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EU-Austritt Großbritannien: Wie der Brexit alte Dämonen in Nordirland wachruft

Attentate, Morde, Entführungen, dazu eine Militärpräsenz wie in einem besetzten Land: Das war Nordirland bis vor 20 Jahren. Die Wunden sind längst nicht verheilt. Und der Brexit droht sie wieder aufzureißen.

Geteilte Stadt: Londonderry oder Derry in Nordirland

"Free Derry Corner" in einer immer noch geteilten Stadt: Wer Londonderry sagt, ist pro-britisch und protestantisch, wer Derry sagt, outet sich als irisch-republikanisch und katholisch. Der Nordirland-Konflikt ist befriedet, der Brexit könnte ihn neu entflammen.

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Wer wissen will, warum die Grenze zwischen Nordirland und Irland ein schier unlösbares Problem bei den Brexit-Verhandlungen zu sein scheint, der könnte sich mal wieder den großen Hit von U2 anhören. In "Sunday Bloody Sunday" geht es um ein historisches Ereignis, den sogenannten Blutsonntag im nordirischen Londonderry (oder Derry, wie die katholisch-irischen Republikaner sagen). Damals, am 13. Januar 1972, eskalierten Demonstrationen für Bürgerrrechte und gegen eine Internierungswelle unter Katholiken. Britische Soldaten, die zu dieser Zeit die Zugehörigkeit von "Ulster", so der irische Name der nördlichen Provinz, sicherten, erschossen 13 Menschen - allesamt unbewaffnet, wie sich zeigte.

Der schon seit 1969 hochkochende Nordirlandkonflikt eskalierte. Bis zum Karfreitagsabkommen 1998 wurden rund 3500 Todesopfer gezählt. Paramilitärische Gruppen - vor allem die IRA, die UDA und die UVF - trieben ihr Unwesen. Attentate, Morde, Unruhen waren an der Tagesordnung. Schüsse am hellichten Tag hielten die Nordiren nicht von ihren Alltagsgeschäften ab. Erst abends ereilte so manchen die Nachricht, dass ein Freund oder Verwandter getötet wurde. Das alles wurde mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 weitgehend befriedet. Vergessen ist aber nichts. Londonderry ist nicht nur sprachlich weiterhin eine geteilte Stadt - so wie auch die Hauptstadt Belfast und andere nordirische Städte. Nach wie vor gibt es rein katholische und rein protestantische Viertel; getrennt durch hohe Zäune und Mauern; die sogenannten Friedensmauern.

Nordirland: Neue Abstimmung über eine Wiedervereinigung?

Wenn die Menschen auf der irischen Insel nun die Angst haben, dass das alles wieder eskaliert, dann ist das kein Hirngespinst. Die Zugehörigkeit sowohl Irlands als auch Großbritanniens zur EU hat durchaus dabei geholfen, dass es in den vergangenen 20 Jahren weitgehend ruhig geblieben ist in Ulster. Denn durch die EU wurde faktisch die Teilung Irlands aufgehoben. Überquert man zur Zeit die mit der Unabhängigkeit Irlands 1921 manifestierte Grenze zum britischen Nordirland, erinnert vor allem eine Roaming-SMS daran, dass man in einen anderen Staat wechselt. Zu Zeiten des Nordirlandkonflikts brauchte man dafür in der Regel zwei Stunden. Die Grenze war hermetisch abgeriegelt, überall bewaffnete Wachen und Durchsuchungen waren der Normalfall. Sollte es nun wieder eine echte Grenze geben, wäre das nicht nur wirtschaftlich fatal, sondern auch politisch.

Denn das Karfreitagsabkommen beinhaltet durchaus Sprengstoff. Zwar wird Nordiren zugestanden, dass sie zum britischen auch einen irischen Pass beantragen können. Zudem verzichtet die Republik Irland darin auf die Forderung einer Wiedervereinigung. Doch das Abkommen beinhaltet auch die Möglichkeit, dass die irische Wiedervereinigung nicht ausgeschlossen ist, sollte sich eine Mehrheit der Nordiren dafür aussprechen. Dass Brexit-Referendum lieferte da Wasser auf die Mühlen, denn 55,8 Prozent der Nordiren stimmten für einen Verbleib in der EU - und damit auch für eine Zusammengehörigkeit mit EU-Mitglied Irland. Vertreter der Parteien Fianna Fáil und Sinn Féin brachten prompt die Möglichkeit eines neuen Vereinigungs-Referendum ins Gespräch. Seither gärt dieser Gedanke offenbar wieder in den katholisch-republikanischen Milieus.

Blood Sunday Januar 1972

Blutsonntag, 30. Januar 1972: Bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen eine Inhaftierungswelle vornehmlich gegen Katholiken in Londonderry erschießen britische Soldaten 13 unbewaffnete Demonstranten. Der Nordirlandkonflikt eskaliert.

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Ein nicht zu lösender Konflikt

Ob die Mehrheit gegen den Brexit in Nordirland auch eine Mehrheit für eine irische Wiedervereinigung wäre, ist allerdings fraglich. Bisherige Referenden scheiterten meist an einer pro-britischen protestantischen Mehrheit. Diese Unionisten hätten sicherlich auch nicht viel dafür übrig, wenn eine Zollgrenze zwischen EU und der irischen Insel eingerichtet würde, um eine EU-Außengrenze auf der irischen Insel zu vermeiden. Diese Linie in der irischen See würde Irland quasi zumindest zu einer Zoll-Union machen und das ohnehin geographisch abgekoppelte Nordirland noch mehr vom Vereinigten Königreich entfernen. Das kann nicht im Interesse Großbritanniens sein - zumal die nordirische Democratic Unionist Party (DUP), die die Minderheitsregierung von Premierministerin Theresa May stützt, davon nichts wissen will.

So scheint dieser Konflikt praktisch nicht lösbar. Jede Entscheidung beinhaltet die Gefahr, dass sie gewalttätige Auseinandersetzungen in Nordirland auslöst. Wie fragil die Ruhe in Ulster ist, zeigt sich alljährlich am 12. Juli, wenn der historische, radikal-protestantische Oranier-Orden mit dem Oranier-Marsch den Sieg des protestantischen Wilhelm III. in der Schlacht von Boyne über den katholischen Stuart-König Jakob II. und sein irisch-katholisches Heer feiert. Die Oranier ziehen bewusst provozierend auch durch katholische Viertel. Regelmäßig löst dies schwere Unruhen aus, in diesem Jahr dauerten sie in Derry tagelang an. Die Schlacht von Boyne wurde 1690 geschlagen; also vor jetzt 328 Jahren. Was sind dagegen 20 Jahre relativer Ruhe? Brexeteers mögen es nicht gerne hören, doch der beste Garant für einen weitgehenden Frieden in Nordirland war zuletzt die Zugehörigkeit zur EU.