter

Die Geschichte beginnt in einer Gefängniszelle in Bagdad in den neunziger Jahren. Dort treffen sich zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Ibrahim al-Basri, jahrelang Saddam Husseins Leibarzt, hochgebildet, in Leipzig promoviert, prominent als Künstler und Schriftsteller - und Dschamal al-Duleimi, ein Geheimdienstoffizier und Scheich aus der unbedeutenden Stadt Falludscha, der keine Fremdsprache spricht, nie im Ausland war, aber alle Regeln und Riten der Stämme und Clans kennt.

Ibrahim al-Basri plante Saddams Sturz

Basri ist fast die ganzen siebziger Jahre Leibarzt des seit 1979 offiziell amtierenden Diktators gewesen und hat es wagen dürfen, dessen später größenwahnsinnigen Sohn Uday noch als Elfjährigem eine Ohrfeige zu geben. 1980 scheidet er auf eigenen Wunsch aus, nach Saddams Überfall auf den Iran mag er nicht weiter dessen Arzt sein. Er eröffnet sein eigenes Theater, hat eine eigene Fernsehsendung, und langsam wächst sein Hass auf Saddam.

Basri plant, zusammen mit anderen, dessen Sturz, wird abgehört und 1990 verhaftet. Als erklärter Feind des Präsidenten würden andere es nicht mal lebend bis ins Gerichtsgebäude schaffen. Vielleicht ist es ein Anflug von Sentimentalität Saddams, vielleicht die Erinnerung daran, dass kaum jemand seinen ewig schmerzenden Rücken so geschickt behandelt hat wie Basri. Auf jeden Fall lässt Saddam ihn leben - obwohl die beflissenen Richter ihn gleich zweimal zum Tode verurteilen.

Dschamal al-Duleimi bespitzelte alle Ausländer

Dschamal al-Duleimi dagegen ist ein mittelgroßes Rädchen in der Maschinerie sich gegenseitig bespitzelnder Geheimdienste. Viele von den Duleimis, einem der großen sunnitischen Stämme des Irak, der nicht zum engsten Machtzirkel um Saddam gehört, schaffen es bis in den mittleren Rängen der Armee und vor allem der Geheimdienste. Dschamal al-Duleimi ist als Offizier des Muchabarat, des allgemeinen Geheimdienstes, verantwortlich für die Bespitzelung der Ausländer im Großraum Bagdad. Dass der eher schmächtige Mittvierziger keine Fremdsprache spricht, scheint kein Hindernis gewesen zu sein. Dass er sich allerdings irgendwann in den neunziger Jahren mit einem vorgesetzten General anlegt, bringt seine Karriere - Duleimi hin oder her - zum Absturz. Erst wird er degradiert, dann ins Gefängnis geworfen.

Dort werden er und Basri Freunde - auch über ihre Gefängniszeit hinaus. Scheich Dschamal zieht nach seiner Freilassung nach Falludscha zurück, Basri kommt erst im Oktober 2002 anlässlich von Saddams Generalamnestie frei. Ein Geheimdienstoffizier warnt ihn, er solle ermordet werden, so flieht er in die kurdische Autonomie-Zone im Nordirak. Nach dem Krieg gründet der 62-jährige die "Vereinigung zur humanitären Hilfe für die Opfer des Saddam-Regimes", die bald mehr als 25.000 Mitglieder zählt, wird Mitglied des neu gegründeten "deutsch-irakischen Clubs" und kandidiert im Januar 2005 vergeblich fürs Parlament.

Osthoff war auf Wohnungssuche

Um auch in Bagdad eine Bleibe zu haben, hat Dschamal al-Duleimi sich eine der nach dem Krieg freigewordenen Wohnungen in den Neubaublocks der ehemaligen Palastangestellten nahe der "Green Zone" zwischen Raschid-Hotel und dem ehemaligen Informationsministerium genommen. Beim Fest zur deutschen Einheit am 3. Oktober 2005 in der deutschen Botschaft knüpft Susanne Osthoff den Kontakt zu Ibrahim al-Basri. Sie hat sich gerade mit ihren vorherigen Vermietern überworfen und sucht ein Quartier. Stets knapp bei Kasse, hilft ihr Basri: der sich erinnert, dass Scheich Dschamal in seiner neuen Stadtwohnung in Bagdad noch ein Zimmer frei habe.

Sonderlich komfortabel ist das neue Quartier nicht. Direkt vor Osthoffs Zimmer steht der Generator, dessen Diesel-Gestank ihr schwere Kopfschmerzen einträgt. Außerdem hat Scheich Dschamals Frau einen eigenwilligen Eigentumsbegriff und durchwühlt bei jeder Abwesenheit ihr Gepäck. Nach Tagen fehlen ein Paar goldene Ohrringe und ein Lippenstift.

Unter dem Schutz der Gastfreundschaft

Andererseits ist es nicht schlecht für Susanne Osthoff, bei einem Scheich zu wohnen - steht sie so doch unter dem Schutz seiner Gastfreundschaft. Das ist nicht wenig. Wie viel Macht der schmächtige Mann besitzt, haben andere ausländische Freunde vor ihr erfahren: Mit einem von ihnen ist er 2004 mitten durch Falludscha gefahren während der Aufstände in der Radikalen-Hochburg; unbehelligt und ehrerbietig gegrüßt von Männern, denen man als Westler sonst tunlichst nicht begegnen sollte.

Zwar zieht Susanne Osthoff bereits Mitte Oktober bei Scheich Dschamal wieder aus, um weiteren Kopfschmerzen und dem Schwund ihres letzten Schmucks vorzubeugen - aber wenn sie einen Fahrer für die Strecke nach Norden braucht, ruft sie ihn trotzdem an. Er klärt vorher, welche Route sicher sei und besorgt einen vertrauenswürdigen Fahrer. Dass diese Fahrer vor allem deshalb heil durch die Gebiete der Aufständischen kommen, weil sie eher auf deren Seite stehen, stellt erstmal keine Gefahr dar - solange sie sich ans gegebene Wort gegenüber dem Scheich gebunden fühlen: "Ala eyni", bei meinem Auge, versprechen sie, ihre deutsche Fracht heil im Norden abzuliefern.

Chauffeur fuhr direkt zu den Kidnappern

Ein paar Mal geht das gut - bis zum 25. November. Wie der stern (Nr.50) berichtete, hatte Susanne Osthoff von der Botschaft einen Zuschuss für die Restaurierung des 200 Jahre alten Stadtpalastes in Mosul erhalten. Am Morgen des 25. November, noch vor der Abfahrt gen Norden, bringt sie den Großteil des Geldes auf die Bank. Wie die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, tut sie dies in Begleitung eines Mannes der örtlichen BND-Vertretung, der als Wachmann und Fahrer fungiert und dem sie, eine kluge Vorsichtsmaßnahme, Name und Kfz-Kennzeichen jenes Taxifahrers Chalid al-Schimani diktiert, mit dem sie nach Erbil aufbricht.

Laut FAZ steuert der Fahrer noch am Rande Bagdads eine Tankstelle an und biegt kurze Zeit später von der Hauptstraße in eine Seitenstraße ab, wo er anhält und Bewaffnete ihr Opfer aus dem Wagen zerren. Schon vorher war Schimani, so einer der deutschen Vernehmer, nach Angaben Osthoffs auffällig langsam gefahren. Schimani und Osthoff seien nur in den ersten beiden Tagen in einem Verließ untergebracht worden. Danach wechselte sie allein mehrere Mal von Versteck zu Versteck - und wurde, so ihre Schilderung, an andere Bewacher, vielleicht sogar an eine andere Gruppierung weitergereicht.

Der Scheich wollte vermitteln

Scheich Dschamal al-Duleimi meldet sich nach ihrer Entführung zwar bei der Botschaft und bietet an zu vermitteln - aber nachdem die Diplomaten seine Geldforderung ablehnen, verstummt er nicht nur, sondern taucht komplett ab und geht auch nicht mehr ans Telefon. Aber hat er Susanne Osthoff verraten? Oder ist er selbst verraten worden vom Fahrer Chalid al-Schimani? Zumindest einmal zuvor hat er einen anderen Fahrer vermittelt: den schwer beleibten Nadschem Dschuburi, den er ihr als seinen persönlichen Fahrer vorstellt. Der aus der Aufständischen-Hochburg Hawidscha stammt und vor dem die irakischen Soldaten an den Check-Points mehr Angst zu haben scheinen, als er vor ihnen hat.

Schimani dagegen stammt aus der Umgebung von Mosul im Norden, schon nahe an der Grenze zum Kurdengebiet, und gehört nicht zu Dschamals engerer Verwandtschaft. Sollte er das Ganze eingefädelt haben, hätte er zumindest genügend Zeit dafür gehabt: Susanne Osthoff hatte ihn entgegen der üblichen Vorsichtsregel nicht erst kurz vor Abfahrt bestellt, sondern bereits am Vortag. Vermittelt jedenfalls hat ihn Scheich Dschamal, niemand sonst.

Auch al-Basri wurde verschleppt

Nach stern-Informationen äußert einer der irakischen Vermittler, ebenfalls ein prominenter Mann aus dem Duleimi-Stamm, frühzeitig nach ihrer Entführung den Verdacht, Scheich Dschamal habe damit zu tun. Zumindest gibt es eine merkwürdige Koinzidenz: Eine Woche vor Susanne Osthoffs Verschwinden ist Dschamals alter Freund Ibrahim al-Basri verschleppt worden. Zusammen mit anderen Scheichs und Politikern, hatte er vor eine Unterstützer-Plattform für Eyad Allawi zu bilden, den ersten Nachkriegspremier. Auf dem Weg zum Treffen wurden Basri und mindestens drei Mitstreiter verschleppt. Es gab Lebenszeichen, einer seiner Söhne übergab mehrere Zehntausend US-Dollar Lösegeld, doch seither kam nicht einmal mehr ein Lebenszeichen.

Dass Susanne Osthoff freigekommen ist, sei, so die FAZ, wesentlich den Vermittlungsbemühungen jenes deutsch-irakischen Clubs zu verdanken, dem auch Basri angehört. Nachdem der deutsche Botschafter in Bagdad, Bernd Erbel, den Aufbau des Clubs nachhaltig unterstützt und ihm u.a. Räume im ehemaligen Botschaftsgebäude im Viertel Masbah überlassen hat, revanchierten sich die rund 70 Mitglieder mit ihren exzellenten Verbindungen vor allem zu den vielfältigen Clans des Duleimi-Stammes, unter denen sich auch die Entführer befunden haben sollen.

Scheich und Fahrer wie vom Erdboden verschluckt

Zur Freilassung kam es erst, wie der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, nachdem deutsche Diplomaten die Authentizität der Entführer klären konnten: Dazu gaben sie dem Vermittler einen Katalog persönlicher Fragen mit, deren korrekte Antworten nur Susanne Osthoff kannte. Abdel-Halim al-Hadschadsch, der Vorsitzende des "deutsch-irakischen Clubs", und ein Duleimi-Scheich brachten sie am vergangenen Sonntag zur Botschaft. Über Modalitäten einer Lösegeldzahlung ist nichts bekannt.

Während Osthoff sich mittlerweile an einem unbekannten Ort in der Region mit ihrer Tochter aufhält und vom Trauma der Geiselhaft erholt, sind der Fahrer Chalid al-Schimani sowie Scheich Dschamal al-Duleimi weiterhin wie vom Erdboden verschluckt. Letzterer soll sich entweder nach Falludscha abgesetzt haben oder, was wahrscheinlicher ist, nach Damaskus.