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Entführung: BND missbrauchte Osthoff als Lockvogel

Am Abend vor ihrer Entführung entstand ein Foto, das Susanne Osthoffs mutmaßlichen Entführer mit zwei BND-Mitarbeitern zeigt. Offenbar benutzten die Agenten Osthoff, um Kontakt herzustellen zum Scheich Dschamal al-Duleimi - einem Fadenzieher des irakischen Widerstandes.

Die Tür ist mit auffälligen Intarsien verziert. Davor hat sich eine Dreiergruppe zum Erinnerungsfoto aufgebaut. Der Scheich lächelt milde, die beiden Männer an seiner Seite, zwei Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, strahlen gute Laune aus. Das Foto sorgte für Verwirrung, denn der orientalisch gekleidete Herr ist Scheich Jamal al Duleimi, ein irakischer Stammesführer, gegen den die Bundesanwaltschaft als Beschuldigten ermittelt.

Treffen zum Bayerisch reden und Knödel essen

In einem Interview konfrontierte der stern Susanne Osthoff mit dem Foto. Als "Mitarbeiter der Handelsvertretung" hätten sich die BND-Mitarbeiter bei ihr vorgestellt. Sie verabredeten sich zum "Bayerisch reden und Knödel essen". Auf ihren Bagdad-Reisen übernachtete Osthoff bis dahin bei Scheich Dschamal al-Dulei, der ihr von einem befreundeten Geschäftsmann als vertrauenswürdig empfohlen worden war. Doch die nächtlichen Besuche im Hause des Scheichs seien ihr zunehmend suspekt gewesen: "Der Scheich spielte offenbar eine Rolle im Widerstand", so Osthoff im stern-Interview. Daher habe sie das Angebot der beiden Deutschen, in der ehemaligen Residenz des deutschen Botschafters zu übernachten, angenommen.

Über Susanne Osthoff gelang es den beiden BND-Mitarbeitern, Kontakt zum Scheich herzustellen. "Sie begleiteten mich zu Dschamal al-Duleimi, um meine Sachen abzuholen", sagt Osthoff. "Sie wollten immer wissen, wie es denn um die Bewaffnung der Aufständischen bestellt sei, wie ihre Taktik aussehe." Beinahe hätte der Scheich den BND-Mitarbeitern sogar seinen Einfluss bewiesen und ein Maschinengewehr in die Residenz geschmuggelt. Wenig später verliehen die Mitarbeiter dem Scheich laut Osthoff den Titel "Chief Security Adviser" und stellten ihm einen entsprechenden Ausweis aus.

Osthoff übersetzte bei Treffen

Osthoff kam bei den Treffen die Aufgabe einer Übersetzerin zu. "Ich fühlte mich den Männern verpflichtet, sie hatten mich aufgenommen". Die Gefährdung Osthoffs nahmen die BND-Mitarbeiter in Kauf. "Der Scheich dürfte vermutet haben, dass ich für den Geheimdienst arbeite". Er habe sie gegen Geld an Leute im Widerstand verraten, als sie am 25. November 2005 ein letztes Mal die Chauffeurdienste des Scheichs in Anspruch nehmen wollte, um rechtzeitig in den Nordirak zum Flugzeug zu gelangen, mit dem sie zum Geburtstag ihrer Tochter nach Bayern fliegen wollte.

"Ausgerechnet so einem haben die BNDler einen Ausweis ausgestellt. Das ist ziemlich dilettantisch", sagt Osthoff. Der Scheich zählte in den bangen Tagen zunächst zum Kreis der Mittelsmänner, mit deren Hilfe die Deutschen Kontakt zu den Geiselnehmern aufzunehmen versuchten. Später war er sogar einer der drei Verbindungsmänner, denen die Behörden zutrauten, Informationen zu übermitteln und Lösegeldverhandlungen einzuleiten.

Offenbar aber erwies sich al Duleimi als wenig hilfreich und tauchte unter, als Susanne Osthoff am 18. Dezember 2005 gegen Zahlung eines hohen Lösegelds freikam. Der Scheich gilt bis heute als verschwunden. Seit Ende März 2006 führt ihn die Bundesanwaltschaft in den Akten als Beschuldigten. Aber auch die Rolle des Bundesnachrichtendienstes bei der Entführung erscheint in einem neuen Licht.