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Neuer Bundespräsident: Österreich hat die Wahl, aber kann sich nicht entscheiden

Lange Zeit sah es nach einem extrem knappen Patt aus, doch am Ende des Wahlabends in Österreich lag der Rechtspopulist Norbert Hofer vorn. Allerdings wird erst die Auszählung der Briefwahlstimmen zeigen, wer der nächste Bundespräsident wird.

van der Bellen und Hofer in Österreich

Norbert Hofer, der Herr rechts, führt bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich, doch Alexander van der Bellen hat noch Chancen den Rechtspopulisten zu überrunden

Bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich hat es wegen eines praktischen Gleichstands keinen Sieger gegeben. Nach dem vorläufigen Endergebnis liegt der Rechtspopulist Norbert Hofer, Kandidat der FPÖ, hauchdünn mit 51,9 Prozent vor dem Konkurrenten Alexander Van der Bellen, der bei 48,1 Prozent liegt. Trotz der Führung Hofers entscheidet sich erst am Montag, wer das Herzschlag-Finale gewinnt, da erst dann die mehreren hunderttausend Briefwahlstimmen ausgezählt werden.


Der von den Grünen unterstützte Van der Bellen hatte in den ORF-Hochrechnungen zuvor einen minimalen Vorsprung von rund 4000 Stimmen. Der 72-jährige Wirtschaftsprofessor und frühere Grünen-Chef konnte vor allem in den großen Städten punkten. In Wien etwa kam er auf rund Zweidrittel aller Stimmen.

Der gelernte Flugzeugtechniker Hofer gewann laut Analysen besonders Wähler im ländlichen Raum für sich. Sollte der Sportschütze und Burschenschafter das Rennen machen, wäre der 45-Jährige der erste Rechtspopulist an der Spitze eines EU-Staats.

Österreich wählte gegen einen Kandidaten

Die FPÖ ist ausländer- und europakritisch. Hofer hat angekündigt, als Bundespräsident seine Befugnisse stärker als die Vorgänger nutzen zu wollen. Dazu gehört im äußersten Fall auch die Entlassung der Regierung.

In einer ersten Analyse zu den Wahlmotiven stellte sich heraus, dass weniger die echte Überzeugung für einen Kandidaten eine Rolle spielte. Vielmehr machten viele Wähler ihr Kreuz, um den jeweiligen Gegenkandidaten zu verhindern. 40 Prozent der Wähler von Van der Bellen gaben an, "gegen Rechts" gewählt zu haben, um Hofer zu verhindern, sagte der Meinungsforscher Peter Hajek. "Alle anderen Motive sind da deutlich in den Hintergrund getreten." So habe das Flüchtlingsthema bei nur zwölf Prozent der Hofer-Wähler eine wichtige Rolle gespielt.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache meinte zum Abschneiden Hofers: "Es ist eine politische Zeitenwende im positiven Sinn". Die Grünen-Chefin Eva Glawischnig sprach angesichts der Aufholjagd von Van der Bellen von einem "sehr ermutigenden Signal für Österreich".

Wer in Wien gewinnt, gewinnt die Wahl

Hajek geht davon aus, dass der Kandidat, der in Wien 60 Prozent oder mehr der Stimmen bekommt, am Ende die Wahl gewinnen wird. Nach dem aktuellen Stand der Dinge, hieße der Sieger dann van der Bellen:


Die erste Hochrechnung hatte noch Hofer knapp in Führung gesehen, dann hatte kurzzeitig Van der Bellen die Führung übernommen. Später pendelten sich die Zahlen auf ein Patt ein.

Was wollen die Briefwähler?

Ein Unsicherheitsfaktor bei den Hochrechnungen war die Rekordzahl von voraussichtlich etwa 700.000 bis 800.000 Briefwählern. Das sind mehr als zehn Prozent der 6,4 Millionen Wahlberechtigten. Grundsätzlich tendieren die Briefwähler in Österreich eher nicht zu rechten Kandidaten, theoretisch könnte Van der Bellen also noch die Wahl gewinnen.

Beide Kandidaten hatten sich in einem bisher beispiellosen Lager-Wahlkampf um die Nachfolge des im Juli ausscheidenden Bundespräsidenten Heinz Fischer beworben. Erstmals waren in der Stichwahl keine Kandidaten der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP vertreten. Unter anderem wegen des SPÖ-Debakels in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen war Bundeskanzler Werner Faymann zurückgetreten.


Die Wahl stieß international auf großes Interesse. Das Erstarken der Rechtspopulisten auch in anderen Ländern wird von EU und vielen Regierungen mit Sorge beobachtet. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte sich mit klaren Worten in den österreichischen Wahlkampf eingemischt und vor Hofer gewarnt.

"Schwenkt nicht rechts ein"

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, sagte der Nachrichtenagentur DPA: "Wer immer am Ende vorne liegt: Ein solches Ergebnis ist in einer Demokratie ein Auftrag, das Volk wieder zusammen zu führen und nicht zu spalten." Die Wahl sei ein Weckruf an alle Parteien der demokratischen Mitte in Europa, nicht auf den Kurs von Populisten einzuschwenken.

Das neue Staatsoberhaupt wird am 8. Juli vereidigt. Die Amtsdauer beträgt sechs Jahre. Der Bundespräsident darf sich laut Verfassung einmal zur Wiederwahl stellen.