NORDIRLAND Die IRA streckt ihre Waffen


Von einem »historischen Schritt« sprechen die britischen Medien. Die republikanische Terrororganisation Nordirlands, die IRA, beugt sich dem scheinbar Unvermeidbaren: Sie hat mit der Abgabe ihrer Waffen begonnen.

Die republikanische Terrororganisation Nordirlands, die IRA, beugt sich dem Unvermeidbaren. Am Dienstagabend erklärte sie, ihre Entwaffnung eingeleitet zu haben, »um den Friedensprozess zu retten und andere von unseren ehrlichen Absichten zu überzeugen«. Die britischen Medien sprachen von einem »historischen Schritt«.

Mit seiner Aufforderung, eine »bahnbrechende Bewegung« in der umstrittenen Frage der Entwaffnung zu vollziehen, hatte Gerry Adams, Präsident der republikanischen Sinn-Fein-Partei, am Montag einen sorgfältig ausgetüftelten Zeitplan in Gang gesetzt. Ziel ist es, die pro-britischen Protestanten und vor allem die wichtige Ulster Unionist Party (UUP) von David Trimble dazu zu bewegen, bis Donnerstag zur Geisterstunde in die gemeinsame nordirische Regionalregierung zurückzukehren. Damit wäre der drohende Zusammenbruch des gesamten 1998 eingeleiteten Friedensprozesses abgewendet.

Während Adams, dessen Sinn Fein als politischer Arm der IRA gilt, in Belfast die treuesten Republikaner beschwor, jetzt in kameradschaftlichem Geist zusammenzustehen und die Reihen geschlossen zu halten, sprach sein Vertreter Martin McGuinness in New York vor der Presse in fast gleichem Tonfall. Schon das macht den Hintergrund für das Einlenken der Republikaner in der Waffenfrage deutlich, über dessen genaues Ausmaß zunächst nur spekuliert wurde.

Zwei Ereignisse haben Sinn Fein und die IRA, die so genau nicht auseinander gehalten werden können, zur »bahnbrechenden Bewegung« gezwungen. Erstens sind vor einem Monat drei IRA-Mitglieder, von denen einer der Sinn-Fein-Vertreter in Havanna (Kuba) war, in Kolumbien nach einem Aufenthalt bei den linken FARC-Rebellen festgenommen worden.

Das hat in den USA böses Blut gemacht - und die USA sind für die irischen Republikaner sehr wichtig: Von dort kommt der größte Teil der Spenden für die republikanische Bewegung, von dort gibt es auch Sympathie jeder US-Regierung, die die irisch-stämmigen Amerikaner als Wähler schätzt. Und die linken Rebellen sind Hauptlieferanten für Rauschgift in die USA. Erst am Montag gab Adams auch zu, dass seine Partei einen Mann in Havanna hatte.

»Ich warte in Ruhe ab«

Zweitens haben die Terrorangriffe auf die USA vom 11. September all jene, die mit Terror in Verbindung gebracht, in eine noch schwierigere politische Lage gebracht. Nicht nur, aber ganz besonders in den USA. IRA-Veteran McGuinness musste in New York wieder einmal nicht lächeln, als er gefragt wurde, ob denn die IRA wohl positiv auf Adams? Aufforderung reagieren werde. »Ich warte in Ruhe ab, was die IRA entscheidet«, sagte er.

Dabei gilt als sicher, dass er eines von sieben Mitgliedern des »Armee-Rates« der IRA ist, des obersten Kommandogremiums. Möglicherweise gehört auch Adams dazu - offiziell bestreiten beide Männer energisch, auch nur IRA-Mitglieder zu sein: Sonst wären sie keine politischen Gesprächspartner mehr für London.

Während auf der einen Seite der Druck auf die Republikaner wuchs - in London hält es niemand für einen Zufall, dass die Ankündigung am Vorabend eines Treffens von McGuinness mit dem US-Sonderbeauftragten Richard Haass kam - sendete auf der anderen Seite die britische Regierung lautstarke Signale aus, dass ein Einlenken gebührend belohnt würde. Nordirland-Minister John Reid verkündete die Bereitschaft, »auf der so geschaffenen Dynamik aufzubauen«, und beteuerte, London werde »nicht undankbar« sein.

Und Adams sah, dass seinem protestantischen Gesprächspartner David Trimble, dem Friedensnobelpreisträger, angesichts der republikanischen Hartleibigkeit das pro-britische Lage zu entgleiten drohte. Derzeit geht Gewalt vorwiegend von radikalisierten Protestanten aus.

»Strategisches Denken«

Das von Adams in Belfast propagierte »strategische Denken« bedeutet in schlichten Worten: Die Republikaner haben größeres Interesse an der Aufrechterhaltung der Regionalregierung unter Trimbles Führung und dem Fortgang des Friedensprozesses als am Festhalten an allen Waffen aus Angst davor, dies könne als Kapitulation verstanden werden.

Dieter Ebeling


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