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Nordkorea: Im Königreich der Eremiten

Kaum ein Regime verschließt sich derart wie Nordkorea. Dem Fotografen Gary Knight, der eine Woche lang als Tourist durchs Land gereist war, gelang es, heimlich Bilder von einem isolierten Land zu machen. Ein Tagebuch.

Die nordkoreanischen Schaffner halten das Ganze für einen Irrtum und wollen mich nicht in den Zug lassen. Erst nachdem ich ihnen meinen Pass und mein Visum gezeigt habe, lassen sie mich widerwillig einsteigen. Dann führen sie mich auch noch an den falschen Platz - jedenfalls ist er schon besetzt. Das Vierbettabteil muss also für die nächsten 26 Stunden fünf Personen beherbergen.

Um Punkt 17:25 Uhr verlässt der Zug den Hauptbahnhof von Peking. Nur die letzten beiden Wagen - die ältesten von allen - fahren nach Nordkorea. Mit mir sind es etwa 50 Passagiere, bis auf zwei Frauen allesamt männlich und zwischen 30 und 40 Jahre alt. Alle außer mir haben einen kleinen emaillierten Anstecker mit dem Bild von Kim Il Sung am Revers, dem Großen Vordenker, dem Großen Führer. In ihren taubenblauen Hemden und sorgfältig gebügelten schwarzen Anzügen sehen sie aus wie aus dem Ei gepellt.

Während die Sonne untergeht und wir nordwärts rollen, beobachte ich, wie aneinandergekettete chinesische Sträflinge die Gleise reparieren. Meine Mitreisenden rasieren sich und räumen das Abteil auf. Sie sind sehr diszipliniert. Während China vorbeirauscht, sortieren sie ihre Urlaubsfotos, Andenken und Mitbringsel - ein buntes Sortiment an farbenfrohen Plastikbügeln, Regenschirmen, Notizbüchern und Krawatten. Im ganzen Zug stinkt es nach Urin und Kimchi. Kisten voller reifer Früchte - Grapefruits und Bananen - stapeln sich bis an die Decke und in den letzten Winkel.

Wir halten in Dan Dung auf der chinesischen Seite der Grenze. Noch mehr Früchte werden eingeladen, und auch unser Abteil bekommt erneut Zuwachs. Ich entscheide mich für eines der oberen Betten und überlasse es meinen fünf neuen Freunden, sich um die übrigen drei zu prügeln. Es dauert zweieinhalb Stunden, bis die Zoll- und Einreiseformalitäten erledigt sind und die chinesischen Wagen ab- und sechs weitere grüne nordkoreanische an den Zug angehängt werden.

Über eine Betonbrücke, die einen seichten Fluss überspannt, fahren wir nach Nordkorea hinein, wo wir gleich noch einmal zweieinhalb Stunden lang gefilzt werden. Niemand, der aus China kommt, darf sich weiter als einen Meter vom Zug entfernen, der jetzt von bewaffneten Soldaten in zerschlissenen Uniformen und Stiefeln aus Segeltuch und Gummi bewacht wird. Armeelaster fahren rückwärts an den Zug heran und übernehmen einen Großteil der Obstkisten und ein paar Fernseher. Jeder, der sich dem Zug nähert, wird von den Soldaten zurückgepfiffen und zurechtgewiesen. Aus der Stadt jenseits des Bahnhofsgeländes hört man über Lautsprecher verbreitete Ansprachen und Militärmusik.

Der Zug fährt ab nach Pjöngjang. Parallel zu den Schienen verlaufen, arrangiert mit einem Gespür für militärische Eleganz, Streifen von weiß angemalten Steinen sowie rosaroten und weißen Cosmeen. Steif wie Schaufensterpuppen stehen Gleisarbeiter an der Strecke, als der Zug auf dem Weg nach Süden langsam durch kleine Dörfer fährt. Wir kommen an Reis- und Maisfeldern vorbei sowie an Bahndämmen, die von fein säuberlich gepflanzten Kohlreihen überzogen sind. Brigaden von Arbeitern ernten auf mit roten Fahnen markierten Flächen in gebückter Haltung den Reis. Die Felder sehen anders aus als die, die ich gewohnt bin - gleichförmiger. Vermutlich sind wir in einer Gegend, die von Kim Jong Ils Landreform betroffen ist, die die Art der Bodennutzung neu festlegt: Pflanzt Reis an jedem Hang, und zwar in schön ordentlichen Reihen! Haben die Roten Khmer das nicht auch schon probiert?

Die Ankunft in Pjöngjang

20:30 Uhr: Ankunft in Pjöngjang. Zwei Reiseführer, Mr. A und Mr. B, holen mich am Bahnhof ab und bringen mich zum Hotel, wo ich allein zu Abend esse.

Zum Frühstück gibt es im Fernsehen Kim Il Sung, der irgendwelche Honoratioren empfängt, und danach Kim Jong Il und ein Omelett.

Der erste Tag

9:00 Uhr: Mit meinen beiden Führern und dem Fahrer mache ich mich auf, die Denkmäler zu besichtigen, die zu Ehren von Kim Il Sung errichtet wurden. Am Mansudae-Monument, das zum 60. Geburtstag des Großen Führers eingeweiht wurde, tauchen zwei hübsche junge Mädchen aus dem Nichts auf und geben mir Blumen, die ich Kim zu Füßen legen soll. Ich flirte mit den Mädchen. Mr. B macht den Dolmetscher und flirtet kräftig mit. Die Mädchen flirten zurück. Flirten ist also erlaubt in der Demokratischen Volksrepublik.

Während der Fahrt durch die Stadt entdecke ich mehr Anzeichen von Armut, als ich erwartet hatte, aber weniger als in den meisten anderen Städten der Region. Es herrscht eine große Kluft zwischen dem Wohlstand in der Stadt und der Armut auf dem Land, aber das ist ein universelles Phänomen. Es deutet auch nichts darauf hin, dass die Alten und Gebrechlichen von der Straße verbannt werden. Pjöngjang scheint sich in seiner demographischen Zusammensetzung nicht von anderen Städten zu unterscheiden. Während der Arbeitszeit ist nicht viel los, aber in der Rushhour, wenn alle zu Fuß nach Hause oder zur Straßenbahn gehen, dann brummt die Stadt. Was auffällt, ist das Fehlen von Chaos und Anarchie, wie sie für Ballungsgebiete typisch sind, sowie die Bilder und Statuen der beiden Kims. Sie sind allgegenwärtig, und ich bin sicher, dass die endlosen Ansprachen und Märsche, die den ganzen Tag über zu hören sind, Lobeshymnen auf die "geliebten Führer" des Landes sind.

Nach dem Mittagessen (allein) fahren wir zum Triumphbogen, um die außerordentlich hübsche Ms. C zu treffen. Mr. B gehen die Pferde durch. Er fängt heftig an zu flirten. Mr. A geht zurück zum Auto. Als Mr. B sich wieder halbwegs im Griff hat, erzählt Ms. C mir, dass das Bauwerk 1982 zum 70. Geburtstag des Großen Vordenkers errichtet wurde. Ms. C singt mir "das Lied von General Kim Il Sung" vor. Sie singt sehr schön und mit Inbrunst – nicht viel anders als die Christen, die früher in London von Zeit zu Zeit an meiner Tür klingelten und mir das Wort Gottes predigten.

Vielleicht ist es das: Die Juche-Ideologie ist eine Ersatzreligion, der Große Führer ist ihr Gott und der Gütige Führer ihr Prophet.

Wir fahren zum Friedhof der Märtyrer, und während der ganzen Fahrt schwärmt Mr. B von Ms. C. Unmengen von Marmor, Granit und Bronze. Dann die U-Bahn: noch mehr Marmor, Granit und Bronze.

Wie viel Geld wurde in den 80er Jahren wohl für Bauprojekte ausgegebenen, und woher hat man es genommen?

Zurück zum Hotel, Abendessen allein.

Der zweite Tag

Zweiter Tag. 9:00 Uhr: Aufbruch nach Hyongsang. Eine lange Fahrt über eine leere Autobahn. Von Zeit zu Zeit entdecke ich in der Ferne Gruppen von Arbeitern, die sich um Fahnen scharen, und Leute, die die Flussufer und den Straßenrand säubern.

Ich checke im Hotel ein und fotografiere den kitschigen Springbrunnen, der nicht läuft. Sie stellen ihn an, ich höre auf, sie stellen ihn wieder ab. Auf zum Museum der Freundschaft - 28.000 Quadratmeter Marmor und darin 220.000 Geschenke, die Kim von Vertretern anderer Länder erhalten hat. Vermutlich die größte Kitschsammlung der Welt. Goldene Teller, marmorne Statuen, Fernseher, Gemälde, Hausschuhe, ein Sturmgewehr der Sandinisten und ein Auto namens "Dynasty" - ein Geschenk des gefeuerten Präsidenten von Hyundai. Sogar die Wachen haben versilberte AK47s. Hier gibt es bestimmt mehr Elfenbein als in ganz Afrika.

Immer wieder stößt die Delegation der Kartoffelbauern (die Reisegruppe, der ich mich hier im Museum angeschlossen habe) mit einer Schar staunender, ausgemergelter Einheimischer zusammen. Was denken die wohl? Haben kaum etwas zu beißen und stehen auf einmal vor dieser Gedenkstätte für den Gott der Juche. Ich frage mich, ob sie die Ironie des Ganzen sehen. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich sehen sie nur das, was sie sehen sollen: die Hochachtung, die ihrem Großen Führer von der Welt entgegengebracht wird.

Die Führung endet vor einer Wachsfigur von Kim Il Sung. Ich werde genötigt, mich vor ihr zu verbeugen. Als ich nach zwei Stunden der quälenden Langeweile meine Kameras bei der Garderobe abhole, habe ich Kopfschmerzen und bin schlecht gelaunt. Was jetzt? Hoffentlich Mittagessen. Nein, noch mal dasselbe, noch ein Marmorpalast, diesmal zu Ehren von Kim, dem Jüngeren.

Während des Rundgangs durch das Museum auf den Fersen der europäischen Kartoffelbauern ist mir aufgefallen, dass im Jahr 2000 eine Militärdelegation sowie der Verteidigungsminister des Iran bei Kim Jong Il vorstellig geworden sind (zumindest haben sie Geschenke überreicht, die darauf schließen lassen). Ende der Neunziger und zu Beginn des neuen Jahrtausends kamen Abordnungen aus Pakistan. Auch diese Besuche sind in Form von Geschenken dokumentiert, die allesamt sorgsam in den Museen verwahrt werden. Diese beiden Länder haben sehr viel mehr Militärdelegationen nach Nordkorea geschickt als jede andere dort vertretene Nation. Was auch immer Gegenstand dieser Konsultationen war, über Uniformen und Verpflegung haben sie sicher nicht gesprochen.

Beim Mittag bin ich allein mit meiner Wut und froh darüber. Mir gegenüber sitzt ein Haufen feister Apparatschiks. Sie trinken Whiskey, unterhalten sich lautstark und sehen armselig gekleideten Arbeitern dabei zu, wie sie draußen vor den Fenstern das Flussufer säubern.

14:30 Uhr: Besuch eines buddhistischen Klosters, das zweite in dieser Woche. Es besteht komplett aus Beton und Zement und ist ein Potemkinsches Dorf. Es gibt weder Betende noch Mönche und auch keinen Weihrauch.

Als Nächstes geht’s zu einem Wasserfall zwei Kilometer in die Berge. Rauf und wieder runter binnen anderthalb Stunden. Viel Wasser gibt es nicht zu sehen. Es ist gerade Trockenzeit.

Zurück ins Hotel, meine Beine schreien nach einer Massage. Mr. B wartet draußen vor dem Wellnessbereich und begleitet mich zurück zu meinem Zimmer. Mir fällt auf, dass er und Mr. A die Zimmer links und rechts von meinem haben. Ich sehne das Abendessen herbei, damit ich allein sein kann. Ich stelle den Fernseher an. Es gibt nur einen Sender, und der hat Sendepause.

Der dritte Tag

Frühstück, allein. Der Fernseher im Restaurant zeigt, untermalt von irgendeiner träumerischen Musik, idyllische Weichzeichnerbilder von zwei Frauen, die Blumen pflücken. Danach kommt Kim Jong Il, der eine Nahrungsmittelfabrik besucht und den Arbeitern "moralische Unterstützung" gibt. Die übliche Frühstücksfernsehkost. Am Abend gibt es für gewöhnlich koreanische Märchen, in denen tapfere Helden feindliche Invasoren zurückschlagen.

Erste Station: die Ryongmun-Höhle, ein Kalkstein-Höhlensystem, das an sich ziemlich beeindruckend ist. Das Erlebnis wird allerdings durch den Führer getrübt, dessen monoton heruntergeleierter Vortrag einzig und allein die Ähnlichkeit der Stalaktiten mit bestimmten Personen oder Sachen zum Gegenstand hat. Ein Beispiel: "Dieser Stalagmit erinnert an das Geschlechtsorgan einer Frau und dieser Stalaktit an ein erigiertes männliches Geschlechtsorgan. Wenn man diese Gesteinsformation auf dem Kopf stehend betrachtet, dann erinnert sie an den heiligen Berg Paektu, den Geburtsort des "Gütigen Führers."

Wieder an der frischen Luft, fahren wir auf dem Superhighway, der vom Wasserfall in die Hauptstadt führt, zurück nach Pjöngjang. Die im Jahr 1992 fertig gestellte Autobahn wirkt ein wenig überdimensioniert. Bäume und Cosmeen säumen ihren Rand. In den 80er und 90er Jahren wurden zahllose Straßen gebaut – die meisten davon führen ins Nichts oder zu Denkmälern für den Großen Vordenker und seinen Sohn. Und das in einer Zeit, in der in Nordkorea große Hungersnot herrschte.

Am Nachmittag: das unterirdische Museum, von dem aus der Große Führer angeblich während des "Vaterländischen Krieges des koreanischen Volkes" seine Truppen gegen Amerika geführt hat. Listen seiner größten Siege, handgeschriebene Memos und weise Worte, artig vorgelesen von Mr. A.

Nächster Halt: die USS Pueblo, ein amerikanisches Spionageschiff, das in nordkoreanischem Hoheitsgewässer aufgebracht wurde und nun in Pjöngjang auf dem Taedong festliegt. Wie dämlich müssen die sich angestellt haben, um sich fangen zu lassen! Was wohl aus der Crew geworden ist, nachdem man sie wieder frei gelassen hat?

Auf dem Weg zurück ins Hotel trinke ich mit Mr. A und Mr. B ein Bier. Wir unterhalten uns über unsere Hoffnungen und Ängste in Bezug auf die Zukunft. Sie sind beide schon öfter im Ausland gewesen, wissen also, was draußen vorgeht. Mr. B möchte sich in der Tourismusbranche selbstständig machen. Das überrascht mich, denn von Privatwirtschaft war in all den Erzählungen, die ich über dieses Land gehört habe, nie die Rede. Sie sind beide wütend darüber, dass aufgrund der feindseligen Haltung Amerikas so viel Geld in die Rüstung fließt, was in Kombination mit der anhaltenden Schwäche der Wirtschaft jegliche Aussichten auf Wachstum und freies Unternehmertum zunichte macht. Ihr ausdrücklicher Wunsch ist die Wiedervereinigung mit dem Süden und die Sicherung der Unabhängigkeit ihres Landes. Wenn beides erreicht wäre, so glauben sie, stünde ihnen die Welt offen.

Bevor ich in mein Hotel zurückkehre, kaufe ich im internationalen Buchladen ein paar Poster des sozialistischen Realismus. Das Fernsehen des BBC World Service berichtet von weiteren Anschlägen im Irak. Wenn die Amerikaner im Irak schon nicht klar kommen, dann können sie sich hier erst recht auf was gefasst machen. Das Land besteht zu 82 Prozent aus Gebirgen, die Armee ist eine Million Mann stark und ihre Unabhängigkeit ist alles, was diese Menschen haben. Ich denke, dafür werden sie kämpfen.

Abendessen mit einem Bankier, der gerade dabei ist, eine nach christlichen Grundsätzen geführte Kreditbank zu gründen, um Kleinunternehmen Darlehen zu geben - wohlgemerkt mit Billigung des Finanzministers. Ich bin etwas erstaunt, aber er glaubt fest an seinen Erfolg und hat sich auch schon eine Reihe von vielversprechenden Kleinbetrieben ausgeguckt. Dieses Land ist vielschichtiger, als die Klischees von einem ferngesteuerten Volk mit einer Comicfigur als Staatsoberhaupt, die gern Pornofilme guckt und die ganze Welt in die Luft jagen möchte, suggerieren.

Der vierte Tag

Ein neuer Tag. Frühstück mit Hugh, dem Banker, der mich dazu überreden will, eine Tourismus-Website über Nordkorea zu machen.

Aufbruch zum staatlichen Kunsthandwerkszentrum. Das Seladonporzellan ist zwar ganz nett, aber ansonsten gibt mir das Ganze nicht viel, denn ich habe nicht die Absicht 700 Tonnen Granitstatuen zu kaufen.

Fahrt nach Kaesong. Ich habe das Gefühl, Mr. A und Mr. B finden mein unaufhörliches Geknipse langsam verdächtig. Ich mache ihnen weis, dass ich die vielen Fotos für eine Website über Nordkorea brauche. Die Erklärung scheint ihnen zu genügen, doch sie klagen darüber, was für Probleme sie mit Journalisten haben, die sich als Touristen ausgeben, und wie abgefeimt die seien. Sie hindern mich daran, während der Fahrt zu fotografieren. Das ist das erste Mal.

Sie sind heute sehr empfindlich. Ich schlafe während der Fahrt. Wir besuchen mehrere Gräber ehemaliger Könige. Sie legen viel Wert darauf, mir die dynastische Erbfolge von den Königen der Vergangenheit bis hin zu Kim Il Sung auseinander zu setzen, den sie als den letzten in einer langen Tradition von Königen ansehen, die feindliche Invasoren zurückgeschlagen haben. Der Gedanke, dass ein so genannter kommunistischer Revolutionär von feudalistischen Königen abstammen soll, für die eine Kuh vier mal mehr wert war als ein Mensch, erheitert mich.

In Kaesong gibt es wieder Probleme mit dem Fotografieren, vor allem, als ich die Stadt zu Fuß erkunden will. Mr. B sagt, er mache sich Sorgen, die Einheimischen könnten ihn "denunzieren", wenn ich nicht aufhöre. Ein schlechter Tag. Ich nehme im wunderschönen Hotel Yogwan allein einen Wodka. Eine ganze Straße 700 Jahre alter Häuser in der Altstadt, die beschlagnahmt und in ein Hotel umgewandelt worden sind. Ich versuche, das Badezimmerfenster zu öffnen, um die Straße auf der Rückseite des Hotels zu fotografieren, aber es ist verplombt.

Der sechste Tag

Um 5:00 Uhr morgens wird die ganze Stadt einmal mehr von unaufhörlichen Orwellschen Predigten aus den öffentlichen Lautsprechern aufgeweckt. Der Spuk dauert an, bis um 7:00 Uhr der Strom ausfällt. Schlafen ist bei dem Lärm unmöglich.

Fahrt nach Panmunjon zur entmilitarisierten Zone, der symbolischen Grenze zwischen Nord und Süd. Eine imaginäre Linie verläuft quer durch die blauen Nissenhütten, die genau auf der Demarkationslinie stehen, mitten durch die Tische, die in jeder Hütte stehen. Die südkoreanischen Militärpolizisten beobachten mich auf Schritt und Tritt - wie ich vermute weniger aus einem konkreten Grund, als um die Nordkoreaner zu ärgern. Beide Seiten marschieren feierlich auf die Hütten zu, als ich dort ankomme. Nachdem ich eine davon betreten habe, verschließen die nordkoreanischen Soldaten die Tür zum Süden.

Der redselige Major, der mich herumführt, hat einen Sohn im selben Alter wie Sam. Wir unterhalten uns über unsere Kinder und die Zukunft. Die Familie seines Vater ist in den vierziger und fünfziger Jahren von den Japanern und Amerikanern ausgelöscht worden. Er ist Soldat geworden, sagt er, um sein Land zu verteidigen. Seine drei Brüder sind alle in der Armee. Er hofft, dass die Feindseligkeiten eines Tages beigelegt werden, und klagt über die hohe Belastung seines Landes durch die leider notwendige Rüstung, eine Ansicht, die man hier sehr oft hört. Er möchte Journalist werden, möchte reisen und andere Länder sehen. So etwas hatte ich nicht erwartet. Er legt Ambitionen und eine Wissbegierde an den Tag, wie ich sie in einer Gesellschaft, in der Denken unerwünscht ist, nicht vermuten würde. Aber woher wissen wir eigentlich, dass Denken hier unerwünscht ist?...Vielleicht offenbaren sich da nur unsere eigenen Vorurteile.

14:30 Uhr: das Kriegsmuseum. Eine monströse Anhäufung abgedroschener antiamerikanischer Propaganda in einer anachronistischen sozialistischen Sprache - höchst ermüdend.

Dann in den Kinderpalast zu einem Schnelldurchlauf verschiedenster Tanz-, Kunst- und Musikkurse. Die Performance zum Schluss sehe ich gemeinsam mit einer Delegation aus Südkorea, die wegen irgendeines pseudobuddhistischen Festivals hier ist.

Ich bin erledigt und halte das nicht mehr lange aus.

Abendessen mit Hugh, der mir erzählt, dass man den Hilfsorganisationen Zugang zu den Gebieten gewährt, in denen akute Unterernährung herrscht. Das widerspricht dem, was ich im "New Yorker" gelesen habe, aber ich habe keine Möglichkeit nachzuprüfen, was denn nun stimmt. Als ich auf mein Zimmer gehe, fällt mir auf, dass die Straßenbeleuchtung eingeschaltet worden ist – wahrscheinlich wegen der Südkoreaner. Warum unterhalten die Südkoreaner im Fahrstuhl sich auf Englisch? Vermutlich, weil sie nicht für Nordkoreaner gehalten werden wollen.

Ich gucke chinesisches Fernsehen und denke dabei über etwas nach, das mir von Leuten erzählt wurde, die hier leben, und zwar, dass selbst die Aufseher nie wieder aus den Gulags herauskommen, weil sie ja ausplaudern könnten, wie es dort zugeht. Und wenn ein Wärter dort ein verheiratetes Paar kennen lernt, was natürlich gelegentlich vorkommt, dann darf er nie erfahren, dass sie Mann und Frau sind, denn er soll die Familienzusammenhänge nicht kennen.

Darüber schlafe ich ein.

Der siebte Tag

Mittwoch. Frühstück mit Bob, der auch im Hotel wohnt und letzte Nacht für mich gebetet hat. Weiß er irgendetwas, das ich nicht weiß?

Fahrt nach Nanpho mit Mr. A und Mr. B zur Besichtigung des 400 Millionen Dollar teuren Staudamms. Ein imposantes Bauwerk, aber wie kommen sie darauf, das es mich interessieren könnte? Noch mehr Millionen, die für Prestigeprojekte zur Verherrlichung der Kims rausgeschmissen wurden.

Im strömenden Regen geht’s zurück nach Pjöngjang. Die Stadt macht einen trostlosen Eindruck.

Wir sehen uns den Zirkus der Koreanischen Volksarmee an. Die Vorstellung ist recht beeindruckend, aber ich bin nicht mehr aufnahmefähig und sehr müde. Abschiedsessen mit Mr. A, Mr. B und dem Fahrer. Wir sind alle fix und fertig.

Früh zu Bett, Koffer packen. Morgen fahre ich.

Der achte Tag: die Abreise

Donnerstag. Ich kaufe noch schnell ein Exemplar der Biographie von Kim Jong Il (die Kurzfassung) und fahre dann zum Bahnhof. Ich steige in den Zug und finde mein Abteil, das ich mir mit drei Fallschirmjägern der Volksarmee teile. Die Jungs sind auf dem Weg nach Malaysia zu den Asian Games. Sie sprechen ganz gut Englisch und sind nett.

Als wir über Land fahren, mache ich durch eine offene Tür Fotos aus dem fahrenden Zug. Zum ersten Mal seit der Einreise bin ich unbeaufsichtigt.

Ich schenke den Soldaten ein paar Zeitschriften, die ich aus England mitgebracht habe. Sie verschlingen sie mit großer Begeisterung. Ganz besonders fasziniert sind sie von einem Foto von "Bushy" in seinem Pilotenoverall. Sie fragen mich, worauf ich als Engländer stolz bin. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. "Euren Führer?" Ganz bestimmt nicht. "Eure Königin?" Da lache ich, und sie sind schockiert. "Unsere Literatur", antworte ich halbherzig. "Und ihr?", frage ich sechs von ihnen. Wie aus der Pistole geschossen antworten sie unisono: "Auf unseren Großen Führer Kim Il Sung, unseren Gütigen Führer Kim Jong Il und unsere Armee, die die amerikanischen Aggressoren zurückgeschlagen hat." Sie stellen alle möglichen Fragen über meine Familie; es scheint sie zu verwirren, dass ich sie so lange allein lassen konnte, dass ich eine Frau heiraten konnte, die älter ist als ich, und dass ich Kinder adoptieren konnte. Ich bin für sie ein Außerirdischer. Auf meine Frage erzählt mir der Dolmetscher, dass er am liebsten seinen Job an den Nagel hängen und eine eigene Firma gründen würde. Wir sind uns einig, dass der Weg dahin noch lang ist, aber voller Hoffnung, dass es eines Tages möglich sein wird. Sie geben mir etwas zu essen, wünschen mir eine gute Nacht und wecken mich auf, als wir am Morgen die Grenze erreichen.

Am Ende der Reise frage ich mich, warum uns im Westen, wenn wir über Nordkorea sprechen, nie in den Sinn kommt, dass ein Großteil der hiesigen Bevölkerung in der Herrscherfamilie Garanten für die Freiheit ihres Landes sehen. Die Kim-Dynastie ist ohne Frage eine unmenschliche, selbstherrliche Diktatur, aber für ein kleines Volk mit einem historisch bedingten Opferkomplex verspricht sie möglicherweise mehr Sicherheit, als die Menschen in der Vergangenheit je hatten oder von einer Zukunft mit den Amerikanern erwarten, die sie verdächtigen, nur ihre eigenen Machtinteressen zu verfolgen.

Ich glaube, viele Nordkoreaner sind freier in ihrem Denken und freier in ihren Entscheidungen, als wir ihnen zutrauen. Ihnen sind zweifellos feste Grenzen gesetzt, aber innerhalb dieser Grenzen besteht ein gewisses Maß an Flexibilität. Die Wahl des Berufs, der Studienfächer und des Lebenspartners etwa steht ihnen mehr oder weniger frei. Die Auffassung, dass in diesem Land das Denken verboten ist und die Menschen in permanenter Angst leben, halte ich im Großen und Ganzen für unzutreffend. Das soll nicht heißen, dass die Menschenrechte in diesem Land nicht mit Füßen getreten werden. Das werden sie, und in den Gulags im Norden und in den abgelegenen Winkeln des Landes sind die Zustände vermutlich viel schlimmer, als wir uns vorstellen können. Fraglos wird obendrein auf Kosten des Volkes ein höchst bizarrer pseudoreligiöser Personenkult betrieben mit dem einzigen Zweck, eine Herrscherfamilie an der Macht zu halten. Aber das Ganze ist nicht so einfach, wie wir es uns gern machen würden. Dies ist kein Land voller bis an die Zähne bewaffneter Strohköpfe mit einer Witzfigur von Staatsoberhaupt, die nur darauf wartet, die Welt in Schutt und Asche zu legen - ebensowenig wie Amerika.

Bei uns im Westen neigt man dazu, sich darüber lustig zu machen, wie die Nordkoreaner sich kleiden, wie sie ihre Häuser einrichten und was für eine Angst sie vor der Außenwelt haben, aber zum Verständnis und zur Lösung des Koreaproblems wird das nicht beitragen.

Gary Knight/VII, Oktober 2003; Übersetzung aus dem Englischen: Heinrich Anders