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Befragung von Human Rights Watch: Frauen aus Nordkorea berichten, wie sie Tag für Tag von Offiziellen vergewaltigt werden

Ob Grenzbeamte, Polizisten, Staatsanwälte, Soldaten oder Eisenbahn-Mitarbeiter: Laut einem Bericht von Human Rights Watch nutzen in Nordkorea Männer ihre Positionen schamlos aus, um Frauen zum Sex zu zwingen. 

In ihrer Heimat Nordkorea arbeitete Oh Jung Hee als einfache Marktverkäuferin. An ihrem Stand verkaufte sie Kleidung und Textilien. Und obwohl sie von ihrem Geschäft leben konnte, ist ihr die Zeit auf den Märkten der Provinz Ryanggang als ein Alptraum in Erinnerung geblieben. Denn sexuelle Gewalt gehörte für sie zum traurigen Alltag. "Ich bin oft zum Opfer geworden ... Wenn sie Lust hatten, kamen Marktaufseher oder Polizeibeamte zu mir und führten mich in einen leeren Raum außerhalb des Marktgeländes. Was hätten wir tun können? Sie betrachten uns als Sexspielzeug", berichtete Hee dem Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Anstatt Bestechungsgelder hätten die Aufseher und Polizisten von den Händlerinnen Sex verlangt. An entlegenen Orten seien die Frauen dann einfach vergewaltigt worden.

"Wir [Frauen] sind den Männern ausgeliefert. Heute können Frauen nicht überleben, ohne einen Mann mit Macht an ihrer Seite zu haben", sagte Hee, die 2014 aus Nordkorea fliehen konnte.

"Es passiert so oft, dass niemand denkt, dass es eine große Sache ist"

Ähnliche Erfahrungen wie Hee müssen in dem abgeschotteten Land unzählige Frauen machen - Tag für Tag. Das geht aus einem Bericht von Human Rights Watch hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Menschenrechtsorganisation führte Gespräche mit mehr als 50 Frauen durch, die aus dem international isolierten Nordkorea fliehen konnten. Sie alle berichteten von schrecklichen Übergriffen, die vor allem von Männern in offiziellen Positionen begangen werden. Grenzbeamte, Polizisten, Staatsanwälte, Soldaten und Eisenbahn-Beamte würden ihre Stellung ausnutzen, um Frauen zum Sex zu zwingen, heißt es in dem Bericht. 

"Es passiert so oft, dass niemand denkt, dass es eine große Sache ist. Wir merken es nicht einmal, wenn wir erschüttert sind", erzählte eine andere Betroffene. "Aber wir sind menschlich, und wir fühlen es. So weinst du manchmal nachts wie aus dem nichts und du weißt nicht warum."

Insbesondere inhaftierte Frauen betroffen 

Eine Chance, sich zu wehren, hätten die Frauen so gut wie nicht. Wenn ein Wächter oder ein Polizist ein Opfer "ausgewählt" habe, bliebe den Frauen keine andere Wahl, als den Forderungen nachzukommen, berichteten alle Befragten einstimmig. 

Insbesondere inhaftierte Frauen werden laut Human Rights Watch zu Opfern von Vergewaltigungen. "Jede Nacht wurden einige Frauen gezwungen, mit einem Wärter zu gehen und wurden vergewaltigt", berichtete eine Frau, die in einem nordkoreanischen Gefangenenlager in Grenznähe inhaftiert war. "Jede Nacht öffnete ein Gefängniswärter die Zellentür. Ich blieb still stehen und tat, als ob ich nichts bemerkte. Ich hoffte, dass es nicht ich sein würde."

Trauriger Alltag in Nordkorea

Wie weit der sexuelle Missbrauch in Nordkorea tatsächlich verbreitet ist, lässt sich laut Human Rights Watch nur schwer schätzen. Doch die Organisation geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. "In Anbetracht der Unterschiede im Alter, des geographischen Wohnortes, der soziale Schicht und der persönliche Hintergründe der Überlebenden sowie der vielen Übereinstimmung bei der Beschreibung ihrer Erfahrungen deutet alles darauf hin, dass die hier festgestellten Muster sexueller Gewalt in ganz Nordkorea üblich sind", lautet die erschreckende Schlussfolgerung von Human Rights Watch. 

Diese Ergebnisse decken sich auch mit anderen Untersuchungen. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen kam bereits 2014 zu dem Schluss, dass Zwangsabtreibungen, Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt sowie Mord, Inhaftierung, Versklavung und Folter in Nordkorea weit verbreitet sind. 

Xiomara Bender: Fotografin dokumentiert seit 2011 Nordkorea - das ist ihr Blick auf das isolierte Land
ivi
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