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Syrien-Krise: Obamas Dilemma

Sein Land kommt wirtschaftlich gerade erst wieder auf die Beine, da ist ein neuer Krieg keine attraktive Option. Warum es dem US-Präsidenten so schwer fällt, dieses Mal zu den Waffen zu greifen.

Von Norbert Höfler, New York

Seit Wochen tourt Barak Obama durchs Land. Er redet, er lockt, breitet Ideen aus. Er lässt sich bejubeln. Studenten verspricht er eine bezahlbare Ausbildung. Arbeitern macht er Hoffnung auf höhere Mindestlöhne. Der Mittelschicht soll es wieder besser gehen. Der amerikanische Traum, er lebt doch noch. Obama eben.

Und jetzt Giftgas in Syrien. Die toten Kinder. Die Bilder – und noch schlimmer, die Videos. Die Welt erwartet, dass Obama in den Krieg zieht.

Doch er zögert. Er braucht keinen Krieg. Er ist nicht wie George W. Bush. Dieses Mal will er nicht Weltpolizist sein. Sein Land kommt nach der Krise gerade selber wieder auf die Beine. Die Stimmung ist ganz gut. Die Football-Saison beginnt. Er hat noch gut tausend Tage im Amt um sein Land wieder "zur erfolgreichsten Nation der Welt zu machen", wie er in seinen Reden zur Zeit oft sagt. God bless America. Applaus. Winken. Großartiger Abgang.

Obamas Volk ist die Kriege leid

Auch Obamas Volk ist die Kriege leid. Die Amerikaner wollen nicht schon wieder Soldaten auf einem Schlachtfeld opfern, das viele tausend Kilometer weit von zu Hause weg liegt. Selbst nach den Giftgasangriffen und den unerträglich grausamen Bildern in den Nachrichten sind gerade einmal 25 Prozent für einen bewaffneten Einsatz. Sie fragen: Warum? Für wen? Mit welchen Folgen?

Obama denkt auch so. In einem Interview auf CNN zur besten Sendezeit beruhigt er die Nation: "Wir werden strategisch durchdenken, was in unserem langfristigen nationalen Interesse ist." Und dann folgte ein Satz, in dem er sein ganzes Dilemma offenbarte: "Wir haben es doch schon erlebt, dass Leute nach schnellem Handeln rufen, wir sofort losrennen und sich dann herausstellt, dass wir in ziemlich teure, schwierige und aufwendige Einsätze gelaufen sind, die uns nur noch mehr Schaden und Misstrauen in einer Region bringen."

Die Republikaner sind entschiedener und machen Druck: Sie würden Obama die Hand für einen Waffengang in Syrien reichen. John McCain, Senator und ehemaliger Präsidentschaftskandidat, schlägt den Einsatz von Mittelstreckenraketen gegen das Assad-Regime vor. Seine Bedingung: Kein US-Soldat soll einen Fuß auf syrischen Boden setzten. "No boots on the Ground!"

Was können die USA in Syrien gewinnen

Aber wen würde man so an die Macht bringen - und können die USA in Syrien überhaupt gewinnen? Darüber diskutieren die Strategen in Washington jetzt. Denn es gibt in Syrien nicht "die Guten". Es gibt vor allem "die Bösen".

Im Lager der Rebellen sitzen viele radikale Islamisten, Al-Kaida-Kämpfer, fanatische Gotteskrieger. Wer diese Leute stark macht, muss fürchten, dass sie sich nach einem Sieg mit amerikanischen Waffen gegen Israel, die Türkei oder die befreundeten Golfstaaten richten. Es klingt zynisch, aber es gibt bereits Stimmen, die darauf setzen, dass in Syrien keine Partei gewinnt. So sagt der ehemalige Sicherheitsberater Edward N. Luttwak: "So gesehen, wäre für Amerika ein langfristiges Patt die beste Lösung."

Bill Clinton stand 1999 vor einer ähnlich schwierigen Entscheidung als die Bilder der Massaker an Zivilisten im Kosovo um die Welt gingen. Auch er hat gezögert - und dann doch gehandelt. Gemeinsam mit der Nato flogen die US-Militärs 78 Tage lang Luftangriffe gegen das Milosevic-Regime. Ohne UN-Mandat und ohne Zustimmung der russischen Regierung. Die Begründung damals: Zivilisten müssen vor Kriegsverbrechern geschützt werden. Obama-Berater lassen nun gezielt durchsickern: Der Krieg im Kosovo könnte eine Blaupause für den Einsatz in Syrien sein. Inzwischen kreuzen vier US-Zerstörer im östlichen Mittelmeer.