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Galileo Spezial: Zwei Wochen unterwegs in Nordkorea

So gut wie nie dürfen Reporter nach Nordkorea einreisen. Einem Team von Galileo wurde es erlaubt. Dem stern erzählt Moderator Stefan Gödde, was ihn bei seinem Besuch am meisten bewegt hat.

Erbdiktatur, Hunger, Arbeitslager - Nordkorea ist ein Land, das Angst und Schrecken verbreitet, über das aber so gut wie nichts bekannt ist. Selbst wenn wie jetzt der aktuelle Machthaber Kim Jong Un für Wochen von der Bildfläche verschwindet, ist von offizieller Seite das dürre Sätzchen zu hören, der "geliebte Marschall" sei krank.

Nur sehr selten wird es (westlichen) Journalisten gestattet, das abgeschottete Reich zu besuchen. Einem Team der ProSieben-Sendung Galileo ist es gelungen, eine der begehrten Einreisevisa zu bekommen. Zwei Wochen lang durfte Moderator Stefan Gödde mit seinen Kollegen durch das Land reisen - streng überwacht zwar, aber dennoch ist es ihnen gelungen, einzigartige Einblicke in Nordkorea einzufangen.

"Das permanente Überwachtwerden hat dazu geführt, dass die Stimmung im Team oft sehr angespannt war", sagt Galileo-Moderator Gödde über die Dreharbeiten. "Soldaten zu filmen ist verboten, auch Baustellen sind tabu." Dem stern hat Stefan Gödde erzählt, was ihn bei seiner Reise noch bewegt hat.

Am Sonntagabend zeigt der Sender um 19:05 Uhr das "Galileo Spezial Nordkorea".
Hier sehen Sie ein zweiminütigen Zusammenschnitt des Sendung.

… über die Dauerpropanda

Vor unserem Besuch in Nordkorea habe ich mich oft gefragt, ob die bekannten Bilder von hysterisch weinenden Menschen, wie etwa beim Tod von Kim Jong Il, echt sind. Mein Eindruck ist: Ja, sind sie. Die Propagandamaschine läuft perfekt in diesem Land. Tagein, tagaus bekommen die Nordkoreaner nichts anderes zu sehen und zu hören als glorifizierende Geschichten über die Kims. Die Fernsehnachrichten berichten über so gut wie nichts anderes. Für die Menschen sind sie schlicht gottgleich. Oder, wie unsere Reisebegleiter sagten: "Es sind unsere Väter."

… über den Kontakt zu Einheimischen

Jeder Besucher bekommt bei der Einreise zwei Begleiter an die Seite gestellt, die sich um alles kümmern: Vom Transport, über das Essen bis zu den zahlreichen Museumsbesichtigungen. Unsere Aufpasser haben sehr genau darauf geachtet, dass wir keinen Kontakt zu "normalen" Nordkoreanern aufnehmen. Beim Besuch einer Eislaufhalle waren wir für einen kurzen Augenblick unbeobachtet. Da kam ein Mann auf uns zu, der sprach etwas Englisch. Offenbar hatte er das Bedürfnis mit uns zu plaudern. Als dann unsere Begleiter wieder zurückkamen schwieg er plötzlich, und seine Lippen begannen zu zittern.

… über Führerstatuen

20 Meter hoch ragen die Bildnisse des Staatsgründers und seinem Sohn in den Himmel - die Besichtigung der beiden Bronzestatuen von Kim Il Sung und Kim Jong Il auf dem Mansu-Hügel in Pjöngjang gehört zum Pflichtprogramm für jeden Besucher - egal ob Tourist oder Einheimischer. Hunderte Nordkoreaner strömen hierher: Schüler, Brautpaare, Soldaten. Ebenfalls Pflicht ist die Verbeugung vor den verstorbenen Führern, die absurd geregelt ist: exakt vier Sekunden im 90-Grad-Winkel muss man davor verharren. Bei einer Verweigerung - so ließ man uns sehr deutlich spüren - wären die Dreharbeiten sofort beendet.

… über Picknicks

Nordkorea hat seit vielen Jahren ernsthafte Probleme mit der Lebensmittelversorgung. Laut den Vereinten Nationen gelten 28 Prozent der Kinder als chronisch und vier Prozent sogar als akut unterernährt. Für unser Team aber wird Überfluss inszeniert. Ganz "zufällig" wurden wir zu einem "ganz alltäglichen" Picknick im Park eingeladen: Es gab Meeresfrüchte, gebratene Enten, Bananen, Melonen und westliche Erfrischungsgetränke. Alles, was angeblich auf dem ganz Speiseplan Nordkoreas steht. Damit nicht genug, plötzlich begannen 40 bis 50 ältere Männer und Frauen zu singen und zu tanzen. Jede einzelne hatte eine Stimme wie Enrico Caruso oder Maria Callas. Das alles war so offensichtlich fingert; unsere Aufpasser hatten sogar "zufällig" mehrere Plastiktüten voller Gastgeschenke dabei, die in unserem Namen überreicht wurden.

… über Pjöngjang

Grau, heruntergekommen und trostlos - das ist das Bild, das viele Menschen von Nordkorea haben. Ein englischer Tourist, der schon öfter dort war, erzählte uns, dass sich das seit einigen Jahren aber ändere. Mittlerweile sei vor Pjöngjang deutlich bunter geworden. Grund seien die vielen Chinesen, die Handel mit Nordkorea treiben. Allerdings mangelt es selbst in der Hauptstadt an vielem. So ist zum Beispiel fließendes Wasser nicht immer üblich.

… über Straßen und Autobahnen

Es gibt überraschend viele Autos in Pjöngjang. Verlässt man allerdings den inneren Ring der Hauptstadt, dann fühlt man sich schnell wie auf dem Set eines Apokalypse-Films: die Straßen sind marode und wie leergefegt. Nur selten gibt es Gegenverkehr, der dann allerdings überwiegend aus Militärfahrzeugen besteht. Die meisten Nordkoreaner sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Uns wurde erzählt, dass Nordkoreaner angeblich 30 Kilometer am Tag zu Fuß zurücklegen.

… über den Führerkult

In Nordkorea schreibt man das Jahr 103, zu Ehren des Geburtsjahrs des ersten Führers und "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung. Sein Geburtshaus, präsentiert von einer jungen Frau im traditionellen Kostüm, gleicht einer religiösen Pilgerstätte. In einem gigantischen Mausoleum - Fotografieren und Filmen streng verboten - ist sein Körper auf ewig konserviert und wird in einem Glassarg von den Untertanen verehrt. Sogar die Luft wird dort speziell gefiltert, damit sich kein "weltlicher Staub" absetzt.

… über Menschenmassen

Nordkorea feiert immer und überall, ob den Geburtstag seiner Führer oder die Gründung des Militärs - mit Menschenmassen, Paraden und Soldaten. Dem Ausland scheint man solche Aufmärsche neuerdings nicht mehr gern zu präsentieren. Nordkorea zeigt sich lieber von seiner friedlichen Seite: Zum Beispiel mit einem öffentlichen Massentanz. Anlass für die fröhlich bunte Veranstaltung: die Vorherrschaft des Militärs.

… über Sitzverbote

Glaubt man der Propaganda, dann lebt eine normale Arbeiterfamilie in einer 140-Quadratemeter-Wohnung, komplett eingerichtet - inklusive Flatscreen-TV. So ein Apartment wurde uns zumindest gezeigt. An der Wand hingen die obligatorischen Portraits der beiden Kims. Das aktuelle Staatsoberhaupt Kim Jong Un war bereits höchstpersönlich schon zu Gast auf der Familien-Couch, uns wurden stolz die Beweisfotos gezeigt. Sein Besuch kann aber den Komfort erheblich einschränken. Denn dort, wo der oberste Führer gesessen hat, darf man normalerweise nicht mehr sitzen, in dieser Wohnung wird eine Ausnahme gemacht - anders zum Beispiel in einer Brauerei: Dort war die Couch danach per rot-goldenem Hinweisschild für normale Hinterteile verboten.

… über die innerkoreanische Grenze

Panmunjeom ist der einzige Ort, der Nordkorea und Südkorea verbindet. An der bestbewachten Grenze der Welt stehen auch die bekannten, blauen Baracken, die man als Tourist besuchen kann. Dort kann man die Spannungen zwischen Nordkorea und dem Westen regelrecht anfassen. Ein Soldat, der uns begleitete, sagte: "Wenn die USA einen Krieg provozieren, lassen wir nicht genug von ihnen übrig, um die Niederlage zu unterzeichnen." Hier offenbart sich das schlichte Weltbild: Der Feind sitzt in Washington und die Südkoreaner sind nur Marionetten der USA, wie die Nordkoreaner nicht müde werden zu betonen.

… über Freizeitvergnügen

Pjöngjang ist das Aushängeschild Nordkoreas, hat aber mit dem Rest des Landes nichts zu tun. Dort lebt vor allem die Elite und es auch nicht jedem Nordkoreaner erlaubt, einfach mal in die Hauptstadt zu fahren. Und selbst dort gibt es unterschiedliche Klassen. Wir waren in einem Spaßbad und einem Freizeitpark, die groß und angenehm sind. Allerdings kommt da nicht jeder hinein - was nichts mit Geld zu tun hat. An den vielen Checkpoints werden nur bestimmte Personen durchgelassen, vermutlich hohe Kader und Funktionäre.

Die Sendung auf ProSieben

"Galileo Spezial: Das geheime Land - Leben in Nordkorea" - am Sonntag, den 12. Oktober 2014, um 19:05 Uhr auf ProSieben.

Otto in Nordkorea: Der Weltreisende Gunther Holtorf durfte mit seinem Wagen die isolierte Erbdikatatur besuchen. Sehen Sie hier, was er dabei erlebt hat.

Aufgezeichnet von Niels Kruse